Wirtschaft
Erst stark runter, dann wieder etwas rauf - am ende stehen aber negative Vorzeichen bei den deutschen Börsenindizes.
Erst stark runter, dann wieder etwas rauf - am ende stehen aber negative Vorzeichen bei den deutschen Börsenindizes.(Foto: picture-alliance/ dpa)

130 Punkte Handelsspanne: Dax-Anleger bleiben zittrig

Von Entspannung in der Ukraine-Krise kann keine Rede sein. Zusätzlich deutet sich in den USA eine Zinswende an und lässt die Anleger - auch hierzulande - aufhorchen. Raus aus Aktien, heißt am Mittag die Devise. Doch dann öffnet die Wall Street.

Nervöse Anleger und eine volatile Stimmung haben den deutschen Aktienmarkt zur Wochenmitte gekennzeichnet. Nach negativen Vorgaben aus Übersee und einer Zuspitzung der Ukraine-Krise startete der Dax mit deutlichen Abschögen von bis zu 1,5 Prozent. Als dann noch schlechter als erwartet ausgefallene Daten aus der deutschen Industrie dazukamen, markierte der Leitindex sein Tagestief bei 9030,72 Punkten. Es folgten überraschend schwache Wirtschaftsdaten aus Italien. Erst am späten Nachmittag setzte eine Gegenbewegung ein, denn die Wall Street zeigte sich nach anfänglichen Verlusten wieder gefestigter. Dennoch: Das Minus stand auch zu Handelsschluss.

Der Dax verabschiedete sich mit einem Abschlag von 0,6 Prozent und 9130 Punkten aus dem Handel. Sein Tageshoch markierte er bei 9166,21 Zählern. Der MDax verbilligte sich um 0,8 Prozent auf 15.396 Stellen. Der TecDax beendete den Mittwochshandel bei 1171 Punkten 0,9 Prozent schwächer.

"Der Markt auch deutlich überverkauft", kommentierte n-tv-Börsenexperte Frank Meyer und sagte eine Gegenbewegung am Nachmittag bereits voraus. Ein Händler meinte indes: "Wenn das nicht nur kurzfristiger Absicherungsbedarf ist, sondern Nettoverkäufe, dann kann es gleich nochmal 100 Punkte runtergehen." "Problematisch ist das Näherrücken der 9000er Marke", so ein weiterer Marktteilnehmer. Sie könnte von weiteren Investoren als psychologische Verkaufsmarke betrachtet werden. Alles in allem seien die Anleger nervös.

Sichere Häfen gesucht

Vor allem die Furcht vor einer Eskalation der Ukraine-Krise saß den Anlegern im Nacken. Nach Darstellung der polnischen Regierung zieht Russland Truppen an der Grenze zur Ukraine zusammen und bereitet damit möglicherweise eine Invasion vor. Damit rückten auch wieder die Wirtschaftssanktionen gegen Moskau in den Blick.

"Solche Zeitperioden sind normalerweise davon geprägt, dass Anleger jeglichem Risiko und somit auch Neuinvestments in Aktien abgeneigt sind. Das bedeutet tiefere Kurse", sagte ein Analyst.

"Wir sehen momentan, dass die Investoren die sicheren Häfen ansteuern", erklärte Dirk Gojny, Anleihenstratege bei der National-Bank die starke Nachfrage nach Bundesanleihen. "Und Risk-Off bedeutet, dass die Anleger in Treasurys und Bundesanleihen umschichten." Während die Renditen in Italien, Portugal und Griechenland teils deutlich anzogen, fielen sie bei den zehnjährigen Bundesanleihen auf 1,1 Prozent.

Schwache Industriedaten

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Negatives gab es dagegen von der deutschen Industrie. Die weltweiten Krisenherde machen ihr deutlich zu schaffen. Die Auftragseingänge gingen vor allem wegen eines Einbruchs bei den Großaufträgen im Juni gegenüber dem Vormonat um 3,2 Prozent zurück. Das Bundeswirtschaftsministerium machte für die Entwicklung hauptsächlich "geopolitische Entwicklungen und Risiken" verantwortlich, die offenbar zu einer Zurückhaltung bei den Bestellungen geführt hätten.

Im Mai hatte es bereits ein Auftragsminus von 1,6 Prozent im Vergleich zum April gegeben.

Aus für den Sprint-Deal

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Die stärksten Verluste im Dax mussten die Titel der Deutschen Telekom verkraften. Der Kurs rauschte um 2,8 Prozent nach unten, vorbörslich waren es zeitweise sogar 5 Prozent. Der Grund: Der US-Mobilfunker Sorint hat seine Übernahmepläne für T-Mobile US abgeblasen. Der Grund sind einem Insider zufolge kartellrechtliche Hürden.

Im US-Handel verbilligten sich T-Mobile US um rund 9 Prozent. Die Sprint-Mutter Softbank kam in Asien mit etwa 5 Prozent unter die Räder, Sprint an der Wall Street um mehr als 15 Prozent.

Zwei Probleme für die Lufthansa

Lufthansa-Titel gaben ebenfalls deutlich ab: 1,4 Prozent. Fluglinienaktien gehörten zu den Hauptverlierern an Europas Börsen. "Es gibt gleich zwei Krisenherde - das ist zuviel", sagte ein Händler. Zum einen belaste die Sorge, dass Russland die Überflugrechte über Sibirien als Gegenmaßnahme gegen EU-Sanktionen beschneidet. Damit müssten treibstoff-intensivere Umwege geflogen werden. "Das ist zwar unwahrscheinlich, da Aeroflot der Hauptnutznießer der Zahlungen dafür ist. Aber die Sorge ist da", so der Händler. Daneben rücke auch der Krisenherd Afrika mit dem Ebola-Ausbruch immer mehr in den Fokus der Investoren.

Zykliker sind nicht gefragt, Italien-BIP enttäuscht

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"Alles was Räder hat, kommt heute unter Selbige", kommentierte n-tv-Börsenexperte Meyer die Kursverluste im Automobilsektor: Daimler büßten 1,5 Prozent ein, Volkswagen 0,9 Prozent, BMW 0,5 Prozent und Continental 2,0 Prozent. Hier verwiesen Händler auf die Schwierigkeiten der Autokonzerne mit den chinesischen Behörden, die vor allem die Premiumhersteller Mercedes, BMW und Audi trifft. Selbst positive Absatzzahlen für den Juli - wie bei Daimler (plus 11,3 Prozent) - konnten nicht helfen.

Zudem belasteten schlechte Nachrichten aus Italien: Dort verlpren Fiat rund 9 Prozent. "Heute liegt es nicht an Gerüchten über einen drohenden Verkauf von Altaktionären, sondern Italiens BIP", sagte ein Händler. "Fiat ist immer noch viel zu stark vom italienischen Binnenmarkt abhängig." Das BIP war entgegen der Erwartung um 0,2 Prozent ins Minus gerutscht und signalisiert damit die Gefahr einer Rezession.

Siemens trennt sich von Krankenhaus-IT

Siemens-Aktien drehten kurz vor Handelsschluss noch leicht ins Plus. Der Konzern hat die Trennung vom Krankenhaus-IT-Geschäft bekanntgegeben. Der Preis ist zwar geringer als erwartet, das Geld kann der sich im Umbau befindliche Technologieriese aber gut gebrauchen - so schienen das zumindest die Anleger zu sehen.

Lanxess über den Erwartungen

Ein Dax-Gewinner waren Lanxess. Der Konzern meldete ordentliche Quartalszahlen und befriedigte damit die Anleger. Es reichte zu einem Plus von 2,6 Prozent. Dem Spezialchemiekonzern machte im zweiten Quartal die Schwäche im Kautschukgeschäft weiter zu schaffen. Analysten hatten allerdings ein Ergebnis in etwa auf dem berichteten Niveau prognostiziert. Peter Spengler von der DZ Bank ordnete das Zahlenwerk sogar als "über den Erwartungen" ein. Fresenius Medical Care verteuerten sich um 1,7 Prozent. Für Linde, Beiersdorf und K+S ging es ebenfalls leicht nach oben.

Von Sky bis Kuka: viele Blicke in Richtung MDax

Am MDax-Ende verloren die Papiere von Hannover Rück 3,5 Prozent, nachdem der Rückversicherer mit seinem Gewinnanstieg hinter den Markterwartungen zurückgeblieben war.

Starke Quartalsergebnisse und die Anhebung der Gesamtjahresziele trieben Anleger zum Einstieg bei Kuka. Die Aktien des Industrieroboter-Bauers stiegen zeitweise um mehr als 5 Prozent und schlossen am Ende 1,6 Prozent fester. Das Quartalsergebnis signalisiere ein starkes Marktumfeld, schrieb Equinet-Analyst Holger Schmidt in einem Kommentar. Es wiege die Belastungen durch die Integration von Reis Robotics auf. Mittelfristig könnte diese Akquisition die operative Marge auf sieben bis acht Prozent treiben. Seit Jahresbeginn haben Kuka-Titel mehr als 25 Prozent zugelegt. Der MDax gab im gleichen Zeitraum um mehr als sieben Prozent nach.

Sky-Deutschland-Papiere gaben 0,6 Prozent ab und tendierten damit besser als der Gesamtmarkt. Der Bezahlfernsehsender hat im zweiten Quartal erneut kräftig neue Kundschaft geworben. Die Zahl der Abonnenten wuchs zwischen April und Juni unter dem Strich um 82.000 auf gut 3,8 Millionen zahlende Nutzer. Das trieb auch den Umsatz, er kletterte um 14 Prozent auf 428 Millionen Euro. Zumindest vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen schaffte der seit Jahren defizitäre Sender auch wieder den Sprung in die schwarzen Zahlen: dort steht ein Ergebnis von 45 Millionen Euro, das fast um ein Viertel höher liegt als vor einem Jahr. Unter dem Strich reichte es aber wieder nicht: Dort steht ein Verlust von 2,5 Millionen Euro nach gut 1 Million im Vorjahr.

Bilfinger ärgert weiter

Der Krach in der Führung von Bilfinger hat auch am Mittwoch die Aktionäre vergrault. Die Aktien des Industriedienstleisters setzten ihren Abwärtstrend fort und büßten bis fast 3 Prozent ein. Die Analysten der Deutschen Bank kappten im Nachgang der zweiten Gewinnwarnung binnen fünf Wochen vom Vortag zudem ihr Kursziel drastisch auf 59 von 86 Euro. Die Experten der DZ Bank kassierten ihre Kaufempfehlung und setzten die Titel mit einem Kursziel von 55 (vorher 80) Euro auf "halten".

Norma enttäuscht

Mit Enttäuschung reagierten die Anleger auf das Zwischenergebnis des Industrie- und Autozulieferers Norma. Die Aktien gaben um rund 6 Prozent nach und zählten damit im MDax zu den größten Verlierern. Die Zahlen hätten leicht unter den Erwartungen gelegen, stellte Philippe Lorrain, Analyst bei Hauck & Aufhäuser fest. Er nahm daher sein Kursziel um einen auf 47 Euro herunter, bekräftigte aber seine Kaufempfehlung. Die Beibehaltung des Ausblicks sei konservativ auszulegen und mit Blick auf die geopolitischen Krisen gerechtfertigt.

Freenet punktet

Freenet überzeugten die Anleger mit ihrem Quartalsbericht. Die Aktien legten 1,2 Prozent zu. Trotz eines niedrigeren Umsatzes im zweiten Quartal weise das Unternehmen eine gute Profitabilität aus, schrieb LBBW-Analyst in einem Kommentar. Im zweiten Quartal steigerte Freenet seinen operativen Gewinn um 2,9 Prozent auf 87,6 Millionen Euro. Allerdings sank der durchschnittliche monatliche Umsatz pro Vertragskunde binnen Jahresfrist um ein Euro auf 21,5 Euro. "Die Modifikation beim Umsatz sollte nicht überraschen. Sowohl unsere Schätzungen als auch der Konsens gehen bereits von einem Umsatzrückgang aus", hieß es in einer Kurzstudie der DZ-Bank.

Kion büßten rund 2 Prozent ein. Der Gabelstaplerhersteller habe die hohen Erwartungen nur sehr leicht verfehlt, heißt es im Handel

Quelle: n-tv.de

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