Wirtschaft
Pelzig, schwer und an der Börse gar nicht gern gesehen: Die Bärenstimmung im Dax scheint nicht so schnell verfliegen zu wollen.
Pelzig, schwer und an der Börse gar nicht gern gesehen: Die Bärenstimmung im Dax scheint nicht so schnell verfliegen zu wollen.(Foto: REUTERS)

"Damit verstärken sich die Sorgen": Dax schließt tief unter der 9100

Schwere Zeiten im Aktienhandel: Mit einem dicken Bündel an Quartalsbilanzen im Rücken zieht es den deutschen Leitindex weiter in die Tiefe. Das Allzeithoch vom 20. Juni liegt bereits mehr als 1000 Punkte entfernt. Die Aussichten stehen schlecht.

Die Großwetterlage auf der politischen Weltkarte spricht gegen die Trendwende: Am deutschen Aktienmarkt geht es am vorletzten Handelstag der Woche weiter nach unten. Der sich abzeichnende Handelskrieg zwischen Russland und dem Westen hat die Stimmung der Börsianer schwer belastet. Für Enttäuschung sorgte zudem, dass die Europäische Zentralbank (EZB) keine klaren Signale für eine zusätzliche Unterstützung abgab.

Der Dax verabschiedete sich mit einem Minus von knapp 1,0 Prozent bei 9038,97 Punkten aus dem Handel. Das Tageshoch aus dem Verlauf liegt bei 9166,04 Zählern, das Tagestief bei 9025,82 Punkten. Der MDax beendete den Tag 0,29 Prozent tiefer bei 15.340,87 Punkten. Der TecDax gab 0,62 Prozent nach auf 1163,33 Punkte.

Der Eurostoxx50 schloss 1,23 Prozent im Minus bei 3012,88 Zählern. Verluste gab es auch beim Cac 40 in Paris und beim FTSE 100 in London. An der Wall Street notierten Dow Jones, Nasdaq und S&P 500 zum Handelsschluss in Europa nach anfänglichen Gewinnen kaum verändert.

"Dass Russland nach den Sanktionen der EU und der USA mit Gegensanktionen reagiert und an der Grenze zur Ukraine aufmarschiert, begräbt die Hoffnungen einer schnellen Deeskalation der Situation", sagte Marktanalyst Andreas Paciorek vom Brokerhaus CMC Markets. "Damit verstärken sich auch die Sorgen um die europäische Konjunktur." Zuvor hatte Russland den Import bestimmter Agrar-Güter gestoppt.

Enttäuschte Hoffnungen auf eine weitere Lockerung der Geldpolitik hatten dem Dax im Verlauf zeitweilig deutlich zugesetzt. Während der Pressekonferenz von EZB-Chef Mario Draghi drehte der deutsche Leitindex ins Minus und notierte zeitweise 0,4 Prozent niedriger bei 9095 Punkten. Vor Beginn der Pressekonferenz hatte er 0,3 Prozent im Plus gelegen. Am späten Nachmittag gerieten die Kurse dann immer stärker ins Rutschen.

Leitzins unverändert

Händlern zufolge hatten Anleger darauf gehofft, dass Draghi zumindest ein vorsichtiges Signal für eine weitere Lockerung der Geldpolitik geben könnte. Der EZB-Chef sagte lediglich, die Zentralbank werde die Auswirkungen der geopolitischen Spannungen und auch die Entwicklungen bei den Wechselkursen genau im Auge behalten. Der Leitzins in der Eurozone bleibt auf dem Rekordtief von 0,15 Prozent. Experten hatten damit gerechnet, dass die Währungshüter den Zins nicht antasten.

EZB-Präsident Draghi bekräftigte bei der traditionellen Pressekonferenz nach dem Zinsentscheid die Erwartung, dass das Zinsniveau im Euroraum für längere Zeit niedrig bleiben dürfte. Gefahren einer Deflation können die Währungshüter seinen Worten zufolge nicht erkennen. Der magere Preisanstieg im Juli sei, so Draghi, keine Überraschung gewesen.

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Die EZB stellt sich zudem auf eine mögliche weitere Lockerung ihrer Geldpolitik ein. Die Vorbereitungen für den Kauf von Kreditpaketen (Asset Backed Securities, ABS) von Banken seien verstärkt worden, sagte EZB-Präsident Mario Draghi. Mit diesem Schritt würden die Währungshüter den Freiraum für die Geschäftsbanken zur Kreditvergabe erhöhen. "Die EZB bleibt handlungsbereit, konkrete Hinweise auf neue Beschlüsse in naher Zukunft gab es allerdings nicht", bilanzierte Experte Ulrich Wortberg von der Helaba.

"Nichts Neues von Draghi", fasste ein Händler seine ersten Eindrücke aus der laufenden Pressekonferenz zusammen. Die Inflation werde in diesem und im kommenden Jahr niedrig bleiben. Zudem habe Draghi darauf hingewiesen, dass die geopolitischen Risiken die Wirtschaft belasten könnten.

Fünf Zwischenberichte im Dax

Auf der Ebene der Einzelwerte stehen die neuesten Ergebnisse aus der laufenden Berichtssaison im Vordergrund. Am Morgen haben allein aus dem deutschen Leitindex fünf Schwergewichte ihre Quartalszahlen vorgelegt: Telekom, Commerzbank, Adidas, Munich Re und Beiersdorf. Aus der zweiten Reihe drängen sich weitere prominente Namen in den Vordergrund: Geschäftsergebnisse gibt es unter anderem vom Flughafenbetreiber Fraport, dem Rüstungskonzern Rheinmetall und dem Stahlhändler Klöckner & Co.

Aus der anfallenden Zahlenflut ragten die Aktien der Commerzbank heraus: Die zweitgrößte Bank Deutschlands arbeitet sich weiter nach oben und schnitt im zweiten Quartal besser ab als von Analysten erwartet. Ein Händler hob vor allem die harte Kernkapitalquote positiv hervor. Das Institut profitierte vor allem von einer mehr halbierten Risikovorsorge. Zudem zahlt sich die von hohen Werbeanstrengungen begleitete Offensive im Privatkundengeschäft aus. Die konzerneigene "Bad Bank" reduzierte ihren Verlust. In der Sparte wickelt das Institut nicht mehr zum Kerngeschäft zählende Anlagen wie Schiffsfinanzierungen, Staatsanleihen und gewerbliche Immobilienkredite ab.

Am späten Nachmittag mussten die Coba-Anleger den Spitzenplatz im Dax allerdings an die Aktionäre von Infineon abgeben. Coba-Aktien beendeten den Tag 0,5 Prozent fester bei 10,46 Euro. Die Aktien von Infineon legten an der Indexspitze um 1,2 Prozent auf 8,22 Euro.

Der Rückversicherer Munich Re konnte am Morgen dank lukrativer Geschäfte an den Finanzmärkten einen Gewinnsprung vorweisen. Die Aktien des Dax-Konzerns fielen dennoch um knapp 2 Prozent zurück auf 149,05 Euro.

Auch Beiersdorf konnte den Erwartungen nicht gerecht werden, was die Aktien des Konsumgüterherstellers um 1,8 Prozent ins Minus drückte. Der starke Euro kostete den Nivea-Hersteller einen Großteil des Wachstums.

Die Aktien von Adidas büßten als mit Abstand schwächster Dax-Titel 4,5 Prozent ein. Eine Woche nach der drastischen Gewinnwarnung kürzte der Sportartikelhersteller bei der Vorlage endgültiger Quartalszahlen nun auch die Margenprognosen.

Bundesanleihen bei 0,0 Prozent

Die Aktien der Deutschen Telekom gaben ebenfalls nach Zahlen 1,5 Prozent ab auf 11,36 Euro. Beobachtern zufolge konnte der Aktienkurs im Verlauf nur zeitweise vom blendend laufenden Geschäft der US-Tochter T-Mobile US profitieren. Gleichzeitig verdichteten sich Hinweise darauf, dass nach dem Absprung der Softbank-Tochter Sprint nun neben der französischen Iliad auch Dish Networks an T-Mobile US interessiert ist.

An der MDax-Spitze verteuerten sich Klöckner & Co um plus 4,35 Prozent. Börsianer lobten die angehobene Gewinnprognose, nachdem sich der Aufwärtstrend des Stahlhändlers im zweiten Quartal beschleunigt hatte.

Insgesamt haben Anleger am deutschen Aktienmarkt einen weiteren rabenschwarzen Tag erlebt. Seit seinem Allzeithoch vom 20. Juni hat der Dax gut 1000 Punkte - oder 10 Prozent - verloren. Die Serie enttäuschender Konjunkturdaten riss nicht ab. Nun fiel auch die deutsche Industrieproduktion im Juni leicht. Damit schmolzen die Erwartungen an die Wachstumsaussichten für dieses Jahr weiter.

Auf der anderen Seite gab es für die Bundesanleihen nur eine Richtung - nach oben. Neben Konjunktursorgen stützten geopolitische Risiken, deren negative Folgen für die Wirtschaft EZB-Chef Draghi in seiner Pressekonferenz zum Zinsentscheid hervorhob. Die Entscheidung der EZB, die Leitzinsen bei 0,15 Prozent zu belassen, war hingegen weithin erwartet worden. Die Rendite zweijähriger Bundesschatzanweisungen sank auf 0,0 Prozent. Auch im Fünf- und Zehnjahresbereich erreichten die Renditen Rekordtiefs.

Am deutschen Rentenmarkt sank die Umlaufrendite börsennotierter Bundeswertpapiere von 0,93 auf 0,91 Prozent. Der Rentenindex Rex stieg um 0,13 Prozent auf 137,12 Punkte. Der Bund-Future gewann 0,32 Prozent auf 149,38 Punkte. Der Kurs des Euro stieg. Die EZB setzte den Referenzkurs auf 1,3368 (Mittwoch: 1,3345) Dollar fest. Der Dollar kostete damit 0,7481 (0,7493) Euro.

Quelle: n-tv.de

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