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Ein Bild für die deutsche Wirtschaftsgeschichte: Zum ersten Mal steigt der Dax über 9000 Punkte.
Ein Bild für die deutsche Wirtschaftsgeschichte: Zum ersten Mal steigt der Dax über 9000 Punkte.(Foto: REUTERS)

Riskanter Hype um Höchststände: Dax schließt nah an der 9000

"Anlagenotstand" an der Börse: Am deutschen Aktienmarkt gelingt dem Leitindex kurz vor dem Wochenende ein symbolträchtiger Vorstoß in neue Höhen. In den lauten Jubel mischen sich leise Zweifel: Wie lange kann die Rally dauern?

"Eigentlich war es ziemlich ruhig": Der symbolische Schritt in neue Höhen löste viel Jubel und wenig Anschlusskäufe aus.
"Eigentlich war es ziemlich ruhig": Der symbolische Schritt in neue Höhen löste viel Jubel und wenig Anschlusskäufe aus.(Foto: AP)

Der Aufstieg ist geschafft: Mit einem kurzen Sprung über eine psychologisch bedeutsame Marke ist der deutsche Aktienmarkt erstmals in den Bereich jenseits der 9000 Punkte vorgedrungen. "Liquidität treibt den Markt, der Weg nach oben ist offen", frohlockte ein Aktienhändler. Auf dem Börsenparkett in Frankfurt und Stuttgart brandete Jubel auf, als auf der Dax-Tafel zum ersten Mal die mit Spannung erwartete "Neun" erschien. Der Dax stieg in der Spitze um 0,3 Prozent auf 9010,65 Zähler und setzte damit einen neuen Meilenstein in seiner 25-jährigen Geschichte. Börsianer halten nun auch die magische 10.000-Punkte-Marke nicht mehr für unerreichbar.

Bis zum Abend konnte der Leitindex diese Höhe allerdings nicht halten: Der Dax ging mit einem bemerkenswert schmalen Plus von 0,06 Prozent bei 8985,74 Punkten aus dem Handel. Am Vortag hatte er bereits bei 8980,63 Punkten ein nun bereits veraltetes Rekordhoch markiert. Der neue Höchststand aus dem Verlauf liegt bei 9010,65 Punkten.

Der MDax schloss mit einem mageren Aufschlag von 0,09 Prozent ebenfalls leicht fester bei 15.860,44 Punkten. Der Technologiewerteindex TecDax verharrte bis zum Abend im Minus und beendet den Tag 0,09 Prozent schwächer bei 1119,45 Punkten.

Auf Wochensicht legte der Dax 1,36 Prozent zu. In den vergangenen Tagen erreichten auch der MDax der mittelgroßen Titel und der Kleinstwerte-Index SDax Rekordhöhen, der TecDax notierte zeitweise so hoch wie seit Februar 2002 nicht mehr. "Die Börsenampeln bleiben auf Grün", fasste Analyst Stefan de Schutter von Alpha Wertpapierhandel die Stimmung an den Märkten zusammen.

Punkt 13.19 Uhr: 9000 Punkte

Der Aufstieg in die Gewinnzone gelang dem Dax erst am Nachmittag: Zuvor hatte der unerwartete Rückgang beim Ifo-Index noch für enttäuschte Gesichter gesorgt und die trüben Auftaktkurse bestätigt. Das Geschäftsklima hatte sich im Oktober nach fünf Anstiegen in Folge wieder leicht abgekühlt. Als "Stimmungskiller" bei den deutschen Top-Managern erwiesen sich offenbar der US-Haushaltsstreit und der starke Euro.

"Trotz der leichten Enttäuschung liegt der Ifo-Index noch auf hohem Niveau", urteilte Helaba-Analyst Ralf Umlauf. "Dies spricht für eine anhaltende Erholung der deutschen Wirtschaft." Erst eine Serie von schwachen Monatsdaten würde das bisherige Szenario infrage stellen. Den Euro bremste die Stimmungsumfrage etwas aus - die Gemeinschaftswährung trat bei knapp unter 1,38 Dollar auf der Stelle.

"Run auf deutsche Aktien"

Einen konkreten, aktuellen Auslöser für den neuen Zulauf an der Börse konnten Beobachter nicht ausmachen. Experten verwiesen eher auf die bereits bekannten Argumente, die aus Anlegersicht generell für einen Einstieg in den Aktienmarkt sprächen. Insbesondere die Nebenwirkungen der Niedrigzinsen sorgten im Hintergrund für einen anhaltenden Aufwärtstrieb, hieß es. Der "Run auf deutsche Aktien" sei auf die Aussicht auf eine weiterhin ungedrosselte Dollarflut in den USA zurückzuführen. Zudem setzten die Anleger nach guten Konjunkturdaten auf ein starkes Wirtschaftswachstum in China.

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Ein weiterer wichtiger Impulsgeber für den Aktienmarkt ist die laufende Bilanzsaison: Vor dem Wochenende zeigten sich Anleger vor allem von den Ergebnissen bei BASF überzeugt: Ein kräftiger Gewinnanstieg im dritten Quartal trieb die Aktien des Chemiekonzerns um 1,3 Prozent in die Höhe. RWE-Papiere gewannen als zweitbester Dax-Wert 1,18 Prozent. Die Aktien von K+S gingen auf Erholungskurs und gehörten mit einem Plus von 1 Prozent zu den größten Dax-Gewinnern. Am Vortag hatten die Aktien nach enttäuschenden Zahlen des Wettbewerbers Potash mehr als 3 Prozent nachgegeben.

Auf der Verliererseite standen hingegen die Aktien der Lufthansa, die zu Wochenbeginn einen schrumpfenden Gewinn in den ersten drei Quartalen eingestehen mussten. Die Aktien verloren 1,7 Prozent.

Kräftige Kursverluste von 9,8 Prozent verbuchte nach negativ aufgenommenen Zahlen die MDax-Aktie von ElringKlinger. Der Autozulieferer trotzte zwar dem Abwärtstrend auf Europas Automärkten dank guter Geschäfte in Asien und Nordamerika. Händler äußerten sich aber enttäuscht vom Ausblick. Die Baden-Württemberger hatten vor weiteren negativen Wechselkurseffekten gewarnt, die ihre Ergebnisse im laufenden Jahr an das untere Ende der bisher angestrebten Bandbreiten drücken könnten. Wacker Chemie rutschten nach einem negativen Analystenkommentar um über vier Prozent in die Tiefe.

Volvo und Axa enttäuschen

Auf europäischer Ebene hinkten die meisten Handelsplätze dem Dax etwas hinterher. Der Eurostoxx50 gab 0,1 Prozent ab auf 3034 Punkte. Während die Börse in Paris leichter ins Wochenende ging, verzeichnete der Londoner Leitindex FTSE 100 ein kleines Plus. Enttäuschende Bilanzen drückten vielerorts die Stimmung. So musste unter anderem Volvo Kursverluste von 6,6 Prozent hinnehmen. Der schwedische Lkw-Bauer hat wegen eines großangelegten Modellwechsels weniger verdient als erwartet. Ebenfalls in Ungnade fiel Europas zweitgrößter Versicherer Axa wegen eines mageren Umsatzwachstums in den ersten neun Monaten. Die Papiere verloren in Paris rund 2 Prozent.

An der Wall Street überzeugten hingegen die Bilanzen von Amazon und Microsoft. Zudem stieg der Auftragseingang für langlebige Güter im September um 3,7 Prozent und damit stärker als erwartet. Die großen US-Indizes notierten zum Handelsschluss in Europa rund 0,1 Prozent höher.

Kein Ende der Rally in Sicht

Die laufende Berichtssaison trifft offenbar mit den immer stärker sichtbaren Auswirkungen der anhaltenden Liquiditätsschwemme zusammen: Die weit geöffneten Geldschleusen der Notenbanken, allen voran die amerikanische Fed, machen Aktien seit Monaten attraktiv. Schließlich werfen andere Anlagen wie Anleihen wegen der niedrigen Zinsen kaum Rendite ab.

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 Ein Ende der Rally ist nach Meinung vieler Experten nicht in Sicht - dabei hat das Börsenbarometer für die dreißig größten deutschen börsennotierten Unternehmen seit Jahresbeginn bereits rund 18 Prozent zugelegt. "Wir haben weiter die volle Breitseite der geldpolitischen Unterstützung, die Anleger haben selbst vor den 9000 Punkten keine Angst gezeigt, deshalb wird der Trend weiter nach oben gehen", sagte Marktstratege Robert Halver von der Baader Bank.

Für vermögende Kunden gebe es angesichts der niedrigen Renditen anderer Anlageklassen schlicht keinen Weg an Aktien vorbei. "Wir gehen davon aus, dass die Haupttreiber für die positive Aktienentwicklung expansive Geldpolitik, weltwirtschaftliche Erholung, Beruhigung der Staatsschuldenkrise sowie fehlende renditeträchtige Anlagealternativen weiter intakt sind", sagte auch Sören Wiedau vom Vermögensverwalter Weberbank.

"Es gab zwar viel Jubel und Glückwünsche via Twitter, aber es sind nicht panikartig Kaufaufträge abgegeben worden. Eigentlich war es ziemlich ruhig", beschrieb ein Händler die Reaktionen an der Börse zusammen. Seiner Meinung nach warteten Investoren lieber auf Kurs-Rücksetzer, um einzusteigen. Andere mahnten zur Vorsicht. In der Vergangenheit habe der Hype um Höchststände stärkere Korrekturbewegungen begünstigt, meinte etwa Jens Klatt vom Brokerhaus DailyFX.

Deutschland als sicherer Hafen?

Aktien seien generell "en vogue", erklärte Marktbeobachter Daniel Saurenz von Feingold Research. Vor allem aber wollten internationale Investoren deutsche Aktien. Deren Bewertung sei im internationalen Vergleich niedrig und die Unternehmen seien prächtig aufgestellt. Zudem laufe die Konjunktur immer besser.

Erst kürzlich hat die Bundesregierung ihre Prognose für 2014 angehoben. So rechnet sie statt bisher mit 1,6 Prozent jetzt mit einem Zuwachs beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 1,7 Prozent. Zudem wird ein weiterer Anstieg der Beschäftigung auf Rekordniveau erwartet. Die Zahl der Erwerbstätigen soll 2014 im Jahresdurchschnitt auf rund 42 Millionen zulegen.

In diesem Umfeld niedriger Zinsen verweisen Experten zudem auf einen "Anlagenotstand bei den Investoren". Neben der Freigiebigkeit der Notenbanken ist es der Mangel an Alternativen, der die Investoren zu Aktien greifen lässt. Anleihen von Top-Emittenten, wie den USA und der Bundesrepublik werfen weiterhin nur sehr magere Zinsen ab.

"Die schwachen Einkaufsmanager-Indizes aus Europa von gestern zeigen, dass die Erwartungen etwas zu euphorisch sind", hatte ein Händler am Morgen die Erwartungen gedämpft. Ein Fondsmanager äußerte sich dennoch optimistisch: "Wir waren in der Lage, jede Tretmine zu umgehen und Lösungen für alles zu finden, selbst wenn sie erst in der letzten Minute gekommen sind", sagte zum Beispiel Jay Wong, Portfolioverwalter von Payden & Rygel: "Dieser Markt wird weiter getragen von Wachstum und der Fähigkeit, jeder Kugel auszuweichen, die da kommen mag."

Am Rentenmarkt verharrte die durchschnittliche Umlaufrendite börsennotierter Bundeswertpapiere bei 1,45 Prozent. Der Rentenindex Rex fiel um 0,04 Prozent auf 133,61 Punkte. Der Bund-Future gewann 0,21 Prozent auf 141,04 Punkte. Der Euro fiel. Den Referenzkurs setzte die Europäische Zentralbank auf 1,3777 (Donnerstag: 1,3805) Dollar fest. Der Dollar kostete damit 0,7259 (0,7244) Euro.

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Quelle: n-tv.de

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