Wirtschaft
Die Daxkurve wirkt wenig spektakulär: Aus etwas mehr Abstand betrachtet ergibt sich das Bild eines anhaltend kühnen Höhenflugs.
Die Daxkurve wirkt wenig spektakulär: Aus etwas mehr Abstand betrachtet ergibt sich das Bild eines anhaltend kühnen Höhenflugs.(Foto: REUTERS)

Rekordschlusskurs an der Börse: Dax steigt ins Wochenende

Trübe Konjunkturdaten rufen am deutschen Aktienhandel eine scheinbar paradoxe Reaktion hervor. Die Rekordjagd geht weiter: Der deutsche Leitindex schließt so hoch wie nie zuvor. Der Dämpfer im Geschäftsklima wird kurzerhand "uminterpretiert".

Zwei große Einflussfaktoren haben am letzten Handelstag der Woche das Geschehen am deutschen Aktienmarkt beherrscht: Die anstehenden Wahltermine und die Veröffentlichung des Ifo-Index. Die Konjunkturdaten aus dem Inneren der deutschen Wirtschaften bescherten dem Handel einen Stimmungsdämpfer. Die schwachen Daten lösten jedoch keine größeren Verkaufsbewegungen aus. Im Gegenteil: Nach Bekanntgabe der richtungsweisenden Konjunkturdaten legten Anleger ihre Zurückhaltung ab. Die politischen Risiken der Wahlentscheidungen rückten mehr und mehr in den Hintergrund.

Der Dax bewegte in kleinen Schritten nach oben und ging schließlich 0,48 Prozent fester mit einem neuen Schlussrekord bei 9768,01 Punkten aus dem Handel. Damit fehlen dem deutschen Leitindex nur noch 42 Zähler bis zu seinem Verlaufsrekord bei 9810 Punkten, den er erst am Donnerstag vergangener Woche erreicht hatte. Auf Wochensicht steht mit dem aktuellen Schlusskurs ein Plus von 1,4 Prozent zu Buche. Das Tagestief liegt bei 0704,75 Zählern, das Tageshoch bei 9779,59 Punkten.

Der MDax beendete den Tag mit einem Kursgewinn von 0,76 Prozent auf 16.616,17 Punkte. Der TecDax schloss 0,54 Prozent im Plus bei 1257 Punkten. Der Eurostoxx50 verabschiedete sich 0,39 Prozent fester bei 3200,35 Punkten.

Nach uneinheitlich ausgefallenen Konjunkturdaten aus Deutschland legte der Dax zunächst nur moderat zu. Eine freundliche Wall Street habe dann am späten Nachmittag aber noch einmal neuen Schwung gebracht, sagten Händler.

Trotz der möglichen Stimmengewinne anti-europäisch eingestellter Parteien bei den Wahlen zum Europa-Parlament am Wochenende hat sich der Dax Börsianern zufolge in der zurückliegenden Woche gut geschlagen. "Vier von fünf Tagen mit Kursgewinnen und ein Anstieg von aktuell 1,3 Prozent zeigen, dass der Markt trotz aller Unkenrufe intakt ist", meinte ein Händler.

"Die Auswirkungen (der Europawahl) auf das Funktionieren der Europäischen Union dürften moderat sein", erklärte Michel Martinez von der Societe Generale. Konservative, Sozialdemokraten und Sozialisten dürften ihre Anteile behaupten und wie im Falle der Bankenunion Einfluss auf die Kommission und den Europäischen Rat nehmen. "Es gibt kaum Zweifel, dass die anti-europäischen Parteien keine Mehrheit haben werden und fragmentiert bleiben", meinte Martinez.

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Der Europäische Rat habe in der Vergangenheit den größten Einfluss auf die Politik der EU gehabt. "Daran dürfte sich kurzfristig nichts ändern." Der politische Einfluss des Europäischen Parlaments bleibe dagegen begrenzt.

Mit dem Ifo-Index waren am Vormittag neue Anhaltspunkte zum deutschen Geschäftsklima in den Vordergrund gerückt: Die Stimmung in der Wirtschaft hat sich im Mai stärker als erwartet eingetrübt. Das Barometer für das Geschäftsklima sank auf 110,4 Punkte von 111,2 Zählern im April, wie das Ifo-Institut zu seiner Umfrage unter rund 7000 Managern mitteilte. Ökonomen hatten nur mit einem Rückgang auf 110,9 Zähler gerechnet. Die Unternehmen beurteilten sowohl ihre Lage als auch ihre Geschäftsaussichten schlechter als zuletzt. "Die deutsche Wirtschaft legt eine Verschnaufpause ein", sagte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn.

"Die eigentliche, starke Botschaft"

Händlern zufolge hatten Investoren teilweise einen deutlicheren Dämpfer befürchtet. Der Index stehe vor allem mit Blick auf den Euro im Fokus der Anleger, sagte Junichi Ishikawa von IG Securities in Tokio. Am Devisenmarkt gab der Kurs des Euro deutlich nach. Die Gemeinschaftswährung fiel in einer deutlichen Reaktion von einem Niveau bei 1,3650 auf 1,3627 Dollar zurück.

An der Börse setzte nach dem Ifo-Dämpfer eine scheinbar gegensätzliche Bewegung ein: "Der schwächere Ifo-Index wird uminterpretiert", meinte ein Händler. "Er erleichtert EZB-Chef Draghi die Argumentation für geldpolitische Lockerungen im Juni". Mit starken deutschen Daten hätte es dagegen ein Argument weniger gegeben, die Zinsen zu senken oder ähnliches. Zudem stütze die den Ifo-Daten folgende Euro-Schwäche die exportorientierten Aktien.

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"Und als Sahnehäubchen dazu kommt, dass der Ifo auch vor dem Hintergrund der Russland-Ukraine-Krise auf extrem hohen Niveau verharrt", so der Händler weiter. Dies sei "die eigentliche, starke Botschaft hinter dem Ifo". Das wohl wichtigste europäische Stimmungsbarometer war zwar im Mai etwas stärker zurückgegangen als Volkswirte erwartet hatten. Das könnte aber die Hoffnungen auf geldpolitische Lockerungen durch die EZB noch befeuern, bestätigten Händler. Außerdem hält sich der Ifo-Index trotz des Rückgangs weiter auf einem hohen Niveau (siehe Info-Grafik zum Ifo-Index). "Die Fantasie auf Zinssenkungen bleibt erhalten", kommentierte Volkswirt Ralf Umlauf von der Landesbank Helaba.

"Bad Bank" für alte Atommeiler

Im Dax führten die Versorger die Liste der Tagesgewinner an: Die Aktien von RWE verteuerten sich an der Indexspitze um 1,8 Prozent. Die Aktien von Eon gewannen knapp 1,6 Prozent. "Vor einer Woche hat dank Goldman Sachs eine Trendwende in ihrer Betrachtung eingesetzt - seitdem geht es hoch", meinte ein Händler. Goldman Sachs habe vor allem ausländische Anleger mit ihrer Argumentation überzeugt und den Kursimpuls mit der Hochstufung auf "Kaufen" für RWE geliefert. Dies sei kurz nach den Quartalszahlen von RWE als Vertrauensbeweis gewertet worden.

Andere Beobachter führten die Kursaufschläge auf einen Bericht des "Handelsblatt" zurück, wonach die Kernkraftwerksbetreiber den früheren Bundeswirtschaftsminister Werner Müller in die Verhandlungen mit der Bundesregierung über eine Fondslösung für den Rückbau der Atomkraftwerke schicken wollen. Müller hätte als Ombudsmann sicherlich die nötigen Kontakte und Fähigkeiten, um in den Gesprächen zu vermitteln, sagte ein Händler.

Die Aktien der Lufthansa stiegen am Nachmittag zeitweise bis an die Dax-Spitze. Am Abend schlossen die Papiere der größten deutschen Fluggesellschaft 1,6 Prozent fester bei 18,61 Euro.

Die Deutsche Bank, die am Tag nach der Hauptversammlung ex Dividende gehandelt wurde, gab optisch starke 1,4 Prozent ab und bildete damit das Schlusslicht im Dax. Mit einem Dividendenabschlag abwärts ging es daneben auch für Salzgitter, United Internet und Pfeiffer Vacuum.

Trotz eines Dividendenabschlags von 50 Cent je Aktie legten Lanxess-Aktien um 0,5 Prozent zu. Rückenwind erhielten sie von einer Kaufempfehlung von Goldman Sachs. Aktien von Linde verloren dagegen nach einer Abstufung auf "Neutral" von "Kaufen" durch GS-Analysten 1,1 Prozent. Nach einer Kaufempfehlung durch die Investmentbank ging es für die Aktie des Duftmittelherstellers Symrise um 1,1 Prozent nach oben.

Der Autozulieferer Stabilus legte ein gelungenes Börsendebüt hin. Die Aktien des Koblenzer Unternehmens starteten auf Xetra bei 22,75 Euro - ein Plus von knapp 6 Prozent gegenüber dem Ausgabepreis von 21,50 Euro. Die Preisspanne hatte bei 19 bis 25 Euro gelegen. Zuletzt wurden 23,35 Euro je Stabilus-Aktie gezahlt. Stabilus stellt Gasfedern und hydraulische Dämpfer für die Autos, Bürostuhle und medizintechnische Geräte her. Das Unternehmen beschäftigt an elf Standorten in neun Ländern rund 3400 Mitarbeiter. Im zurückliegenden Geschäftsjahr lag der Umsatz bei etwa 460 Millionen Euro.

Auf europäischer Ebene bot sich Anlegern ein durchmischtes Bild: Der Cac 40 in Paris verzeichnete moderate Gewinne, der Londoner FTSE 100 dagegen ein kleines Minus. Am US-Aktienmarkt stand der Dow Jones zum europäischen Handelsschluss mit 0,31 Prozent im Plus.

Am deutschen Rentenmarkt verharrte die durchschnittliche Rendite börsennotierter Bundeswertpapiere bei 1,13 Prozent. Der Rentenindex Rex stieg um 0,03 Prozent auf 135,82 Punkte. Der Bund-Future sank um 0,03 Prozent auf 145,99 Punkte. Der Kurs des Euro fiel. Die Europäische Zentralbank setzte den Referenzkurs auf 1,3630 (Donnerstag: 1,3668) Dollar fest. Der Dollar kostete damit 0,7337 (0,7316) Euro.

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Quelle: n-tv.de

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