Wirtschaft
"Unkonventionelle Maßnahmen" sind für EZB-Präsident Draghi mittlerweile denkbar.
"Unkonventionelle Maßnahmen" sind für EZB-Präsident Draghi mittlerweile denkbar.(Foto: picture alliance / dpa)

Irgendwie "unkoventionell": Draghi lässt beim Dax die Luft raus

Die ganze Handelswoche fiebern die Anleger am deutschen Aktienmarkt der EZB-Ratssitzung und den anschließenden Äußerungen Mario Draghis entgegen. Am Ende gibt es warme Worte - und einen Kaufimpuls, der aber nicht lang vorhält.

Erst der Zinsentscheid, dann die Worte Mario Draghis und am Ende US-Konjunkturdaten: Nach einem verhaltenen Start, einem Abrutschen ins Minus und einer Mini-Handelsspanne von 20 Punkten im deutschen Leitindex Dax hat sich das Blatt am deutschen Aktienmarkt am Donnerstagnachmittag noch zum Guten gewendet: "Quantitative Lockerungen scheinen kein No-Go mehr für die EZB zu sein", sagte ein Händler. Diese Option, und mehr sei es bisher nicht, sowie die stärker verankerte Gewichtung des Euro in den EZB-Statements führten zur aktuellen Euro-Schwäche. Dies sorge im Gegenzug für Käufe am Aktienmarkt. Als stützend erwiesen sich vielmehr die US-Arbeitsmarktdaten.

Allerdings folgte einem Tageshoch beim Leitindex von 9690 Punkten wiederum die schnelle Ernüchterung: Der Dax schloss lediglich 0,1 Prozent im Plus bei 9629 Punkten. Der MDax verbesserte sich ebenfalls nur leicht: 0,1 Prozent auf 16.629 Zähler an. Der TecDax verbilligte sich sogar und ging 0,2 Prozent tiefer bei 1270 Stellen aus dem Handel.

US-Arbeitsmarkt und Draghis Worte

Die Europäischen Zentralbank (EZB) tastet den rekordniedrigen Leitzins von 0,25 Prozent nicht an. EZB-Präsident Draghi rechnet aber mit einer allmählich anziehenden Konjunktur in der Eurozone. Die Erholung der Wirtschaft werde zusehends durch eine stärkere Binnen-Nachfrage unterstützt, sagte er nach der jüngsten Ratssitung der Notenbank. Zudem sei mit einer kräftigeren Nachfrage nach Exporten aus der Eurozone zu rechnen, hieß es weiter.

Gleichzeitig machte Draghi aber auch klar, dass mit einer länger anhaltenden Phase niedriger Teuerungsraten zu rechnen sei. Er schloss eine weitere Lockerung der Geldpolitik deshalb nicht aus. In diesem Zusammenhang behalte sich die EZB auch "unkonventionelle Maßnahmen" vor.

"Ich denke, es dürfte was passieren, wenn die Inflationsrate - anders als erwartet - bald nicht steigt", sagte Commerzbank-Analyst Michael Schubert in einer ersten Einschätzung.

Ralf Umlauf, Marktstrategen der Helaba, wertete die Aussagen von Draghi dahingehend, dass die EZB kurzfristig keinen Handlungsbedarf sieht. Eine sich bessernde konjunkturelle Lage in der Eurozone sowie ein allmähliches Ansteigen der Inflationsrate setze die Notenbanker nicht unter Druck.

Die Erstanträge auf US-Arbeitslosenhilfe fielen mit 320.000 leicht über Markterwartung aus. Das schürte Hoffnungen, dass die US-Notenbank mit einer ersten Zinsanhebung noch etwas länger warten könnte.

Analysten machen Kurse

Unter den Einzelwerten im wichtigsten deutschen Börsenbarometer stachen auf der Verliererseite etwa Deutsche Bank heraus. Grund war eine negative Analysteneinschätzung von JP Morgan. Dei Titel, die an den Vortagen durchaus positiv aufgefallen waren, verloren 1,1 Prozent.

Ebenfalls zu den Top-Verlierern gehörten Deutsche Post, die 1,3 Prozent abrutschten. Gewinnmitnahmen nach dem Plus vom Mittwoch im Zusammenhang mit der "Strategie 2020" und auch einige Analystenstimmen führten Börsianer als mögliche Gründe an.

Die Lufthansa-Papiere drehten am Nachmittag ins Plus, nachdem sie im frühen Handelsverlauf zum Teil deutlich abgegeben hatten. Sie schlossen 0,1 Prozent fester - und das am zweiten Tag des Pilotenstreiks, der Tausende gestrichene Flüge nach sich zieht. Die Fronten in der Tarifauseinandersetzung blieben festgefahren.

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RWE-Papiere rückten nach Äußerungen des Personalvorstands Uwe Tigges in den Blick. In der "Rheinischen Post" sprach er von weiteren Soarmaßnahmen. Auch ein Verkauf der Zentrale in Essen werde dabei offenbar geprüft. Der vom Düsseldorfer Architekten Christoph Ingenhoven nach ökologischen Prinzipien konstruierte 127-Meter-Turm ist laut RWE das höchste Bürogebäude im Ruhrgebiet und hat sich zu einem Wahrzeichen der Region entwickelt. Tigges betonte zugleich, dass die RWE-Zentrale in Essen bleiben werde. RWE-Aktien büßten 0,6 Prozent ein.

Die Gewinnerliste im Leitindex führten FMC an - mit Aufschlägen von 3,3 Prozent. Ein Händler verwies auf den Capital Markets Day des Unternehmens in New York. Möglicherweise positionierten sich einige Anleger zuvor in der Hoffnung auf positive Nachrichten. Die Aktie hat sich in diesem Jahr bislang sehr volatil verhalten. Sie reagierte auf Geschäftszahlen und Ausblick im Februar mit einem Kurseinbruch, seit Mitte März wird die Aktie aber wieder verstärkt von den Anlegern gekauft.

Stada fielen 3,7 Prozent, nachdem die Commerzbank-Analysten sich zu Wort gemeldet haben. Die senkten das Kursziel auf 33 von 42 Euro deutlich ab.

"Mini-Konjunkturprogramm"

Vossloh zogen 0,9 Prozent an. Offenbar spekulierten einige Anleger darauf, dass Vossloh von dem bekanntgegeben "Mini-Konjunkturprogramm" der chinesischen Regierung und damit verbundenen Investitionen in den Zugverkehr profitieren kann, hieß es im Handel. Ein Marktteilnehmer warnte davor, die Nachrichten überzubewerten. Es sei vollkommen unklar, ob und vor allem in welchem Maß Vossloh von einer solchen Initiative der chinesischen Regierung profitieren werde. Die Vossloh-Aufschläge seien vor allem sentiment-getrieben.

S&P stuft SGL herab

Die Ratingagentur S&P beurteilt die Aussichten für den Graphitspezialisten SGL Carbon zunehmend schlechter. Standard & Poor's stufte das Langfrist-Rating für den MDax-Konzern daher auf "B+" von zuvor "BB-" herab. Auch eine weitere Ratingsenkung um eine Stufe schloss S&P für die kommenden sechs bis zwölf Monate nicht aus und versah die Bonitätsbewertung daher mit einem negativen Ausblick. Die Aktien gaben 0,4 Prozent nach.

Aus der Traum?

Nach der 0:3-Hinspiel-Niederlage von Borussia Dortmund bei Real Madrid im Viertelfinale der Champions League kam auch der Kurs der BVB-Aktie zeitweise unter die Räder. Rund 1,5 Prozent ging es für die Titel zunächst nach unten. Am Ende gingen die Papiere nahezu unverändert aus dem Handel. Dem BVB droht damit das Aus in der europäischen Königsklasse.

Sonst ging die Serie an Aktienplatzierungen weiter. Investoren nutzen das gute Umfeld an der Börse, um ihre Beteiligungen abzubauen. In den vergangenen Tagen wurden bereits größere Pakete in der Baumarktkette Hornbach und in dem Immobilienwert Gagfah platziert. Nun traf es die Aktien von Jenoptik. Laut Händlern wurden 4,88 Millionen Aktien oder 8,5 Prozent des Grundkapitals zu 12,15 Euro je Aktie bei Investoren platziert. Die Stücke sollen aus dem Besitz der Großaktionäre Meag und Ergo stammen. Jenoptik verloren 4,7 Prozent.

Quelle: n-tv.de

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