Wirtschaft
Vorzeichen am Nachmittag: Mit scharfen Spitzen rang der Dax mehrfach über die 9000er-Linie vor - am Abend schließt er bei 9022 Punkten.
Vorzeichen am Nachmittag: Mit scharfen Spitzen rang der Dax mehrfach über die 9000er-Linie vor - am Abend schließt er bei 9022 Punkten.(Foto: REUTERS)

Neues Rekordhoch an der Börse: Dax stürmt über die Linie

Die Herbstrally ist noch nicht beendet: In den letzten Minuten des Handels entwickelt der deutsche Aktienmarkt unvermittelt neue Kräfte und setzt zu einer starken Aufwärtsbewegung an. Kurz darauf steht fest - erstmals in seiner Geschichte schließt der Leitindex jenseits der 9000er Marke.

Im großen Handelssaal der Deutschen Börse bringt die elektronische Kursanzeige die Gesichter schon wieder zum Leuchten: Am zweiten Handelstag der Woche blicken Marktbeobachter auf einen neuen historischen Höchststand. Zum ersten Mal in seiner gut 25-jährigen Geschichte hat der deutsche Leitindex mit seinem Schlusskurs die Marke von 9000 Punkten überwunden.

Nach einem leicht unterkühlten Auftakt und zögerlichen Vorstößen nach oben geht der Dax mit einem Aufschlag von 0,48 Prozent auf einem neuen Rekordhoch bei 9022,04 Punkten aus dem Handel. Kurz vor Handelsschluss hatte das wichtigste deutsche Börsenbarometer zudem ein neues Verlaufshoch bei 9022,21 Zählern markiert. Der MDax kletterte um 0,31 Prozent auf 15.868,09 Punkte nach oben. Der TecDax legte um 0,27 Prozent auf 1125,29 Punkte zu.

Die Hoffnung auf weiterhin billiges Geld bezeichneten Experten als Hauptgrund für den anhaltenden Aufwärtsdrang. Einen konkreten Anlass für den unvermittelten Sprung über die 9000er-Marke konnten Beobachter zunächst nicht nennen.

Bereits am Morgen hatten Händler allerdings darauf hingewiesen, dass die anstehende Notenbanksitzung in den USA das Börsengeschehen noch bis Mittwoch dominieren werde. In Washington kommen zur Stunde die Mitglieder des mächtigen Offenmarktausschusses zusammen, um im Rahmen eines zweitägigen Treffens über den weiteren Kurs der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) zu beraten.

Jüngst veröffentlichte US-Daten legen nahe, dass die Währungshüter um Fed-Chef Ben Bernanke an ihren Niedrigzinsen und vor allem den Konjunkturhilfen bis auf weiteres festhalten werden. "Die jüngsten Konjunkturdaten in den USA waren nicht so gut, dass sie ein Rückfahren des Anleihenkaufprogramms rechtfertigen würden", bestätigte Marktstratege Jörg Rahn von Marcard, Stein & Co die Hoffnung vieler Anleger. Die Fed kauft derzeit monatlich Anleihen und Immobilienpapiere über 85 Milliarden Dollar. Die nächste Zinsentscheidung wird am Mittwoch verkündet.

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Zusätzlicher Rückenwind kam nach Ansicht von Beobachtern aus dem Süden und Westen der Eurozone: An den Börsen in Italien und Spanien zogen die Indizes bereits am späten Vormittag ins Plus. "Seit Tagen kaufen chinesische Anleger die Anleihen in der Peripherie", sagte ein Marktteilnehmer. Hier kämen die Renditen weiter zurück. Die Aktienmärkte in Mailand und Madrid hätten daraufhin ihre Korrektur der vergangenen Tage beendet.

Der Eurostoxx50 schloss 0,95 Prozent fester bei 3050,64 Punkten. Auch die Börsen in Paris und London verzeichneten Gewinne. In New York lag der Dow Jones Industrial zum Handelsschluss in Europa mit 0,61 Prozent im Plus. Am Devisenmarkt stieg der Dollar zu einem Korb aus sechs Währungen um 0,5 Prozent. Der Euro fiel bis auf 1,3738 Dollar und damit den tiefsten Stand seit einer Woche. "Hier wird in einigen Portfolios vor der Fed-Entscheidung am Mittwoch noch einmal hin- und hergeschichtet", sagte ein Händler. "Aber im Großen und Ganzen erwartet niemand, dass die Fed ihre Anleihenkäufe zurückfahren wird."

Mit der Fed weiter nach oben?

Alle warteten nun auf eine Ansage aus Washington, sagte Marktanalyst Kornelius Barczynski vom Brokerhaus GKFX. Sollte die Fed keine Hinweise auf einen baldigen Rückzug aus ihrer ultralockeren Geldpolitik liefern, könnten die Aktienkurse weiter auf neue Höchststände steigen, schätzt der Börsenexperte. Ähnlich sieht Thilo Müller von MB Fund Advisory die aktuelle Phase: "Der Markt holt derzeit Kraft für einen signifikanten Sprung über die Marke von 9000 Punkten", sagte er.

Hierzulande könnten zudem gute Unternehmensnachrichten den Weg für weitere Kursgewinne ebnen. Entsprechend gespannt verfolgten die Anleger Nachrichten aus der laufenden Berichtssaison. Nach einem heftigen Gewinneinbruch im dritten Quartal waren im Dax die Titel der Deutschen Bank zunächst deutlich abgesackt, bevor sie ins Plus drehten und um 0,86 Prozent auf 36,21 Euro stiegen. Einige Analysten hätten die langfristigen Perspektiven für die Papiere des Finanzinstituts weiter optimistisch bewertet und damit den Kurs gestützt, sagten Börsianer.

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Weitere Quartalsberichte aus dem europäischen Bankensektor zeichneten ein eher ernüchterndes Bild zur Lage: Für Enttäuschung sorgten auch die Zwischenergebnisse von UBS und Lloyds, die ebenfalls durch hohe Rückstellungen für Rechtsstreitigkeiten belastet wurden. "Das zeigt, dass die Gerichtsverfahren jetzt doch mit deutlich größerer Sorge gesehen werden", sagte Rahn. Dazu habe sicher auch der milliardenschwere Hypothekenvergleich von JP Morgan in den USA beigetragen.

Aber auch die Geschäftsentwicklung der Kreditinstitute insgesamt missfiel den Anlegern. Vor allem das Investmentbanking konnte kaum überzeugen. Mit einem Kursverlust von 7,7 Prozent wurde die UBS besonders hart abgestraft. Die Schweizer Bankenaufsicht verlangt, dass das Institut seine Rechtsrisiken um etwa zehn Prozent höher ansetzt als bislang. Die Aktien von Lloyds gaben in London um 2 Prozent nach. Die Titel der Deutschen Bank schlossen dagegen 0,9 Prozent höher, nachdem sie am Morgen um bis zu 3,3 Prozent abgerutscht waren. "Vielleicht hat das damit zu tun, dass Morgan Stanley die Anlageempfehlung mit 'Overweight' bestätigt hat", sagte ein Händler.

Das Schlusslicht im Dax hielt am Dienstag die Deutsche Börse: Die Aktien des Börsenbetreibers gaben kurz vor der angekündigten Zahlenvorlage um 1,9 Prozent nach auf 56,31 Euro. Investoren stieß hier negativ auf, dass der Börsenbetreiber wegen Rechtsstreitigkeiten Geld zurücklegen muss. Die US-Exportkontrollbehörde OFAC hat das Unternehmen wegen Geschäften mit dem Iran ins Visier genommen und dem Konzern am Montagabend eine Strafe von 122 Millionen Euro angedroht. Die Deutsche Börse legt noch am Abend Zahlen für das dritte Quartal vor.

Zu den weiteren Dax-Verlierern gehörten die Titel von Linde mit einem Minus von 0,41 Prozent. Ungünstige Wechselkurse hatten das Wachstumstempo des Industriegase-Spezialisten und Anlagenbauers im dritten Jahresviertel gebremst. Das Unternehmen schränkte daher seine operative Gewinnprognose leicht ein.

Im MDax dagegen schossen die Aktien von DMG Mori Seki (vormals Gildemeister) - ebenfalls nach Zahlen - um rund 10 Prozent an die Index-Spitze. Der Werkzeugmaschinenbauer hatte nach Gewinnzuwächsen im dritten Quartal seine Jahresprognose angehoben.

In London honorierten Anleger die Pläne von BP: Nach einem überraschend hohen Quartalsgewinn plant der Ölkonzern den Verkauf von Geschäftsteilen und die Anhebung der Dividende. Die Aktien zogen daraufhin um 5,6 Prozent an.

Am deutschen Rentenmarkt fiel die durchschnittliche Rendite börsennotierter Bundeswertpapiere auf 1,43 (Montag: 1,44) Prozent. Der Rentenindex Rex stieg um 0,11 Prozent auf 133,73 Punkte. Der Bund-Future legte ebenfalls um 0,11 Prozent zu, und zwar auf 141,22 Punkte. Der Kurs des Euro sank. Die Europäische Zentralbank setzte den Referenzkurs auf 1,3768 (Montag: 1,3784) Dollar fest. Der Dollar kostete damit 0,7263 (0,7255) Euro.

Quelle: n-tv.de

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