Wirtschaft
Zum Haare raufen: Nach einem deutlichen Gewinntag kehrt am deutschen Aktienmarkt bereits wieder Ernüchterung ein.
Zum Haare raufen: Nach einem deutlichen Gewinntag kehrt am deutschen Aktienmarkt bereits wieder Ernüchterung ein.(Foto: picture alliance / dpa)

Viel los auf dem Börsenparkett: VW und Russland crashen die Dax-Party

Über mangelnde Impulse können sich die Börsianer am deutschen Aktienmarkt nicht beschweren. Zuerst überrascht SAP mit seinem Ausblick, dann VW mit einem scheinbaren Interesse an Fiat. Am Ende siegt aber die große Politik.

Neue Sanktionen gegen Russland und ein abgeschossener ukrainischer Kampfjet haben am Donnerstag den Handel am deutschen Aktienmarkt überschattet und für Verstimmung unter den Anlegern gesorgt. Ein positiv aufgenommener Ausblick von SAP wurde dadurch in den Hintergrund gedrängt. Bei den Einzelwerten kochte zudem ein Übernahmegerücht.

"Der Dax hat die Party bereits am Mittwoch gefeiert", kommentierte n-tv-Börsenexpertin Katja Dofel bereits am Mittag: Am Vortag hatte der Dax seinen größten Tagesgewinn seit rund drei Monaten eingefahren.

Am Donnerstagabend stand beim Leitindex nach einer rund 100 Punkte umfassenden Berg- und Talfahrt ein Minus von 1,1 Prozent bei 9754 Punkten. Damit gab er die 9800 wieder her. Die Marke gilt als wichtig im Hinblick auf einen Angriff auf 10.000 Punkte. Ein Händler warnte: Ohne den Rückenwind durch eine starke Berichtssaison und die Aussicht auf eine geldpolitische Wende in den USA in den kommenden Monaten dürfte es dem Dax schwerfallen, nachhaltig über die Marke von 10.000 Punkten zu steigen. Dazu komme, dass Aktien auf dem jetzt erreichten Niveau nicht mehr günstig seien.

Der MDax schloss 0,1 Prozent schwächer bei 16.452 Zählern. Der TecDax rutschte 0,8 Prozent auf 1259 Stellen ab. Auch an der Wall Street gaben die Kurse bis zum Vormittag (Ortszeit) nach.

Russland beschäftigt die Anleger

Die neuen Sanktionen gegen Russland in der Ukraine-Krise bewegten den Markt zusehends. Erschwerend kam hinzu, dass ein ukrainischer Kampfjet womöglich von russischer Seite abgeschossen wurde. Zu deutlichen Abschlägen kam es allerdings vor allem an der russischen Börse.

Dem Händler Markus Huber vom Londoner Broker Peregrine & Black zufolge fallen die Strafmaßnahmen in der Ukraine-Krise schärfer aus als zuvor erwartet. Hinzu komme Unsicherheit um die künftige Zinspolitik der US-Notenbank. Notenbankchefin Janet Yellen und der Chef der regionalen Notenbank von Dallas, Richard Fisher, hätten sich mit Aussagen zum möglichen Timing einer Leitzinserhöhung widersprüchlich geäußert, sagte er.

Verbraucherpreise bleiben niedrig

Unterdessen blieb die Inflation in der Eurozone im Juni auf sehr niedrigem Stand stabil. Die Preise verteuerten sich im Schnitt um 0,5 Prozent. Erste Schätzungen von Ende Juni wurden damit bestätigt. Einen halben Prozentpunkt hatte die Rate auch im Mai und davor im März betragen. Das ist der niedrigste Stand seit der Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009.

In Deutschland betrug die Inflationsrate im Juni laut Statistischem Bundesamt ein Prozent. Im Mai waren die Verbraucherpreise um 0,9 Prozent im Jahresvergleich angestiegen. Damit blieb die Preissteigerung klar unter dem EZB-Ziel von zwei Prozent.

Die wöchentlichen Arbeitsmarktdaten aus den USA fielen leicht besser aus als erwartet. Die Daten vom US-Häusermarkt enttäuschten indes.

SAP kann überzeugen

Bei den Einzelwerten schauten die Anleger hierzulande auf SAP: Trotz Gegenwindes durch ungünstige Währungsentwicklungen waren die Zweitquartalszahlen von SAP nach Einschätzung der DZ-Bank solide ausgefallen. Die wichtigsten Kennziffern hätten sich leicht über den Erwartungen entwickelt. Das Cloud-Geschäft entwickele sich vielversprechend und besser als bei einigen Mitbewerbern. Positiv hob Analyst Harald Schnitzer die starke Entwicklung des Cashflow im ersten Halbjahr hervor. Die DZ-Bank bestätigte nach den Geschäftszahlen die Kaufempfehlung für die SAP-Aktie und nannte einen fairen Wert von 63 Euro. SAP-Aktien zogen 2,7 Prozent an und waren damit mit Abstand größter Gewinner im Dax.

Will VW Fiat schlucken?

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Größter Verlierer im Leitindex waren Volkswagen.  Dahinter steckte ein Bericht des "Manager Magazins", wonach Europas Branchenprimus Interesse am Konzern haben soll. "So doll findet das die Börse nicht", kommentierte n-tv-Börsenexperte Frank Meyer. Das "Interesse von Volkswagen an Fiat/Chrysler ust verständlich", sagte n-tv.de-Autoexperte Helmut Becker. Die eigenen Schwächen im globalen Kontext wie im Konzern-Markenportfolio könnten so ausgemerzt werden.

"Zudem würden Piech/Winterkorn mit der Übernahme über Chrysler endlich den Fuß in den amerikanischen Markt kriegen", begründet Becker weiter. Gleichzeitig könne man mit dem "Fiat 500 und der daran beteiligten Kooperation mit Tata Motors die Tür nach Indien und generell in den Kleinwagenmarkt im Süden öffnen." Und: Mit der Marke Alfa Romeo könne man einen ernsthaften sportlichen Wettbewerber mit südlichem Flair zu BMW erwerben, so Becker abschließend. Die Dementis der Konzerne folgten. Die VW-Titel gaben 2,5 Prozent ab.

Acea-Zahlen verpuffen

Aufmunternde Zahlen konnte diesmal auch der Branchenverband Acea nicht liefern. Das Wachstum ist zwar weiterhin vorhanden, wird aber schwächer, so das Fazit. BMW fielen 0,9 Prozent, Daimler 2,0 Prozent.

Lufthansa setzt Zeichen

Keinen großen Kurstreiber für Lufthansa sahen Händler in Berichten, die Fluggesellschaft wolle sich von ihren Anteilen an der US-Fluggesellschaft Jet Blue trennen. "Das war nie als großer Profitbringer betrachtet worden", sagte ein Händler. Letztlich sei es nur um Start- und Lande-Slots auf dem Flughafen John F. Kennedy gegangen. Tendenziell seien aber alle Maßnahmen in Richtung Kapazitätsanpassungen bei der Lufthansa positiv zu werten. Sie würden als Zeichen für ein aktives Management der Auslastung und damit auch der Profitabilität gesehen. Die Lufthansa-Papiere büßten 2,5 Prozent ein.

Kauft Siemens zu?

Als "strategisch sinnvoll" stufte Commerzbank-Analyst Ingo-Martin Schachel ein mögliches Siemens-Gebot für den US-Kompressoren- und Turbinenhersteller Dresser-Rand ein. Das "Manager Magazin" berichtete unter Berufung auf Siemens-Kreise, dass der Konzern bereits seit vielen Monaten an einem entsprechenden Gebot für den Ausrüster für die Öl- und Gasindustrie arbeite. Während des Bieterkampfs um den französischen Rivalen Alstom im Mai und Juni sei das Projekt vorübergehend auf Eis gelegt worden. Mit einer Marktkapitalisierung von rund 4,6 Milliarden Dollar, umgerechnet 3,4 Milliarden Euro, wäre eine Übernahme des US-Unternehmens "nicht preiswert". Siemens-Titel verloren 1,6 Prozent.

Eon im Fokus

Bei dem möglichen Verkauf von spanischen Eon-Anlagen zweifelten die Analysten der Banco Portugues de Investimento (BPI) daran, dass diese an den spanischen Versorger Energias de Portugal (EDP) gehen werden. Dieser schiene zwar ein natürlicher Interessent der Eon-Netze zu sein, die Synergien dürften sich aber lediglich auf die geographische Nähe beschränken. Das Interesse an den Eon-Vermögenswerten dürfte generell gering sein, so die Analysten weiter. Eon-Titel gaben 2,3 Prozent nach.

Wie läuft's bei der Konkurrenz?

Unter den Nebenwerten schauten einige Anleger zunächst ins Ausland, um dann die entsprechenden Konkurrenztitel zu beobachten: Positiv kamen etwa die Umsatzzahlen von Carrefour im Handel an. Der französische Einzelhändler konnte im Zweitquartal vor allem beim organischen Wachstum überzeugen. Mit 4,9 Prozent Plus habe es am oberen Ende der Markterwartungen gelegen. Zudem gefalle der Ausblick, hieß es. Metro konnte davon aber nicht profitieren. Die Papiere büßten 3,1 Prozent ein.

Als im Rahmen der Erwartungen liegend wurden im Handel die Geschäftszahlen von Novartis beschrieben. Operativ habe sich das Pharmageschäft etwas besser entwickelt, sagte ein Teilnehmer. Bayer konnten keinen Nutzen daraus ziehen, sie gaben 1,6 Prozent ab. Merck indes gewannen 0,6 Prozent.

Ein ähnliches Bild bei Symrise: Gute Geschäftszahlen von Givaudan sollten Händlern zufolge zwar den Aktienkurs treiben, ließen die Anleger aber kalt: Symrise-Anteilsscheine verbilligten sich um 0,8 Prozent.

Die Schweizer sind der umsatzstärkste Hersteller von Duftstoffen und damit ein guter Indikator für die Nachfrage in der Branche. Kritisch merkte der Händler an, dass die Bewertungen von Symrise aber sehr ausgedehnt seien.

Quelle: n-tv.de

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