Wirtschaft
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Freitag, 09. Juni 2017

Dax nimmt wichtige Hürde: Mays Wahlpleite lässt Börsen kalt

Für Großbritanniens Premierministerin geht ein schwarzer Tag zu Ende. Die deutsche Börse zeigt sich von der Briten-Wahl dagegen wenig beeindruckt. Zum Wochenausklang legt der Dax nochmal zu.

Die Parlamentswahl in Großbritannien hat den Dax am Freitag weniger beeinflusst als befürchtet. Die Anleger am deutschen Aktienmarkt reagierten zuversichtlich auf den Wahlausgang. Der weiterhin sehr starke deutsche Außenhandel sorgte zusätzlich für gute Laune.

Der Dax, der zum Handelsauftakt wieder die Marke von 12.800 Punkten übersprungen hatte, schloss mit 0,8 Prozent im Plus bei 12.815 Punkten. Im Wochenverlauf verbucht er damit ein kleines Minus von 0,4 Prozent.

Der MDax stieg 1 Prozent auf 25.411 Punkte und der Technologiewerte-Index TecDax gewann 0,6 Prozent auf 2309 Punkte. Auf europäischer Ebene rückte der Eurozonen-Leitindex EuroStoxx 50 0,5 Prozent auf 3583 Zähler vor.

Anleger hoffen, dass die geplante Scheidung Großbritanniens von der EU friedlich ausfällt - oder gar beide am Ende doch noch zusammenbleiben. "Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Exit vom Brexit eintritt, liegt nach meiner Meinung jetzt bei 60 Prozent mit zunehmender Tendenz", sagte Folker Hellmeyer, Chef-Analyst der Bremer Landesbank. Premierministerin Theresa May wurde von Königin Elizabeth II. mit der Regierungsbildung beauftragt. May bekräftigte ihre Absicht, das Vereinigte Königreich aus der Europäischen Union zu führen.

Unternehmensnachrichten waren rar gesät. Bei den Einzeltiteln profitierten vor allem die Aktien von Heidelbergcement. Nach einer positiven Analysteneinschätzung verteuerten sie sich an der Index-Spitze um 3,1 Prozent. Zudem platzierte das Unternehmen eine Anleihe im Volumen von 500 Millionen Euro und einer Laufzeit bis Juni 2027.

Bei den Versorgerwerten setzten am Freitag Gewinnmitnahmen ein. Nach den Aufschlägen im Zusammenhang mit dem günstigen Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Brennelementesteuer überraschte dies nicht. Der Sektor ist einer der Hauptgewinner im Dax in diesem Jahr. RWE verloren 1,3 Prozent und Eon 0,3 Prozent.

Ein Bürgschaftsantrag trieb den Kurs von Air Berlin. Er legte um 3,1 Prozent zu und nähert sich wieder der Marke von einem Euro. Das Bundeswirtschaftsministerium prüft gemeinsam mit den Bundesländern Nordrhein-Westfalen und Berlin einen Bürgschaftsantrag der hoch verschuldeten Fluggesellschaft. Sollte Air Berlin ein tragfähiges Zukunftskonzept besitzen, könnte das Hilfsprogramm genehmigt werden, heißt es am Markt. "Dann gibt es neue Hoffnung auch für den Kurs", sagt ein Händler. Ohne tragfähiges Geschäftsmodell gebe es keine Bürgschaft und damit auch keine besseren Zukunftsperspektiven.

Airbus zogen um 2 Prozent an. Händler verwiesen dabei auf Aussagen von Ferdinando Alonso. Der Chef der Militärflugzeugsparte sagte, die Gespräch mit den Kunden wegen der Probleme mit dem A400M kämen voran. Die Parteien hätten aber Stillschweigen zu den Details vereinbart.

"Hung Parliament" in London

Bei den Brexit-Verhandlungen hält auch Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer nunmehr eine Einigung mit Großbritannien für wahrscheinlich. Zwar sei völlig offen, wie die nächste britische Regierung aussehen werde und auch Neuwahlen seien möglich, sagte Krämer. Aber eines sei sicher: "Der harte Brexit wurde abgewählt."

Auch der FTSE 100 legte nach dem Wahldesaster für May zu. Der Londoner Leitindex "Footsie" nahm zunächst Kurs auf sein Rekordhoch und legte bis zu 1,3 Prozent zu, im Verlauf schmolz das Kursplus ab auf 1 Prozent und 7523 Punkte.

Zu den größten Verlierern an der Londoner Börse gehörten die Aktien von Banken, weil sie besonders von einer möglichen Konjunktureintrübung betroffen wären. Lloyds und Royal Bank of Scotland büßten 1 beziehungsweise 2,2 Prozent ein. Barclays legten um 0,8 Prozent zu.

Auch Luftfahrt- und Tourismuswerte flogen aus den Depots. Thomas Cook, Easyjet und die British-Airways-Mutter IAG verloren bis zu 1 Prozent. Die Papiere der Rivalen Lufthansa und Air France-KLM stiegen dagegen auf ihre höchsten Stände seit drei Jahren.

Mit der aktuellen Situation eines "Hung Parliament", eines Unterhauses ohne klare Mehrheit, habe die politische Unsicherheit in dem Vereinigten Königreich zwar spürbar zugenommen, schrieb Großbritannien-Experte Sören Hettler von der DZ Bank. Deshalb sei auch das britischen Pfund deutlich unter Druck geraten. Dies wiederum stützte aber den Aktienmarkt, denn eine schwache Landeswährung könnte den Export ankurbeln.

Großbritannien steht kurz vor Beginn der Brexit-Verhandlungen über einen EU-Austritt vor einer komplizierten und möglicherweise langwierigen Regierungsbildung. Im Vordergrund steht nun die Frage, ob die Brexit-Gespräche überhaupt wie geplant am 19. Juni starten können. Wer sie führen wird, scheint nach den Wahlen ungewiss.

Noch keinen Reim auf die neusten Entwicklungen hat sich die Ratingagentur Moody's gemacht. Sie will nach der Wahlschlappe erst einmal abwarten, den Prozess der Regierungsbildung beobachten und die Konsequenzen für die Kreditwürdigkeit des Landes "zu gegebener Zeit" beurteilen. Die Kreditwächter wiederholen aber ihre Einschätzung, dass die Entwicklung des Ratings großteils vom Ergebnis der Brexit-Verhandlungen und vom Wachstumsausblick abhängt.

Die nach nun entstandene Hängepartie könnte noch eine große Rolle bei den Brexit-Gesprächen spielen. Guy Verhofstadt, Verhandlungsführer für das EU-Parlament, twittete: "Schon wieder ein Eigentor, nach Cameron macht May eine bereits komplexe Verhandlung noch schwieriger."

USA: Wall Street uneinheitlich

Die Wall Street ist trotz Mays Wahldebakel zwischenzeitlich auf Rekordstände gestiegen. Der Chef des New Yorker Vermögensverwalters Ladenberg Thalmann, Phil Blancato, sagte, die Konservativen verlören in den Brexit-Gesprächen nicht gänzlich die Kontrolle. Die Verhandlungen über den Austritt aus der EU könnten noch immer geordnet vonstattengehen.

US-Investoren zeigten sich auch erleichtert, weil die Befragung des früheren FBI-Chefs James Comey nach ihrer Ansicht keine Neuigkeiten ans Licht brachte, die zu einer Amtsenthebung von Präsident Donald Trump führen könnten. Die Vernehmung vor einem Senatsausschuss hatte schon am Donnerstagabend für steigende Kurse gesorgt.

Der Dow Jones legte um 0,4 Prozent zu und schloss bei 21.271 Punkten. Der S&P 500 sank nach anfänglichen Gewinnen 0,1 Prozent auf 2432 Zähler. Dagegen verlor der Nasdaq-Index 1,8 Prozent auf 6208 Stellen.

In New York waren vor allem Bank-Aktien gefragt. Goldman Sachs stiegen um 1,4 Prozent, JP Morgan um 2,3 Prozent und Bank of America um 1,5 Prozent. Die US-Notenbank Fed wird wahrscheinlich in der kommenden Woche ihre Leitzinsen erneut erhöhen. Das wiederum könnte sich auf die Gewinne der Institute positiv auswirken. Nach einer Analyse des Börsenbetreibers CME sehen Händler die Wahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung in der kommenden Woche bei 99,8 Prozent.

Eine Achterbahnfahrt gab es für den Chiphersteller Nvidia. Die Aktie erreichte zunächst den Rekordwert von 168,50 Dollar. Dann aber erklärte das Onlineportal Citron Research, die Aktie könnte bis auf 130 Dollar zurückfallen. zum Handelsschluss betrug das Minus dann 6,9 Prozent.

Asien: Börsen reagieren verhalten

Die Börsen in Asien hatten sich am Morgen von den sich anbahnenden Problemen in Großbritannien weitgehend unbeeindruckt gezeigt. Positive Vorzeichen überwogen, anfängliche vereinzelte Minuszeichen verschwanden recht schnell wieder. In Tokio kletterte der Nikkei-Index mit einem Aufschlag von 0,5 Prozent auf 20.013 Punkte wieder über die 20.000er Marke. Hier stützte auch die positive Yen-Entwicklung.

An den anderen Handelsplätzen fielen die Gewinne moderater aus. Die Ausnahme war Seoul, dort markierte der Kospi ein neues Rekordhoch. Der Index schloss mit einem Plus von 0,8 Prozent. Auch in Shanghai ging es mit den Kursen aufwärts, der Shanghai-Composite legte um 0,3 Prozent auf 3.159 Punkte zu.

In Hongkong reduzierte sich der Hang-Seng-Index dagegen um 0,1 Prozent. Hier standen mit dem Wahlausgang in Großbritannien die Kurse britischer Aktien unter Druck. "Für den Markt ist ein 'Hung Parliament' das schlechteste Szenario, denn dies schafft erhöhte Unsicherheiten", so Stratege Jameel Ahmad von FXTM.

Softbank-Aktien schossen in Tokio um 7,4 Prozent nach oben. Hier stützte der positive Ausblick des Online-Händlers Alibaba. Dieser peilt für 2018 ein Umsatzwachstum von 45 bis 49 Prozent an. Eine erhöhte Risikobereitschaft helfe auch Aktien wie Softbank, hieß es von Fondsmanager Mitsushige Akino von Ichiyoshi Asset Management. Die Softbank-Aktie markierte den größten Tagesgewinn seit November, ergänzte der Teilnehmer.

Devisen: Pfund bricht ein

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Das britische Pfund Sterling rutschte nach Mays Wahlniederlage um bis zu zwei Prozent auf 1,2695 Dollar ab. Das war der tiefste Stand seit dem 18. April, als May zu den Neuwahlen aufgerufen hat. Zwischenzeitlich erholte sich das Pfund wieder etwas. Am Abend notierte es bei 1,2745, am Donnerstag waren es noch 1,30 Dollar.

Experten sind unseins, wohin die Reise für die britische Währung nun geht. Wie ein Analyst anmerkte, wäre ein Rücktritt aus Marktsicht die "sauberere Lösung". Langfristig sei May nach der Wahlschlappe wohl ohnehin kaum zu halten.  Nach einem schnellen Rücktritt sieht es nicht aus, stattdessen will sie mit der Regierungsbildung beginnen.

"Es gibt so viele Variablen, dass das Pfund in den nächsten Tagen sogar steigen könnte, da die Wahrscheinlichkeit eines sanften und angenehmeren Brexit steigt", sagte Richard Berry, Gründer des Brokerhauses Berry FX.

Dagegen hält Chef-Investmentstratege Salman Ahmed vom Fondsmanager Lombard Odier eine Abschwächung auf 1,25 Dollar für möglich. Die Analysten der Commerzbank gehen davon aus, dass es für das Pfund erst wieder aufwärtsgeht, wenn es Klarheit über eine Regierungsbildung gibt.

Der Euro lag zuletzt 0,1 Prozent niedriger bei 1,1197 Dollar. Zum Pfund notierte die Gemeinschaftwährung bei 0,8779 Pfund.

Rohstoffe: Ölpreise legen zu

Mit den Ölpreisen ging es am späten Abend etwas nach oben. US-Leichtöl der Sorte WTI kostete pro Barrel 46,10 Dollar und damit 0,5 Prozent mehr als am Vortag. Ein Fass Nordseeöl  der Sorte Brent war mit 48,20 Dollar 0,7 Prozent teurer. Auch hier bremste der feste Greenback etwas. Der Rohölmarkt steuert damit auf einen vierprozentigen Wochenverlust zu und die 50-Dollarmarke bleibt in weiter Ferne, nachdem unerwartet volle US-Lager zur Wochenmitte einen Ausverkauf eingeleitet hatten.

Nach wie vor ist das zu hohe Angebot das beherrschende Thema am Ölmarkt. Ein überraschender Anstieg der Ölreserven in den USA hatte die Preise zur Wochenmitte stark unter Druck gesetzt. Seit Montag sind die Preise für Brent-Öl und US-Öl jeweils um etwa sechs Prozent gefallen. Die Opec hatte versucht, mit einer Verlängerung der Förderkürzung die Ölpreise zu stabilisieren. Dem stehen steigende Fördermengen in den USA gegenüber.

Zinserhöhungserwartungen in den USA und der feste Dollar drückten den Goldpreis um 0,9 Prozent auf 1267 Dollar je Feinunze. Wie gering die Verunsicherung wegen der Wahl in Großbritannien ausfällt, zeigt sich auch am Rentenmarkt. Denn dort fallen die Notierungen und die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen steigt um 3 Basispunkte auf 2,22 Prozent. Sichere Häfen sind offensichtlich nicht gefragt.

Quelle: n-tv.de

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