Wirtschaft
Der Dax am Dienstag: Unsicher gestartet, Verluste ausgebaut, vier symbolisch bedeutsame Kursmarken gerissen. Der Skandal bei VW löst einen allgemeinen Ausverkauf aus.
Der Dax am Dienstag: Unsicher gestartet, Verluste ausgebaut, vier symbolisch bedeutsame Kursmarken gerissen. Der Skandal bei VW löst einen allgemeinen Ausverkauf aus.(Foto: REUTERS)

VW-Affäre belastet Autobauer: Wall Street kommt nicht aus dem Tief

Der VW-Skandal löst am deutschen Aktienmarkt einen allgemeinen Ausverkauf aus: Umgeben von europaweiten Kursverlusten fährt der Leitindex tiefer ins Minus. Selbst die 9600er-Marke kann die Abwärtsfahrt nicht aufhalten. Verluste fährt auch die Wall Street ein.

Am deutschen Aktienmarkt ist die nächste große Kursmarke gefallen: Mit der Ausweitung der Abgas-Affäre bei Volkswagen durchbrach der deutsche Leitindex binnen eines Tages vier größere Kursschwellen. Nach den Marken bei 9900, 9800 und 9700 rutschte das prominenteste deutsche Börsenbarometer am späten Nachmittag auch noch unter die Linie von 9600 Punkten.

In den letzten Minuten des Handels baute der Dax seine Verluste aus und ging schließlich mit einem Tagesminus von knapp 3,8 Prozent bei 9570,66 Punkten aus dem Handel. Das Tagestief aus dem Verlauf lag bei 9558,96 Zählern. Das Tageshoch hatte der Dax bereits am Morgen bei 9974,80 Punkten markiert. Insgesamt summierten sich die Tagesverluste damit auf 377 Punkte. Der Nebenwerteindex MDax schloss ebenfalls schwach mit minus 2,76 Prozent auf 19.097,69 Zähler. Der Technologiewerteindex TecDax beendete den zweiten Handelstag der Woche mit einem Abschlag von knapp 2,79 Prozent auf 1698,30 Punkte.

VW-Aktie kostet 106 Euro

Mit dem Abgasskandal und den drohenden Folgen für die deutsche Wirtschaft wird Volkswagen den zweiten Tag infolge abgestraft: Die im Dax gelistete VW-Vorzugsaktie rauscht wie bereits am Vortag prozentual zweistellig ab. Im bisherigen Tagestief kostete die VW-Aktie zeitweise nur noch 101,35 Euro. Seit Freitagabend habe VW etwa 26 Milliarden Euro an Marktkapitalisierung vernichtet, hieß es am Parkett. Am Abend verabschiedet sich die VW-Aktie nach einem zweiten blutroten Handelstag mit einem Minus von 19,8 Prozent auf 106,00 Euro.

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Der Wolfsburger Automobilkonzern hatte am Vormittag eingestanden, dass die fragliche Manipulationssoftware in weiteren Diesel-Modellen zum Einsatz verbaut wurde. Weltweit seien elf Millionen Fahrzeuge betroffen, teilte Volkswagen mit. Bisher war nur von knapp einer halben Million Fahrzeugen in den USA die Rede. Zugleich mit dem Eingeständnis veröffentlichte VW eine Gewinnwarnung. Der Konzern stellt 6,5 Milliarden Euro für etwaige Strafzahlungen und Rückrufaktionen bereit. Die bisherigen Zielmarken für das laufende Geschäftsjahr waren nicht mehr zu halten.

Das "Ende des Dieselmotors"?

Damit standen die Autowerte im deutschen Börsengeschehen weiter voll im Vordergrund: Der VW-Skandal zog die Aktien der übrigen deutschen Hersteller im Mitleidenschaft: Die Papiere von Daimler gaben 7 Prozent nach. BMW notierten zum Ende des regulären Xetra-Handels knapp 6 Prozent im Minus. Die Papiere des Zulieferers Continental verbilligten sich um 3,2 Prozent.

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Im Sog der VW-Aktie rutschten europaweit Autoaktien ab. Die Aktien von Peugeot brachen zeitweise um mehr als 9 Prozent ein, Renault um knapp 8 Prozent, Fiat um 8,2 Prozent. Zur Begründung verweisen Analysten auf die möglichen Auswirkungen der VW-Manipulationen: Am Markt werde bereits über das "Ende des Diesel-Motors" spekuliert. Der Eurostoxx50 ging mit einem Minus von 3,4 Prozent bei 3076,05 Punkten aus dem Handel.

Schwer getroffen werden durch den VW-Skandal auch zahlreiche Zulieferer. So fielen Plastic Omnium im Verlauf zeitweise um mehr als 12 Prozent zurück. Das Unternehmen gilt als Zulieferer für Dieselmotoren. Auch Faurecia standen erheblich unter Druck.

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Die Aktien von ElringKlinger kamen mit einem Minus von 2,7 Prozent davon, obwohl das Unternehmen laut Marktteilnehmern zu den größeren VW-Lieferanten zählt. Allerdings war der Kurs hier schon zum Wochenauftakt sehr stark gefallen.

Dax charttechnisch angeschlagen

Zudem stünden alle Zykliker europaweit unter Druck und die Pharmawerte könnten sich nach den schlechten US-Vorgaben dem nicht entgegenstellen, hieß es aus dem Handel. Charttechnisch orientierte Beobachter hielten eine eigene Erklärung für das Marktgeschehen bereit: Der Dax sei auch am Widerstand bei 10.000 Punkten gescheitert, was weitere technische Verkäufe auslöse.

Sollte auch die 9800er-Marke nachhaltig unterschritten werden, hatte Analysten am frühen Vormittag noch gewarnt, dann sei ein Fall auf die August-Tiefs möglich. Damals war der Dax bis auf 9648 Punkte gefallen - eine Marke, die mit dem Schlusskurs mehr als deutlich unterboten wurde.

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Rohstoff-Aktien im Ausverkauf

Unter Druck stehen allerdings nicht nur die großen Namen aus der europäischen Autoindustrie: Anleger ziehen sich branchenübergreifend zurück. Der Index der europäischen Rohstoff-Aktien verzeichnete zeitweise ein Minus von fast 5 Prozent. Auf globaler Ebene stünden weiterhin die Konjunkturängste im Vordergrund, hieß es. Geschürt würden diese Ängste von den Entscheidungen der US-Notenbank und am Wochenende auch von der Europäischen Zentralbank.

Außerdem drücke eine Studie der Credit Suisse auf die Kurse, meinte ein Marktteilnehmer. Mehrere Analysten senkten im Rohstoff-Sektor ihre Kursziele. Zur Begründung verwiesen sie auf niedrigere Nachfrageprognosen für China, gesenkte Preisannahmen für Rohstoffe und reduzierte Gewinnschätzungen. Die Aktien von Glencore brachen im Xetra-Handel um 11,3 Prozent ein. Anglo American verloren 6,7 Prozent.

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Eon und RWE im Sinkflug

Im deutschen Leitindex ging es geschlossen abwärts. Weit oben auf der Verkaufsliste standen insbesondere die Energiekonzerne. Die Versorger stünden "erneut unter Verkaufsdruck", hieß es. Die Aktien von RWE fielen dabei zeitweise sogar unter das Tief des Kurseinbruchs von vor einer Woche.

"Gestern hatte es noch ein kurzes Hoffnungs-Intermezzo gegeben", meinte ein Händler mit Blick auf Berichte, denen zufolge die Regierung die Entscheidung über das Atomhaftungs-Gesetz verschieben wolle. Dies habe für rasche und starke Short-Eindeckungen gesorgt. Die Hoffnungen hätten sich aber als unberechtigt erwiesen, so dass die Leerverkäufer nun wieder freie Bahn nach unten sähen. Die Aktien von Eon gaben im schwachen Umfeld 4,4 Prozent nach. Die Aktien von RWE fielen um 4,6 Prozent.

Dass die allgemeine Verunsicherung im Grunde nicht unbedingt mit VW oder der Lage der Energieversorger zu tun haben muss, zeigen unter anderem die starken Kursverluste bei K+S: Die Aktien des Kasseler Kali- und Salzproduzenten schlossen in der allgemeinen schwachen Stimmung knapp 8,3 Prozent im Minus. "Eine Übernahme durch Potash wird ausgepreist", meinte ein Händler. Der Markt glaube nicht mehr an ein "feindliches Gebot" und eine freundschaftliche Übernahme sei nicht zu erwarten.

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Südzucker-Aktie schießt ins Plus

Der Gewinner des Tages kam aus dem MDax: Die Aktien von Südzucker legten mit einer aufgestockten Prognose zum Umsatz und zum Ergebnis einen zweistelligen Kurssprung hin. Das Papier verteuerte sich an der Spitze des MDax um 12,9 Prozent.

Als positiv für Kuka werteten Händler die Nachricht, dass die Beteiligungsgruppe Swoctem weiter zukaufen will. Wie die Holding des Unternehmers Friedhelm Loh mitteilte, haben sich die bisherigen Erwerbsziele geändert. "In Abhängigkeit der Markt- und Unternehmensentwicklung beabsichtigen wir innerhalb der nächsten zwölf Monate weitere Stimmrechte zu erwerben", ließ das Unternehmen wissen. "Das ist sicherlich positiv für das Sentiment", meinte ein Händler. Loh hält derzeit 10 Prozent an Kuka. Der Aktienkurs von Kuka drehte nach zeitweiligen Gewinnen ins Minus und schloss gut 1 Prozent tiefer.

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Ablenkung von allen Sorgen um die Zukunft des Diesels boten die Aktien von Lanxess. Analysten verwiesen auf positive Aussichten im Geschäft mit künstlichem Gummi für Dichtungen, Reifen und Verbindungselemente. Lanxess verkündete die Einigung mit einem Partner aus Saudi-Arabien, der mit den Deutschen das Geschäft mit synthetischem Kautschuk in einem Gemeinschaftsunternehmen überführen will. Die Lanxess-Aktie verlor bis zum Abend vergleichsweise robuste 0,5 Prozent.

USA: Wall Street weiter auf Talfahrt

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Negative Vorgaben aus Europa, Konjunkturskepsis und nicht zuletzt die Ungewissheit um das weitere Vorgehen der US-Notenbank haben die Kurse an der Wall Street auf Talfahrt geschickt. Die Abgaben fielen aber deutlich geringer aus als auf dem alten Kontinent.

Der Dow-Jones-Index verlor 1,1 Prozent auf 16.330 Punkte. Der S&P-500 gab um 1,2 Prozent nach und der Nasdaq-Composite um 1,5 Prozent. Damit wurde die Erholung vom Montag mehr als zunichte gemacht. Die Umsätze waren mit 962 (Montag: 822) Millionen Aktien erneut lebhaft. Den 659 Kursgewinnern stand eine Übermacht von 2.516 -verlierern gegenüber. Unverändert schlossen 86 Titel.

Der VW-Abgasskandal, der dem europäischen Automobilsektor den zweiten Tag in Folge heftige Verluste bescherte, ließ auch die Aktien der US-Hersteller nicht ungeschoren. Ford ermäßigten sich um 2,8 Prozent, für General Motors ging es um 1,9 Prozent nach unten. Unter den Aktien der Zulieferer verloren BorgWarner 7,6 Prozent und Tenneco 6,3 Prozent.

Asien: Börsen im Plus, Währungen im Minus

Erholungen an den Aktienmärkten und ein steigender US-Dollar haben das Geschehen an den asiatischen Finanzmärkten geprägt. Nach den Verlusten zu Wochenbeginn legten die meisten Aktienindizes wieder zu und schlossen sich damit den US-Vorgaben an. In China stieg der Shanghai Composite-Index um 0,9 Prozent auf 3186 Punkte.

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Die chinesischen Märkte in Shanghai und Shenzen tendierten jeweils gut ein Prozent höher. Der MSCI-Index für die asiatischen Aktien außerhalb Japans legte 0,4 Prozent zu. In Tokio fand feiertagsbedingt ein Handel statt. Dort ruht das Geschäft noch bis Donnerstag.

Insgesamt verbessert der anziehende Dollar-Kurs die Exportsituation vieler asiatischer Unternehmen, was entsprechenden Rückenwind an den regionalen Börsen auslöst. Die Sorge vor einer von China ausgehenden weltweiten Wachstumsverlangsamung rückte zumindest vorübergehend in den Hintergrund.

Keine belastende Rolle spielten gesenkte Wachstumsprognosen der asiatischen Entwicklungsbank. Für China senkte sie die Schätzung auf 6,8 Prozent von zuvor 7,2 Prozent, für Asien insgesamt für 2015 auf 5,8 und für 2016 auf 6,0 Prozent nach zuvor jeweils 6,3 Prozent. Die neue Schätzung für China bewegt sich im Rahmen der von China selbst als Ziel ausgegebenen rund 7 Prozent.

Positiv kam an, dass der Index der Frühindikatoren für China im August um 1 Prozent gestiegen ist, gestützt vor allem von höheren Krediten der Banken und besser als gedacht ausgefallenen Hausbaubeginnen.

In Australien half eine deutlich verbesserte Stimmung unter den Verbrauchern den Kursen auf die Sprünge. Der Wechsel an der Regierungsspitze, die jüngste Erholung am Aktienmarkt und der festere Austral-Dollar hätten dafür gesorgt, dass von den Daten ein Signal für einen Neustart ausgegangen sei, meinten Beobachter.

Devisen: Dollar auf Zwei-Wochen-Tief

Der Euro gibt am Abend weiter nach. Zuletzt notiert die Gemeinschaftswährung bei 1,1122 Dollar und damit 0,6 Prozent unter Vortagesniveau. Der offizielle Kurs ist gefallen. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs auf 1,1155 (Montag: 1,1250) US-Dollar fest. Der Dollar kostete damit 0,8965 (0,8889) Euro. Zu weiteren wichtigen Währungen legte die EZB die Referenzkurse für einen Euro auf 0,72230 (0,72430) britische Pfund, 133,75 (135,50) japanische Yen und 1,0860 (1,0906) Schweizer Franken fest.

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Trotz der zuletzt zögerlichen Haltung der US-Währungshüter ist die große Zinswende in den USA noch nicht vom Tisch. Dollar-Anleger müssen sich Analysten zufolge noch in diesem Jahr auf eine erste Anhebung der Leitzinsen einstellen.

Das Stillhalten der Fed letzte Woche habe nicht zu einer Neueinschätzung des Marktes geführt, was eine Zinserhöhung generell angehe, schreibt Commerzbank-Analyst Lutz Karpowitz. Eine Zinsanhebung im Dezember sei bereits zur Hälfte eingepreist. Rückenwind bekam der Dollar zuletzt auch von Aussagen des US-Zentralbankers Dennis Lockhart, der am Montag erklärt hatte, er rechne noch immer mit einer Zinswende in diesem Jahr.

Rohstoffe: Ölpreise geben nach

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Aus Furcht vor einer geringeren Nachfrage ziehen sich Anleger aus den Rohstoffmärkten zurück. Die richtungsweisende Rohöl-Sorte Brent aus der Nordsee verbilligte sich um bis zu 2,5 Prozent auf 47,70 Dollar je Barrel. Kupfer kostete mit 5105 Dollar je Tonne zeitweise 3,1 Prozent weniger als am Vortag.

Vor allem um das Wachstum in China machten sich Investoren Sorgen, sagte Analyst Carsten Menke vom Bankhaus Julius Bär. Schließlich habe die US-Notenbank Fed die Verschiebung der Zinswende mit den Risiken für die Weltwirtschaft begründet. Öl und Kupfer leiden darüber hinaus unter einem weltweiten Überangebot. Den Abwärtsargumenten im Markt für Öl und Kupfer können sich auch Anleger beim Gold nicht entziehen. Das Edelmetall büßte 0,9 Prozent auf 1123,70 Dollar je Feinunze ein.

Die Lage am Ölmarkt hatte sich in den vergangenen Wochen wenig verändert. Zwar ist das Angebot an Rohöl immer noch hoch. Allerdings gibt es Anzeichen einer künftig schwächeren Produktion, vor allem in den USA.

Die US-Schieferölindustrie leidet besonders stark unter dem Ölpreisverfall. Das könnte Spielraum für zusätzliches Angebot seitens des Opec-Mitglieds Iran schaffen, falls derzeit bestehende Handelssanktionen wegen der Einigung im Atomstreit vom Westen aufgehoben werden.

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Quelle: n-tv.de

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