Wirtschaft
Freundlicher Start, langsamens Abgleiten, kurze Ausschläge - und dann herbe Verluste: Die Wirkung von EZB-Effekt und Arbeitsmarktdaten ist am Verlauf der Dax-Kurve gut zu erkennen.
Freundlicher Start, langsamens Abgleiten, kurze Ausschläge - und dann herbe Verluste: Die Wirkung von EZB-Effekt und Arbeitsmarktdaten ist am Verlauf der Dax-Kurve gut zu erkennen.(Foto: REUTERS)

Blutroter Wochenschluss: Dax verliert 188 Punkte

Am Tag nach dem EZB-Versprechen wenden sich Anleger mit enttäuschten Gesichtern vom deutschen Aktienmarkt ab: Das Kursfeuerwerk bleibt von kurzer Dauer. Der deutsche Leitindex geht am letzten Handelstag der Woche mit herben Verlusten aus dem Handel.

Die mit Spannung erwarteten Arbeitsmarktdaten aus den USA haben den deutschen Aktienmarkt vor dem Wochenende auf steile Talfahrt geschickt: Der Leitindex Dax, der am Morgen noch mit Gewinnen gestartet war, baute seine Verluste bis zum Abend deutlich aus und schloss am Ende mit einem Abschlag von 188 Zählern oder 2,36 Prozent bei 7806,00 Punkten. Im frühen Handel hatte das prominenteste deutsche Börsenbarometer im Verlauf noch ein Tageshoch bei 8031,71 Punkten aufgestellt - fast 230 Zähler über seinem Schlusskurs. Auf Wochensicht verbuchte der Dax insgesamt ein Minus von 1,9 Prozent.

Der MDax gab am letzten Handelstag der Woche 1,04 Prozent ab auf 13.716,08 Punkte. Der TecDax zog sich um 0,93 Prozent zurück auf 952,42 Zähler. Der Eurostoxx50 als Orientierungsindex der Eurozone schloss 1,91 Prozent tiefer bei 2596,01 Punkten. Auch die Leitindizes in London und Paris verbuchten Verluste.

Das große richtungsweisende Signal des Tages war am frühen Nachmittag anders ausgefallen als erwartet: Im Frankfurter Börsenhandel reagierten Anleger auf den Regierungsbericht zur Lage im US-Arbeitsmarkt für Juni zunächst mit kurzen Kursschwankungen, nur um dann zu ausgedehnten Verkäufen überzugehen.

Beobachter bemühten sich, eine hinreichend plausible Erklärung für die kräftige Kursreaktionen zu liefern. Zunächst hieß es, es scheine sich um "ein europäisches Problem" zu handeln. "Die US-Indizes liegen im Plus", meinte ein Händler mit Blick auf den freundlichen Handelsstart in den USA. EU-Kommissar Oli Rehn hatte sich kurz vor Bekanntgabe der US-Daten zu Wort gemeldet und festgestellt, dass Griechenland möglicherweise nicht die volle nächste Hilfstranche über 4,8 Mrd. Euro erhalten werde. Das hänge davon ab, ob die Geldgeber mit den Fortschritten in Sachen Schuldenabbau zufrieden seien, wenn sie am Montag Gespräche mit der Regierung in Athen führen.

"Das könnte eine Ursache für den Einbruch sein", meinte ein anderer Händler. Mit dem Rücktritt des portugiesischen Finanzministers am vergangenen Montag und der neu entfachten Diskussionen um einen weiteren Schuldenschnitt für Griechenland war die Schuldenkrise im Wochenverlauf wieder verstärkt in den Vordergrund gerückt.

Andere Beobachter nannten die "Spekulationen auf eine baldige Drosselung der US-Geldschwemme" als möglichen Auslöser für das kräftige Minus an den europäischen Märkten. Die US-Unternehmen schufen im Juni außerhalb der Landwirtschaft 195.000 Stellen nach einem nach oben korrigierten Plus von 195.000 im Vormonat. Im Vorfeld befragte Analysten hatten mit 160.000 zusätzlichen Jobs gerechnet. Die Arbeitslosenquote stagnierte allerdings bei 7,6 (Prognose: 7,5) Prozent.

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"Hält der Arbeitsplatzaufbau in ähnlicher Größenordnung in den kommenden drei Monaten an, kann ab Oktober mit einer Drosselung der Wertpapieraufkäufe gerechnet werden", erklärte Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank. "So empfindlich auch die Finanzmärkte in den vergangenen Wochen reagiert haben mögen, der erste Schritt zu einer Normalisierung der Geldpolitik ist ein gutes Signal."

Am Vortag hatte die Garantie von EZB-Chef Mario Draghi auf nachhaltig niedrigere Zinsen die Märkte noch beflügelt. Dass in den USA die Arbeitsmarktdaten nun besser ausgefallen seien als gedacht, habe nun viele Investoren in der Annahme bestärkt, dass die US-Notenbank in der Tat den Fuß langsam vom Gas nehme, kommentierte Daniel Saurenz von Feingold Research.

Bei den deutschen Einzelwerten stand unter anderem die Commerzbank im Zentrum der Aufmerksamkeit. Am Morgen noch stieg der Kurs, und die Coba-Aktie war wie bereits am Donnerstag zeitweise stärkster Wert im Dax. Als aber bekannt wurde, dass die Schweizer Börsenaufsicht wegen der Verletzung von Meldepflichten bei in der Schweiz notierten Produkten gegen das Geldhaus ermittelt, ging der Kurs auf Talfahrt. Die Commerzbank-Papiere schlossen mit einem Minus von 4,8 Prozent bei 5,91 Euro.

Mit einem Abschlag von 0,96 Prozent auf 54,50 Euro markierten die Titel von SAP noch das obere Ende im Dax. Auch die Aktien von FMC schlugen sich besser als der Markt und notierten mit einem Verlust von 0,98 Prozent noch weit vorn. Eine vom US-Gesundheitsministerium geplante deutliche Kürzung der Erstattung für Dialysebehandlungen hat die Papiere seit Dienstag auf Talfahrt geschickt.

Hohe Verluste mit minus 3,36 Prozent verbuchten Adidas. Unternehmenschef Herbert Hainer bekräftigte in einem "FAZ"-Interview die Ziele des Sportartikelherstellers für 2013. Die Adidas-Aktie konnte dies nur kurzfristig stützen. Chemiewerte zählten ebenfalls zu den größten Verlierern mit einem Abschlag von 3,05 Prozent bei Linde. Auch K+S und BASF notierten schwach.

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 In die Titel von ThyssenKrupp kam nach einem Bericht der "FAZ" kräftig Bewegung, wonach ein Bankenkonsortium für September eine Kapitalerhöhung im Volumen von fast 790 Mio. Euro vorbereitet. Thyssen-Titel schlossen mit 2,71 Prozent im Minus. ThyssenKrupp dementierte den Bericht. Es gebe keine konkreten Pläne für einen Kapitalschritt, hieß es.

Rohstoffwerte zählten zu den Verlierern im Index mittelgroßer Werte: Aurubis notierten mit minus 4,21 Prozent am MDax-Ende. Klöckner & Co sackten laut Händlern zusätzlich belastet von einem negativen Analystenkommentar um 3,31 Prozent ab.

Die Aussicht auf eine Lösung für den Streit zwischen der Europäischen Union (EU) und China wegen angeblicher Dumping-Preise für asiatische Solarmodule beflügelte dagegen die Solarbranche beiderseits des Atlantik. SMA Solar gehörten mit einem Plus von 1,5 Prozent zu den wenigen Gewinnern im Technologie-Index TecDax. An der Wall Street legten Trina, LDK, Yingli, Canadian Solar und JA Solar zwischen 2,9 und 6,6 Prozent zu.

Steil abwärts ging es dagegen für Conergy. Die Papiere stürzten unter dem Eindruck der Insolvenz der deutschen Solarfirma um bis zu 71 Prozent ab auf ein Rekordtief von 0,10 Euro. Dabei wechselten bis zum Abend fast 42 Mal so viele Conergy-Papiere den Besitzer wie an einem Durchschnittstag.

An der Wall Street, die am Donnerstag wegen des US-Unabhängigkeitstages geschlossen geblieben war, legten Dow Jones, Nasdaq und S&P500 zum Handelsschluss in Europa zwischen 0,2 und 0,4 Prozent zu. Anleger warfen Beobachtern zufolge in hohem Bogen US-Anleihen aus ihren Depots. Der T-Bond-Future fiel daraufhin um mehr als zwei volle Punkte auf ein Zwei-Jahres-Tief von 132-20/32 Punkten. In seinem Sog rutschte der Bund-Future in der Spitze um 90 Ticks auf 141,39 Zähler ab.

Am Devisenmarkt verbilligte sich der Euro auf bis zu 1,2807 Dollar und lag damit rund einen US-Cent unter seinem New Yorker Mittwochsschluss. Im Gegenzug stieg der Dollar-Index, der den Wechselkurs zum Euro und anderen wichtigen Währungen widerspiegelt, auf ein Drei-Jahres-Hoch von 84,53 Punkten.

Osram macht sich börsenfein

Eine technische Maßnahme lenkt Aufmerksamkeit auf den bevorstehenden Börsengang der bisherigen Siemens-Sparte Osram: Die Abspaltung der früheren Tochter ist nun offiziell vollzogen. Am Freitag seien die letzten Eintragungen ins Handelsregister vorgenommen worden, teilte Osram mit. Damit ist der Lichtspezialist nun ein eigenständiges Unternehmen.

Am kommenden Montag wird die Aktie des Konzerns dann erstmals an der Börse gehandelt. Siemens bleibt mit weniger als 20 Prozent an Osram beteiligt. Die Elektrokonzern hatte Osram ursprünglich mit einem richtigen Börsengang abgeben wollen, sagte diesen Schritt aber wegen der damals unsicheren Lage an den Finanzmärkten ab. Nun bekommt jeder Siemens-Aktionär für 10 Aktien je eine Osram-Aktie. Die Siemens-Papiere gingen am Freitag mit einem Abschlag von 1,7 Prozent aus dem Handel.

Am Rentenmarkt fiel die Umlaufrendite börsennotierter Bundeswertpapiere auf 1,35 (Vortag: 1,38) Prozent. Der Rentenindex Rex stieg um 0,22 Prozent auf 134,04 Punkte. Der Bund Future stand am Abend mit 0,53 Prozent im Minus bei 141,64. Der Euro wurde zuletzt bei 1,2819 Dollar gehandelt. Zuvor hatte die Europäische Zentralbank (EZB) den Referenzkurs auf 1,2883 (1,2984) Dollar festgesetzt. Der Dollar kostete damit 0,7762 (0,7702) Euro.

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Quelle: n-tv.de

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