Wirtschaft
Das Inflationsgespenst geht um.
Das Inflationsgespenst geht um.(Foto: REUTERS)

Angst vor dem falschen Übel: Inflationäre Sorgen

Von Jan Gänger

Ein Gespenst geht um in Deutschland: das Gespenst der Inflation. Dabei gibt es keinen Grund, sich vor heftig steigenden Preisen zu fürchten. Das bedeutet allerdings keine Entwarnung. Denn die Probleme werden damit nicht geringer. Im Gegenteil.

Die Eurozone steckt in der Rezession, Volkswirtschaften sind geprägt von Rekordarbeitslosigkeit und Schuldenkrise. Das ist nicht unbedingt das geeignete Umfeld, um sich über drohende Inflation Sorgen zu machen. Denn gegenwärtig sorgt etwas ganz anderes für ökonomische Schmerzen in der Eurozone: zu hohe Schulden und zu geringes Wachstum. Dennoch treibt vor allem hierzulande viele Menschen eine Angst um; die Angst vor einer sich nähernden Inflation.

Für viele gilt das als ausgemachte Sache, dabei steht überhaupt nicht fest, ob es in absehbarer Zeit überhaupt zur hohen Inflation kommt. Im Euroraum und in Deutschland liegt die Inflationsrate nicht weit über 2 Prozent, also über der Marke, an der die Europäische Zentralbank Geldwertstabilität gewährleistet sieht. Für die kommenden Jahre sagen die meisten Ökonomen sogar eine sinkende Preissteigerung voraus. Dennoch wird vor hoher Inflation gewarnt. Warum? Weil immer davor gewarnt wird.

Derzeit wird in der Regel mit Blick auf Anleihekäufe und die Politik des billigen Geldes der EZB das Argument angeführt, dass eine höhere Geldmenge zwangsläufig zu höherer Inflation führt. So einfach ist die Sache aber nicht, wie beispielsweise der Blick in die USA oder nach Japan zeigt. Die Zusammenhänge sind viel komplexer: Kreditvergabe, Arbeitslosigkeit, gesamtwirtschaftliche Nachfrage, Rohstoffpreise, Wechselkurse sind nur einige Faktoren, die sich auf die Inflationsrate auswirken.

Inflation ist nicht das Problem

In der Eurozone haben wir eine geringe Inflation und geringes Wachstum. So lange das so bleibt, ist es unmöglich, die Krise zu lösen. Denn in der Regel werden Staaten ihre Schulden durch Wirtschaftswachstum und Inflation los. Doch derzeit sind die Länder zu Deflation und Rezession gezwungen.

Dabei leiden die Krisenländer deshalb so besonders, weil ihre Volkswirtschaften entweder schrumpfen oder viel zu wenig wachsen. Der rigide Sparkurs kombiniert mit Steuererhöhungen führt dazu, dass sich die Situation verschlimmert – und nicht verbessert. Vor diesem Hintergrund ist expansive Geldpolitik wünschenswert, um die Auswirkungen abzumildern.

Was gut für Länder in der Rezession ist, muss für Deutschland nicht auch zwangsläufig sinnvoll sein. Doch derzeit würde die ganze Eurozone von lockererer Geldpolitik profitieren – schließlich schrammt selbst Deutschland in den kommenden Monaten wohl nur knapp an einer Rezession vorbei. Außerdem ist die Bundesrepublik auf Exporte angewiesen. Ihr geht es also nur dann gut, wenn auch es auch anderen Ländern gut genug geht, um ihre Produkte zu kaufen – und der Löwenanteil der Ausfuhren geht in den Euroraum.

Probleme lösen, wenn es sie gibt

Das heißt nicht, dass billiges Geld immer ein Segen ist. Es kann unter anderem zu Spekulationsblasen führen. Und Inflation kann natürlich in Zukunft ein Thema sein. Daher muss die EZB die Zügel der Geldpolitik anziehen, sobald die Eurozone wieder spürbar wächst – aber nicht eher. Der bisherige Kurs der Währungshüter lässt eigentlich keinen Zweifel daran, dass sie das auch tun werden.

Steigende Preise sind derzeit nicht das Problem der Eurozone, Rezession und viel zu hohe Schulden sind es. Von daher macht es mehr Sinn, die Probleme zu lösen als Gespenster zu bekämpfen.

Quelle: n-tv.de