EZB-ZinssenkungStark sieht Spielraum
Das Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB), Stark, hat die Möglichkeit einer weiteren Lockerung der Geldpolitik angedeutet. "Wir haben noch etwas Spielraum", sagte Stark. Große Freiräume allerdings sieht der Währungshüter nicht.
Das Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB), Jürgen Stark, hat die Möglichkeit einer weiteren Lockerung der Geldpolitik angedeutet. "Wir haben noch etwas Spielraum", sagte Stark in einem Interview mit dem "Handelsblatt". Große Freiräume allerdings sieht der Währungshüter nicht. Für ihn selbst sei der Schwellenwert, bei dem die EZB stoppen sollte "aber nicht weit von dem entfernt, was wir im Augenblick haben".
Stark warnte vor den Gefahren eines zu niedrigen Leitzinses. "Klar dürfte sein, dass es mit einem zu niedrigen Zins nicht gelingen wird, den Interbankenmarkt zu reaktivieren", sagte Stark. Die Geschäftsbanken würden dann ihre Geschäfte nur über die Zentralbank abwickeln. Außerdem bestehe die Gefahr, dass es zu Investitionen komme, die unter normalen Bedingungen nicht profitabel wären. "So kann die Basis für neue Übertreibungen gelegt werden", erklärte Stark.
Appell an Kreditwirtschaft
Seit Oktober vergangenen Jahres hat die Notenbank ihre Zinsen vor dem Hintergrund der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise um 275 Basispunkte auf nunmehr 1,5 Prozent reduziert. Stark appellierte an die Kreditwirtschaft, die gesunkenen Notenbankzinsen weiterzugeben: "Die Banken sollten stärker ihrer Verantwortung gerecht werden und die verbesserten Finanzierungskonditionen im ganzen Laufzeitenspektrum und insbesondere auch an die privaten Haushalte weiterreichen."
Weiter sagte Stark, weder beim so genannten "quantitative easing" noch beim "credit easing" sei derzeit Eile geboten. "Wir sind nicht in der Situation, dass wir die eine oder andere Maßnahme unmittelbar auf den Weg bringen sollten", sagte er.
Beim "quantitative easing" kauft eine Zentralbank Wertpapiere, um zusätzliche Liquidität in die Märkte zu geben. Solange die Deflationsrisiken sehr gering seien und die Transmission geldpolitischer Impulse über das Bankensystem einigermaßen funktioniere, spreche nichts für zusätzliche quantitative Maßnahmen, erklärte Stark.
Beim "credit easing" versuchen die Zentralbanken, die Kreditkonditionen in bestimmten Marktsegmenten gezielt zu beeinflussen. Demgegenüber zeigte sich Stark skeptisch, weil die Grenze zur Industriepolitik fließend werde. "Wenn es um Unternehmensanleihen geht, haben wir immer das Problem der Selektion", sagte er. Das könne zu Wettbewerbsverzerrungen führen. Bei solchen Maßnahmen - ebenso wie bei einer Nullzinspolitik - müssten daher die Vorteile und die Risiken sehr gut gegeneinander abgewogen werden.