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Die Ameisen trinken von einer Zuckerlösung.
Die Ameisen trinken von einer Zuckerlösung.(Foto: Alexandra Koch)
Mittwoch, 11. Oktober 2017

Eine Art der Selbstkontrolle: Ameisen krabbeln zum größeren Futterstück

Impulsiv oder kontrolliert? Bei Menschen, Affen und Raben kann man bereits beweisen, dass sie die Fähigkeit zur Selbstkontrolle besitzen. Bei Ameisen hingegen ist dieser Wesenszug neu.

Viele Ameisen lassen eine kleinere Futterquelle links liegen, wenn sie wissen, dass es weiter entfernt ein größeres Angebot gibt. In Laborversuchen bevorzugten zwei Drittel der Schwarzen Wegameisen (Lasius niger) das größere Stück Zucker, auch wenn der Weg dorthin doppelt so lang war. Stephanie Wendt und Tomer Czaczkes von der Universität Regensburg beschreiben diese Art der Selbstkontrolle im Fachjournal "Biology Letters".

"Oft ist die erste Option nicht die beste", schreiben die Forscher. "Selbstkontrolle kann es Menschen und Tieren ermöglichen, in einem solchen Fall die Ressourcenzufuhr zu verbessern." Selbstkontrolle bedeutet, dass man nicht das erstbeste Angebot wahrnimmt, wenn man weiß, dass es in absehbarer Zeit eine bessere Gelegenheit gibt. Neben Menschen wurde diese Fähigkeit auch etwa bei Affen und Raben nachgewiesen, viele andere Wirbeltiere wie Tauben und Ratten tun dies jedoch Studien zufolge nur dann, wenn sie darauf trainiert werden.

Unterschied muss erheblich sein

Eine Laborkolonie Ameisen bildet eine Straße zur Futterquelle.
Eine Laborkolonie Ameisen bildet eine Straße zur Futterquelle.(Foto: Tomer Czaczkes)

Für die Ameisen bauten die Regensburger Biologen einen 120 Zentimeter langen Gang, der mit Papier ausgelegt wurde. Das Papier konnte ausgetauscht werden, damit Duftstoffe der Ameisen nicht das Ergebnis verfälschten. Jede einzelne Ameise lernte in einem Testlauf die Zuckerquelle - ein Mol Saccharose - am Ende des Gangs kennen. Im Versuch kamen sie dann auf halber Strecke an einem viertel Mol Saccharose vorbei. 69 Prozent der Ameisen fraßen dieses Futter jedoch nicht, sondern ließen es liegen und liefen weiter zur größeren Quelle. Wenn die Ameisen zwei Testläufe absolviert hatten, liefen sogar 97 Prozent an dem kleinen Futterangebot vorbei.

Allerdings muss der Unterschied zwischen den Futtermengen deutlich sein: Betrug das Angebot auf halber Strecke drei Viertel der Menge am Ende des Gangs, entschieden sich 86 Prozent der Ameisen für die nahe liegende Nahrung. Lag die etwas größere Zuckermenge nur zehn Zentimeter weiter, nahmen 24 Prozent der Ameisen beide Fressgelegenheiten wahr.

Dass bei früheren Experimenten auch manche Wirbeltiere eher impulsives als selbstkontrolliertes Verhalten zeigen, führen Wendt und Czaczkes auf das jeweilige Lebensumfeld der Tiere zurück: "In instabilen Umgebungen oder Umgebungen mit großem Risiko, gefressen zu werden, kann es vorteilhaft sein, Impulsivität zu zeigen." In berechenbaren Umgebungen könnten womöglich auch impulsive Tiere Selbstkontrolle zeigen. Dies müsse beim Planen von Studien berücksichtigt werden, fordern die Forscher.

Quelle: n-tv.de

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