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Forscher haben die sozialen Beziehungen von Schimpansen genauer unter die Lupe genommen.
Forscher haben die sozialen Beziehungen von Schimpansen genauer unter die Lupe genommen.(Foto: picture alliance / dpa)

Evolution der Freundschaft: Auch Schimpansen vertrauen

Freundschaft und Vertrauen gehen Hand in Hand - offenbar nicht nur beim Menschen. In einem sozialen Experiment zeigen Schimpansen, dass sie ihren Freunden trauen. Die Ergebnisse werfen ein neues Licht auf die Ursprünge der Freundschaft.

Menschen haben offenbar kein Monopol auf echte Freundschaften. Wie Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig herausgefunden haben, führen auch Schimpansen Beziehungen, die auf Vertrauen basieren. Damit scheint erwiesen, dass Freundschaften im Laufe der Evolution sehr viel früher entstanden, als bisher angenommen.

Beim Versuchsaufbau orientierten sich die Forscher an dem aus der Spieltheorie bekannten Vertrauensspiel.
Beim Versuchsaufbau orientierten sich die Forscher an dem aus der Spieltheorie bekannten Vertrauensspiel.(Foto: Engelmann and Herrmann/Current Biology 2016)

"Menschen vertrauen häufig nur ihren Freunden, wenn es um entscheidende Ressourcen oder wichtige Geheimnisse geht", sagt Jan Engelmann vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. "In unserer Studie haben wir untersucht, ob Schimpansen vergleichbare Verhaltensmuster zeigen und gezielt den Artgenossen vertrauen, mit denen sie eine enge Bindung teilen. Unsere Ergebnisse zeigen, dass dies tatsächlich der Fall ist und dass die Merkmale, die wir menschlichen Freundschaften heute zuschreiben, eine lange evolutionäre Geschichte besitzen. Sie lassen sich auch auf die sozialen Bindungen anderer Primaten übertragen."

"Freund" und "Nicht-Freund"

Dass Schimpansen für einige ihrer Artgenossen stärkere Sympathien als für andere empfinden, konnten frühere Studien bereits belegen. Die Frage, ob diese Freundschaften wie beim Menschen auf Vertrauen basieren, wurde jedoch erst durch die vorliegende Studie angegangen. Um dies herauszufinden, analysierten Engelmann und Esther Herrmann über fünf Monate hinweg das Verhalten von 15 Schimpansen, die im "Sweetwaters Chimpanzee Sanctuary" in Kenia beheimatet sind. Basierend auf den beobachteten Interaktionen zwischen den Tieren, wie der gegenseitigen Fellpflege oder der gemeinsamen Nahrungsaufnahme, ordneten die Forscher jedem Schimpansen einen besten "Freund" und einen "Nicht-Freund" zu.

Anschließend nahmen die Schimpansen an einer abgewandelten Version des so genannten "Human Trust Game" teil, einem Vertrauensspiel. In dem Spiel standen die Schimpansen vor der Wahl, an einem "Kein Vertrauen"-Seil oder an einem "Vertrauen"-Seil zu ziehen. Wählten sie das "Kein Vertrauen"-Seil, erhielt der am Seil ziehende Schimpanse sofortigen Zugriff auf ein nicht sonderlich beliebtes Nahrungsmittel. Zog er stattdessen am "Vertrauen"-Seil, erhielt sein Gegenüber ein besonders attraktives Futterstück und die Möglichkeit, dem Schimpansen, der am Seil gezogen hatte, davon etwas zurückzuschicken (oder nicht). In anderen Worten: Das "Vertrauen"-Seil stellte ein Win-Win-Potenzial dar, jedoch nur, wenn der erste Schimpanse ausreichend darauf vertraute, dass der zweite Schimpanse etwas zurückschicken würde.

Die so getesteten Schimpansen schenkten ihren Freunden sehr viel häufiger Vertrauen als nicht befreundeten Tieren. "Schimpansen waren sehr viel eher bereit, ihrem Gegenüber freiwillig Ressourcen zu überlassen – also die riskantere, doch potenziell ertragreichere Option zu wählen – wenn es sich bei ihr oder ihm um einen Freund handelte", fassen die Forscher die Ergebnisse zusammen.

Das deutet darauf hin, dass die menschliche Freundschaft nicht so einzigartig ist, wie bisher angenommen. "Freundschaften beim Menschen sind keine Anomalie im Tierreich", sagt Engelmann. "Andere Tiere, wie Schimpansen, gehen mit ausgewählten Individuen enge und langfristige Bindungen ein. Diese Tierfreundschaften weisen wichtige Parallelen zu engen Beziehungen zwischen Menschen auf. Ein gemeinsames Merkmal ist das Vertrauen, das Freunden in wichtigen Situationen gezielt entgegengebracht wird."

Engelmann und Herrmann planen, die Ähnlichkeiten zwischen den engen Beziehungen der Menschen und der Schimpansen weiter zu erforschen. Dazu gehört auch die Frage, ob Schimpansen ihren Freunden eher Hilfe leisten als nicht befreundeten Artgenossen.

Quelle: n-tv.de

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