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Die Ruinenstätte Chichén Itzá zählt zu den bedeutendsten Fundorten der späten Mayakultur.
Die Ruinenstätte Chichén Itzá zählt zu den bedeutendsten Fundorten der späten Mayakultur.(Foto: Rodrigo Ruiz-Esquide)

Besuch in Chichén Itzá: Naht die Apokalypse?

Von Ina Brzoska, Chichén Itzá

Das Ende des Maya-Kalenders naht, Verschwörungstheoretiker glauben daher, dass an diesem Freitag die Welt untergehen wird. Alles nur die Erfindung eines Hollywood-Regisseurs, der zu viel geraucht hat? Die Ruinenstätte Chichén Itzá jedenfalls erlebt kurz vor dem vermeintlichen Kollaps ungeahnte Aufmerksamkeit.

Die Sonne steht senkrecht über der Kukulcan-Pyramide, Karibikwind schüttelt die Palmen, Leguane kriechen über die Steine auf der Suche nach Schatten. Rund um das Heiligtum der Maya klatschen sich Touristen in Sandalen in Stimmung. Widerhall erklingt, es ist ein unheimlicher Laut, der da durch die Ruinen von Chichén Itzá dringt. Eine mystische Melodie, die den Eindruck erweckt, als ob von der Spitze dieser sandfarbenen Stufenpyramide ein Papagei pfeift. "Wie wird es aussehen, das Ende der Welt?", fragt ein US-Amerikaner und nimmt ehrfurchtsvoll das Basecap ab.

Wie wird es aussehen, das Ende der Welt? Im Heiligtum der Maya suchen vor allem amerikanische Touristen nach der Antwort.
Wie wird es aussehen, das Ende der Welt? Im Heiligtum der Maya suchen vor allem amerikanische Touristen nach der Antwort.(Foto: Rodrigo Ruiz-Esquide)

Einige lachen, andere fixieren Francisco Ospopio mit Blicken. Der Mexikaner mit den indigenen Wurzeln führt an diesem Tag durch die imposante Ruinenstätte auf der Yucatan-Halbinsel. Es sind nur noch wenige Tage bis zum 21. Dezember, dann endet der Maya-Kalender. Verschwörungstheoretiker haben daraus eine Weltuntergangs-Prophezeiung gemacht und in Internetforen wird heftig über die drohende Apokalypse spekuliert. Noch nie hat Osopio so viele Besucher durch die Maya-Stätte geführt.

Es sind vor allem US-amerikanische Touristen, die sich auf die Spuren der Mayas nach Südmexiko begeben. Chichén Itzá ist in diesem Jahr populär wie nie. "Wir hatten hier schon 13.000 Touristen am Tag, alle stellen sie uns die gleiche Frage", sagt Touristenführer Francisco Osopio. Schuld habe der Film von Mel Gibson, "Apocalypto", in dem Maya den Weltuntergang prophezeien und die Menschheit ums Überleben kämpft. Osopio beruhigt dann zuallererst besonders nervöse Besucher. "Das ist Hollywood, ein zweifelhafter Kinostreifen von einem Regisseur, der zu viel geraucht hat", sagt er. Doch Osopio will seine Besucher auch nicht enttäuschen, schließlich sind viele über Stunden mit Bussen angereist, um in Spiritualität zu baden. Osopio lächelt: "Tatsächlich geben die Mayas viele, viele Rätsel auf", sagt er.

Kann das alles Zufall sein?

Die Ruinenstätte Chichén Itzá zählt zu den bedeutendsten Fundorten der späten Mayakultur. Im 5. Jahrhundert nach Christus gegründet, erlebte die vorkolumbianische Stadt ihre Blütezeit zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert. Täglich rollen unzählige Busse allein aus dem 120 Kilometer entfernten Cancún, dem sogenannten Ballermann Mexikos, an. Massen werden unterteilt in große Gruppen, die gleiche Mützen oder Aufkleber tragen. Sie folgen Reiseführern, die spanisch, englisch, chinesisch, französisch oder deutsch sprechen. Jeder von ihnen muss vor der Kukulcan-Pyramide in die Hände klatschen und aus dem Widerhall eine Botschaft entschlüsseln. Chichén Itzá ist zum Mekka geworden im Jahr des Untergangs.

Mythos, archäologische Funde, unglaubliches Wissen: die Maya-Kultur sorgt bei einigen für Aufregung.
Mythos, archäologische Funde, unglaubliches Wissen: die Maya-Kultur sorgt bei einigen für Aufregung.(Foto: Rodrigo Ruiz-Esquide)

Osopio nährt den Mythos. Bei den vier Tempelbauten, die hier errichtet wurden, zählen Wissenschaftler exakt 365 Stufen, berichtet er. Ein besonderes Schauspiel stellt sich durch die Tag-und-Nacht-Gleiche am 21. März und 23. September ein. Durch das Schattenspiel entsteht der Eindruck, eine Schlange würde sich die Treppe der Stufenpyramide herunterwinden. Kann das Zufall sein?, fragt Osopio, und lächelt geheimnisvoll.

Nicht nur ihm, auch Wissenschaftlern ist es ein Rätsel, woher Mayas all die Kenntnisse über Astrologie oder Mathematik nahmen. "Sie wussten beispielsweise, dass die Erdachse schwankt, wodurch sich die Anordnung der Sterne jedes Jahr leicht verschiebt", sagt Osopio. Rauschmittel, die Mayas in den Urwäldern fanden, hätten ihr Bewusstsein erweitert, so Osopios Theorie. "Die Mayas waren eben auch geniale Botaniker."

Der Weltuntergangsmythos nährt sich aus verschiedenen Deutungen, es gibt zahlreiche Interpretationen und Theorien. Einmal, alle 25.800 Jahre zieht die Sonne zur Wintersonnenwende mit dem Zentrum der Milchstraße gleich. Genau dies wird am 21. Dezember 2012 passieren. Zudem endet der Maya-Kalender, der am 3114 vor Christus begann und 394 Jahre dauert, ebenfalls am 21. Dezember. Zufall?

Apokalypse eine Erfindung des Westens?

Zudem befeuerten archäologische Funde die Debatte. Das sogenannte Monument 6, das in den 60er Jahren in Südmexiko gefunden wurde, erregte Aufmerksamkeit. Die Inschrift besagt angeblich, dass 2012 ein Ereignis stattfinden wird, in dem Bolon Yokte, ein mysteriöser Maya-Gott, der sowohl mit Krieg als auch mit Schöpfung in Verbindung gebracht wird, eine Rolle spielt. Allerdings, so Osopio, sei der Stein in so schlechtem Zustand, dass das Ende der Passage fast unleserlich sei, weshalb Interpretationen sehr umstritten sind.

Die meisten Archäologen und Wissenschaftler halten die Apokalypse außerdem für eine Erfindung des Westens. Andere Inschriften der Maya, heißt es, gehen weit über das Jahr 2012 hinaus. Das Ereignis werde lediglich auf die Maya projiziert. Das betonen vor allem die Maya selbst, die mit dem immensen Hype um die vermeintliche Apokalypse einen Ausverkauf ihrer Kultur fürchten und sich heftig gegen Weltuntergangsdiskussionen wehren.

So auch Israel Perera Nahuat vom Volk der Maya, der in Chichén Itzá arbeitet. Im Schatten der Palmen sitzt der kleine Mann mit der olivfarbenen Haut und mandelförmigen Augen auf einem Schemel und bietet Accessoires für Touristen feil. Kürzlich kam wieder ein US-Amerikaner nach Chichén Itzá und fragte, ob die Welt untergeht. Da hat Nahuat genickt. Die Welt werde untergehen, sagte er, aber nicht, weil der Maya-Kalender ende. Denn wenn dieser Kalender ende, beginne ein neuer. "Die Welt wird enden, weil wir nicht aufhören, sie zu zerstören", sagte er. "Mit euren Autos, euren Flugzeugen und eurem Müll." Dann verkaufte er dem Touristen einen kleinen Delfin, handgefertigt, aus Lavagestein.

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Quelle: n-tv.de

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