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Heilen Brandwunden schlecht, können sie sich infizieren und chronisch werden.
Heilen Brandwunden schlecht, können sie sich infizieren und chronisch werden.
Donnerstag, 09. November 2017

Günstige Gesundungszeiten: Brandwunden vom Tag heilen schneller

Verbrennungen, egal wie groß oder klein, sind schmerzhaft. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass sie schnell heilen. Der Zeitpunkt der Verbrennung könnte dabei eine entscheidende Rolle spielen, stellen Forscher fest.

Tagsüber erlittene Verbrennungen heilen wesentlich schneller als nachts entstandene Brandwunden. Das zumindest schreiben britische Forscher im Fachblatt "Science Translational Medicine". Sie gehen davon aus, dass die Innere Uhr bestimmter Zellen für den Unterschied verantwortlich ist. Die Forscher um Nathaniel Hoyle vom MRC Labor für Molekularbiologie in Cambridge spekulieren, dass vor Operationen die Innere Uhr dieser Zellen medikamentös so eingestellt werden kann, dass OP-Wunden schneller abheilen.

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Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Verbrennungsmedizin, Professor Henrik Menke, kommentiert die Ergebnisse der Studie so: "Das überrascht mich, weil das bislang in keiner Weise so bekannt war." Er möchte nun die weitere Forschung zu dem Thema verfolgen. Dass Operateure für eine schnellere Heilung Zellen auf eine bestimmte Innere Uhrzeit programmieren, hält Menke zwar für denkbar - "aber momentan ist das Fiktion".

Die Wissenschaftler um Hoyle hatten sich unter anderem Daten von 118 Menschen mit Brandverletzungen angeschaut. Dabei wurden Patienten berücksichtigt, die zwischen 18 und 60 Jahren alt waren und denen keine Haut transplantiert wurde. Verbrennungen, die sich tagsüber (8 Uhr morgens bis 20 Uhr) ereignet hatten, erreichten einen Heilungsgrad von 95 Prozent im Schnitt innerhalb von 17 Tagen. Bei Brandverletzungen aus der Nacht (20 Uhr bis 8 Uhr morgens) dauerte der Heilungsprozess im Schnitt 28 Tage - also rund 11 Tage (rund 65 Prozent) länger.

Kein direkter Beleg

Die Forscher räumen zwar ein, dass ihre Beobachtungen nicht direkt belegen, dass die Innere Uhr den Heilungsverlauf steuert. Der gezeigte Zusammenhang passe aber sehr gut zu den im Labor erfolgten Untersuchungen. Dem Verbrennungsmediziner Menke zufolge wäre es aber auch denkbar, dass tagsüber erlittene Verletzungen auch deshalb schneller heilen, weil die Erstversorgung anders war als in der Nacht.

Die Hauptursache für den Heilungsunterschied ist den Forschern zufolge, dass sich Hautzellen, unter anderem sogenannte Fibroblasten, tagsüber wesentlich schneller zur Wundstelle bewegen, um den Schaden zu beheben. Das liegt insbesondere an dem Protein Aktin, das tagsüber aktiver ist, wie die Forscher in Laborexperimenten herausfanden. Aktinfasern sind wie eine Art Muskel an der Bewegung von Zellen beteiligt. Zudem fanden die Forscher in Wunden, die tagsüber entstanden waren, mehr Collagen. Es ist das hauptsächliche Strukturprotein in der Haut.

Das Team um Hoyle geht davon aus, dass diese Unterschiede auf die Innere Uhr von Zellen zurückzuführen ist. Darunter versteht man vereinfacht gesagt bestimmte Reaktionen in Körperzellen, die eine Art Kreislauf bilden. Er dauert im Prinzip einen Tag. Für die Erforschung von Funktion und Kontrolle dieser Inneren Uhr erhalten drei US-Forscher in diesem Jahr den Nobelpreis für Medizin.

"Die effiziente Reparatur unserer Haut ist entscheidend, um Infektionen zu verhindern. Und wenn der Heilungsprozess schiefgeht, können Wunden chronisch werden oder große Narben entstehen", sagte Hoyle.

Neue Erkenntnis

Dass tagsüber entstandene Brandwunden im Schnitt deutlich schneller heilen, habe man bislang nicht gewusst, sagt der deutsche Verbrennungsmediziner Menke, der nicht an der Studie beteiligt war. Er merkt an, dass die Forscher keine Angaben dazu machen, ob die berücksichtigten Patienten vergleichbare Verbrennungen erlitten haben. "Die Heilungschance einer Brandwunde wird in erster Linie durch die Tiefe der Verbrennung bestimmt."

Auch Ulrich Kneser, Chef des Schwerbrandverletztenzentrums an der Unfallklinik Ludwigshafen, bemängelt eine fehlende Differenzierung. "Es gibt bei Schwerbrandverletzten so viele Variablen, dass es meiner Auffassung nach nicht sinnvoll ist, hier globale Vergleiche anhand von Registerdaten durchzuführen." Dennoch hält er die Ergebnisse der Studie für vielversprechend. "Nur die klinische Schlussfolgerung ist mir ein wenig zu pointiert."

Auf die Behandlung von Brandwunden hätten die neuen Erkenntnisse erstmal keine Auswirkungen, sagt Menke. Schließlich könne man sich nicht aussuchen, wann man sich verbrennt. Bislang sei bekannt gewesen, dass auch auf der Intensivstation ein Tag-Nacht-Rhythmus eingehalten werden sollte, um die Genesung nach Verbrennungen zu unterstützen. Das gelte auch für bewusstlose Patienten.

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Quelle: n-tv.de

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