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Den Reformatoren waren ihre Gemeinsamkeiten viel wichtiger als die Unterschiede, erklärt der Theologe Jürgen Moltmann.
Den Reformatoren waren ihre Gemeinsamkeiten viel wichtiger als die Unterschiede, erklärt der Theologe Jürgen Moltmann.(Foto: AP)

Eine Theologe im Gespräch: Calvin von Kapitalisten missbraucht

Der Tübinger Theologe Jürgen Moltmann ist heute einer der wichtigsten Vertreter der reformierten Theologie. Als Christ, Pastor und schließlich als Professor hat er sich immer wieder mit Johannes Calvin beschäftigt. Im Interview erklärt der 83-Jährige, was Calvin heute machen würde und weshalb er als Kronzeuge für den Kapitalismus missbraucht wurde.

Wie wichtig ist es Ihnen überhaupt, dass Sie nicht nur evangelischer, sondern reformierter Christ sind?

Moltmann: "Ich sage immer, reformiert ist meine Herkunft, ökumenisch ist meine Zukunft. Die reformierte Kirche will ja keine neue Konfession schaffen. Wenn ich das Evangelium im Gespräch mit Katholiken oder orthodoxen Christen vertrete, dann geht es mir um eine ökumenische Theologie."

Ist es heute überhaupt noch wichtig, ob man als Christ in der Tradition Calvins oder Luthers steht?

"Nein. Calvin fühlte sich ja selbst in der Tradition Martin Luthers. Den Reformatoren waren ihre Gemeinsamkeiten viel wichtiger als die Unterschiede. Sie hatten schließlich gemeinsam das Ziel, die katholische Kirche, zu der sie selbst gehörten, zu reformieren."

Trotzdem gab es heftigen Streit vor allem beim Abendmahl. Für Luther war Jesus in Leib und Blut gegenwärtig, für Calvin war Jesus nur im Heiligen Geist gegenwärtig. Am Ende stand die jahrhundertelange Spaltung der lutherischen und der reformierten Kirche.

Heute würde Calvin bei den Grünen sein, nimmt Moltmann an.
Heute würde Calvin bei den Grünen sein, nimmt Moltmann an.(Foto: AP)

"Das sind eigentlich Streitigkeiten, die nicht mehr wichtig sind. In der Nazizeit und in den Gefangenenlagern im Krieg kamen Christen ökumenisch zusammen und haben nicht mehr danach gefragt, wer lutherisch oder reformiert oder römisch-katholisch ist. Aus dieser Zeit der Unterdrückung ist ein neuer Geist der Ökumene entstanden. Und ich hoffe, dass der sich durchhält."

Calvin ist zu einem Vordenker der Industrialisierung und des Kapitalismus geworden. Dahinter steht die calvinistische Vorstellung, dass der wirtschaftliche Erfolg eines Menschen für seine Erwählung durch Gott spricht. Vor allem der Soziologe Max Weber hat sich auf Calvin berufen. Was würde Calvin zu unserem Wirtschaftssystem heute sagen?

"Er würde es in Grund und Boden verdammen. Calvin hat drei Mal die Errichtung einer italienischen Bank in Genf verhindert und er war gegen das Erheben von maßlosen Zinsen. Außerdem hat Calvin von den Menschen gefordert, ihren Besitz für die Armen und Flüchtlinge einzusetzen. Man könnte also ebenso gut den Nachweis erbringen, der Calvinismus sei der Geist des Sozialismus. Erst im 18. und 19. Jahrhundert haben die Leute angefangen, von ihrem Bankkonto abzulesen, ob sie von Gott erwählt sind."

Trotzdem hat Calvin mit theologischen Argumenten harte Selbstdisziplin und Fleiß eingefordert. Das wird jeder Arbeitgeber gerne hören.

"Aber das hat nichts mit der Erwählung eines Menschen zu tun. Für Calvin ist der Mensch von Ewigkeit her anerkannt und geliebt von Gott. Warum sollte sich ein Mensch also selber durch seine guten Werke und seine Ersparnisse Anerkennung verschaffen? Der Spiegel der Erwählung ist für Calvin Christus. Wenn ich auf Christus sehe, dann werde ich meiner Erwählung gewiss, aber nicht wenn ich auf mein Bankkonto sehe oder wenn ich Bonuszahlungen bekomme."

Das heißt, Calvin ist zu Unrecht als Kronzeuge für den Kapitalismus herangezogen worden?

"Genau. Das kann man wohl sagen. Das ist historisch gegen Max Weber bewiesen."

Es ist nicht leicht, heute Calvins Prädestinationslehre zu folgen. Laut Calvin ist ein Mensch entweder ohne eigenes Verdienst zur Seligkeit vorherbestimmt, oder aber er ist zur Verdammnis vorherbestimmt. Das klingt nicht sehr tröstlich.

"Seine Prädestinationslehre wird immer als besonders Übel dargestellt. Das aber ist nicht richtig. Calvins Gedanke besteht darin, dass der Glaube nicht nur eine eigene Entscheidung, sondern zuerst eine Entscheidung Gottes ist. Wer erwählt wird, den lässt Gott nicht fallen. Aber Calvin hat sich gefragt, warum das eine Wort Gottes bei den einen Glauben hervorruft und bei den anderen Unglauben. Und da hat er gesagt: Der Glaubende glaubt, weil er erwählt ist. Also muss der Ungläubige verworfen sein. An der Stelle ist Calvin nicht weitergekommen. Denn eigentlich glaubte er, dass alle erwählt sind, das Wort Gottes zu hören. Erst Karl Barth hat das Problem gelöst indem er gesagt hat: In Christus hat Gott die Verwerfung der Sünder auf sich selbst genommen, um allen Menschen seine Gnade zu schenken. Dann gibt es einen Verworfenen, das ist Christus, der die Verwerfung des ganzen Menschengeschlechts auf sich genommen hat. Das hat auch mich überzeugt."

Und was würde Calvin machen, wenn er hier und jetzt leben würde?

"Heute würde Calvin - nehme ich an - bei den Grünen sein. Er hat immer gesagt, der Heilige Geist ist auf die ganze Schöpfung schon ausgegossen und hält alles am Leben. Calvin hat eine Schöpfungslehre entwickelt, die wir erst heute wieder aufnehmen."

Quelle: n-tv.de

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