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Sucht beim Menschen nach Nahrung, lebt aber nicht direkt mit ihm in der Wohnung: die Hausmaus.
Sucht beim Menschen nach Nahrung, lebt aber nicht direkt mit ihm in der Wohnung: die Hausmaus.(Foto: imago/Reiner Bernhardt)
Mittwoch, 21. Januar 2015

Mäuse, Käfer, Bettwanzen : Das Versteckspiel in deutschen Wohnungen

Ein Trappeln im Fußboden? Schwarze Punkte am Tapetenrand? Larven im Bettkasten? Das sind Fälle für Kammerjäger Mario Heising. Im Gespräch mit n-tv.de erzählt der 1. Vorsitzende vom Landesverband Berlin/Brandenburg des Deutschen Schädlingsbekämpfer-Verbands e.V., welche Schädlinge sich bei uns so richtig wohlfühlen, wie man sie loswird und was München und Berlin mit Rom gemeinsam haben.

n-tv.de: Herr Heising, gegen welche Schädlinge müssen Kammerjäger in deutschen Wohnungen am häufigsten vorgehen?

Mario Heising: Gegen Mäuse und gewisse Käferarten.

Mäuse? Da sind also nicht vor allem Haushalte in Park- oder Waldnähe betroffen?

Nein, damit hat das gar nichts zu tun. Eine Maus fühlt sich in Großstädten sehr wohl, gerade in Citybereichen, wo sehr viel Gastronomie und Gewerbe angesiedelt ist. Auch in Fernbahnhöfen und Gleistrassen tummeln sich Mäuse gern.

Und die kommen auch in höhere Stockwerke?

Knabber- und Laufgeräusche unter den Dielen? Das könnten Mäuse sein - oder auch mal eine Ratte ...
Knabber- und Laufgeräusche unter den Dielen? Das könnten Mäuse sein - oder auch mal eine Ratte ...

Ja, das ist für Mäuse kein Problem. Die Maus besiedelt entweder vom Dachboden oder vom Keller ausgehend. In der Regel gibt es heutzutage ja sehr viele Versorgungsschächte und Leitungen in den Wohnungen; die Rohre sieht man ja nicht mehr, da ist alles verkleidet. Diese Wege nutzen die Tiere. Und dann kommen sie über Ritzen in den Dielen oder den Eckleistenbereich oder Heizungsrohr-Durchbrüche in die Wohnung. Das merken die Menschen meist gar nicht so sehr, denn Mäuse wohnen ja nicht direkt mit uns in der Wohnung, sondern unter den Dielen oder im Versorgungsschacht.

Man sieht die Mäuse also erst, wenn es schon recht viele sind?

Ja, genau. Vielleicht bemerkt man auch zuerst ihre Hinterlassenschaften, wie zum Beispiel Kötel. Manchmal werden wir auch gerufen, weil die Menschen Knabber- und Laufgeräusche im Fußboden hören. Das sind dann in der Regel auch Mäuse, aber es kann auch sein, dass mal eine Ratte diesen Weg gefunden hat.

Ratten sind ein weniger häufiges Problem als Mäuse?

Zumindest in Wohnungen. Es gibt sie schon auch oft in Privathaushalten, aber das ist nichts im Vergleich zu Mäusen. Wenn in einem Neubau, einer Art Plattenbau, wie man ihn aus vielen Großstädten kennt, ein Mäusebefall ist, dann reden wir ruck, zuck von zehn oder zwölf betroffenen Wohnungen. Die sind dann strangtechnisch befallen. Auch im Altbau sind meist mehrere Wohnungen betroffen. Hat man aber eine Ratte in einer Wohnung, kann man eigentlich immer davon ausgehen, dass es wirklich bloß eine gezielte Wohnung ist, in die dieses Tier den Weg gefunden hat und sich dann also dort mit aufhält.

Wie sieht es mit den Käfern aus? Was für Tierchen sind das? Und wie bemerkt man sie?

Je nach Käferart sehen die Larven ein bisschen anders aus, hier sind es Textilkäfer-Larven. Unter lange nicht angefassten Decken und Pullovern findet man mitunter ihre Häute.
Je nach Käferart sehen die Larven ein bisschen anders aus, hier sind es Textilkäfer-Larven. Unter lange nicht angefassten Decken und Pullovern findet man mitunter ihre Häute.(Foto: imago stock&people)

Das sind Speck- und Pelzkäferarten. Die sieht man. Entweder tauchen im Sommer verstärkt die Käfer auf oder man findet plötzlich, wenn man mal eine Bettdecke im Bettkasten bewegt, die man schon lange nicht mehr angefasst hat, ganz viele Larvenhäute. Das erschreckt die Leute und dann rufen sie uns an. Wir stellen dann meist fest, dass schon viele Populationen durch sind. Die haben sich dann sozusagen im Untergrund entwickelt und treten dann massiv auf.

Wie gehen Sie gegen Mäuse und Käfer vor? Mit Gift, im einen wie im anderen Fall?

Wenn Mäuse in Wohnungen sind, sollte man erst versuchen, relativ viele mit Fallen abzufangen und die Mängel und Ursachen zu beseitigen. Man muss also Ritzen und Spalten soweit wie möglich abdichten, damit die Tiere eben nicht wieder auf Dauer in die Wohnung kommen. Zum Schluss legt man dann Giftköder aus.
Bei der Bekämpfung von Käfern kann man auch auf natürliche Silikagelstäube zurückgreifen. Wichtig ist da teilweise auch einfach nur, die Leute darüber zu informieren, was sie schon allein mit ihrem Staubsauger schaffen können. In manchen Fällen muss man auch bei den Käfern mit einem Insektizid arbeiten. Das ist aber eher selten.

Kann man sich vor Speck- und Pelzkäfern schützen und irgendwie vorbeugen?

Sieht hier riesig aus, ist aber tatsächlich nur etwa 4 Millimeter groß: der Pelzkäfer.
Sieht hier riesig aus, ist aber tatsächlich nur etwa 4 Millimeter groß: der Pelzkäfer.(Foto: Sarefo/Wikipedia/CC BY-SA 3.0)

Nicht so richtig. Meistens erfolgen diese Ansiedlungen in Bereichen, in denen wir wenig Rotation haben. Also etwa da, wo wir unsere Winterkleidung aufbewahren, die wir dann wirklich erst zum Winter wieder anfassen und die den ganzen Sommer rumliegt. Wenn man so was immer mal wieder rotieren lässt oder im Frühjahr in Kleidersäcke packt, dann wirkt das schon prophylaktisch.
Ein klassisches Beispiel ist der Super-Schurwolle-Pullover. Den hat man und hat man und hat man und eigentlich will man den gar nicht anziehen, denn dann müsste man ihn ja irgendwie waschen – und so liegt der schnell mal drei Winter rum. Und irgendwann holt man ihn raus und dann liegt der gar nicht mehr rum, da fehlt dann nämlich schon die Hälfte …! So was gibt's auch mit Teppichen. Die stehen dann jahrelang im Keller. Und irgendwann ist nur noch das Gerippe übrig. Da war dann eine befruchtete Motte vorbeigekommen, die hat ihre Eier auf dem Teppich abgelegt und die Nachkömmlinge haben beschlossen: Hier gehen wir nicht mehr weg, das ist jetzt unser Habitat.

Paradiesische Zustände … Gibt es bei Schädlingen eigentlich regionale Unterschiede? Ist Berlin von anderen Tieren betroffen als zum Beispiel München?

Zwischen Berlin und München würde ich keinen Unterschied machen, denn das sind beides Großstädte und beide werden gern international besucht. Stichwort: Bettwanzen. Die hat man in Städten, die touristisch nicht so frequentiert sind, sicher seltener.

Wie groß ist das Bettwanzen-Problem in Berlin?

Berlin ist international sehr angesehen und daher haben wir auch Bettwanzen. Hotels, Hostels und andere Herbergen haben schon gut damit zu tun. Und da die Berliner selbst ja auch sehr reisefreudig sind, treffen wir auch in Privathaushalten sehr oft darauf. Bettwanzen reisen halt im Gepäck mit. Der Trend ist so, dass sich die Zahl von Bettwanzenfällen in Berlin von Jahr zu Jahr verdoppelt.

Bettwanzen sind also ein recht neues Problem?

Fühlen sich überall wohl, wo sie Menschen nachts regelmäßig Blut abzapfen können: Bettwanzen.
Fühlen sich überall wohl, wo sie Menschen nachts regelmäßig Blut abzapfen können: Bettwanzen.(Foto: imago/blickwinkel)

Die waren mal weg. Seit Anfang der 1990er-Jahre sind sie wieder im Kommen – aber nicht nur in Deutschland. Auch in den USA, in Großbritannien, in Italien … ja, in Rom: ein irres Geschehnis dort, auch was Bettwanzen anbelangt …

Gegen Bettwanzen gibt es dann aber wirklich kein anderes Mittel als Gift, oder?

Doch! Die Schädlingsbekämpfer arbeiten auch mit Wärme, mit Spezialöfen, oder mit Kälte. So richtig allerdings funktioniert Wärme alleine noch nicht. Man muss ein Insektizid dazu bringen. Die Wärme baut sich ja nicht sofort auf, die Tiere bekommen also keinen Wärmeschock. Die kriegen erstmal heiße Füße und dann laufen die natürlich weg. Hier und da geht es, dass man Räume wirklich gut abdichten kann. Aber bei einem Altbau sehe ich da Probleme. Dennoch: Diese Verfahren sind da und die werden auch kontinuierlich weiterentwickelt. Irgendwann werden Wärme und Kälte ein großer Faktor in der Schädlingsbekämpfung sein, auch bei Käfern.

Welche Temperaturen sind bei Bettwanzen nötig, um ihnen den Garaus zu machen?

Ungefähr 55 Grad Celsius. Ab etwa 48 oder 49 Grad Celsius setzt die Eiweißgerinnung ein, und alles, was darüber liegt, sind sichere Werte. In der Regel heizt man dann mit 60 oder 70 Grad, damit man in den Verstecken selbst definitiv 55 Grad erreicht. Die andere, ergänzende Möglichkeit ist Tiefkühlen. Hat man zum Beispiel einen Bettwanzenbefall im Kinderzimmer mit Plüschtieren, können wir die Plüschtiere ja nicht mit Gift behandeln. Die werden dann in Kunststoff verpackt, mitgenommen und beim Kammerjäger in die Gefriervorrichtung gesteckt. Wer eine Tiefkühltruhe hat, kann das bei Verdacht auf Bettwanzen, frisch aus dem Urlaub zurück, auch selbst machen.

Bemerkt man das, wenn Bettwanzen im Koffer sind?

Eine Bettwanze im Koffer? Die kann sich gut verstecken. Und aus einer werden unter Umständen sehr, sehr viele.
Eine Bettwanze im Koffer? Die kann sich gut verstecken. Und aus einer werden unter Umständen sehr, sehr viele.(Foto: imago/Jakob Hoff)

Nicht unbedingt. Wenn ein einziges befruchtetes Weibchen im Koffer ist, dann muss man das nicht finden. Vielleicht bewegt es sich gerade nicht. Dann reicht zu Hause eine Eiablage – Bettwanzen legen ihre Eier in Schüben, immer so zehn, zwölf Stück. Und dann reichen zwei Bettwanzen, die sich mögen, dann gibt es danach mehr – sofern Nahrung vorhanden ist, sie also an Blut kommen.

Woran erkennt man, dass man Bettwanzen hat?

Die meisten Menschen bemerken zunächst mal Bisse. Dann können schwarze Flecken an der Tapetenkante auffallen, das sind Kotpunkte. Wir als Schädlingsbekämpfer suchen die Tiere, egal in welchen Larvenstadien. Und wir suchen nach ihren Hinterlassenschaften, was nicht immer nur Kotpunkte sind, sondern auch die Larvenhäute. Nach zwei Wochen findet man vielleicht noch nichts, obwohl schon zweimal Bisse auftraten. So eine Bettwanze geht ja in der Regel nur einmal die Woche auf Nahrungssuche und die erste Ladung lebt noch irgendwo versteckt. Aber nach vier bis sechs Wochen wird man vielleicht gar nicht lange suchen müssen. Die meisten Menschen melden sich ein bis drei Monate nach der Rückkehr aus dem Urlaub bei uns.

Die Bisse der Bettwanzen, kann man die von Flohbissen unterscheiden?

Es mag Leute geben, die das von sich behaupten. Aus meiner Sicht kann man das nicht. Denn jeder Stich, ob von einer Mücke, einer Bettwanze oder einer Zecke, ruft bei jedem Menschen eine andere Quaddelbildung hervor. Manche Menschen zeigen auch gar keine Reaktion. Ein Arzt kann unter Umständen noch einordnen, ob es Insektenbisse sind, ob es ein Ekzem ist oder ob Milben die Übeltäter sind.

Wird man Bettwanzen wieder los?

Ja! Mit einem Profi schon. Das Ziel einer Bettwanzenbekämpfung durch den Kammerjäger ist immer: hundert Prozent Tilgung. Allerdings gibt es Fälle, wo man vielleicht ein Jahr braucht, bis sie wirklich weg sind: wenn die Wohnung riesig ist, vielleicht viele Menschen dort leben und die Leute lange gewartet haben, bis sie sich für eine Bekämpfung entschieden haben.

Schluss mit den Bettwanzen. Gibt es umgekehrt auch Schädlinge, die in den letzten Jahren seltener geworden sind in den Wohnungen?

Ja, zum Beispiel die Deutsche Schabe, also die Küchenschabe oder Kakerlake. Die ist fast weg. Da spielen unsere Hygienemaßnahmen, die Standards, die in der Lebensmittelindustrie durchgesetzt werden, die Kontrollen, eine große Rolle. Eine Schabe hat da keine Chance mehr. Und das ist auch gut so.

Mit Mario Heising sprach Andrea Schorsch

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Quelle: n-tv.de

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