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Mit Heu versucht ein Arbeiter, eine Barriere zu schaffen und damit die Ausbreitung der Tengger-Wüste in der chinesischen Provinz Gansu zu stoppen.
Mit Heu versucht ein Arbeiter, eine Barriere zu schaffen und damit die Ausbreitung der Tengger-Wüste in der chinesischen Provinz Gansu zu stoppen.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Kampf gegen Wüstenbildung: Die Erde braucht Hilfe

Ein Drittel der Erdoberfläche ist von Wüstenbildung bedroht. Um weltweit Aufmerksamkeit und Bewusstsein für die menschengemachte Verödung von Land zu bekommen, haben die Vereinten Nationen den 17. Juni zum Welttag der Wüstenbekämpfung gemacht. Warum die Wüstenbildung auch uns in Deutschland etwas angeht, erklärt Anneke Trux von der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ).

n-tv.de: Im Laufe der Geschichte der Erde hat es immer schon Wüstenbildungen gegeben. Trotzdem kam die Erde immer wieder in ein inneres Gleichgewicht. Heute ist ein Maß an Wüstenbildung erreicht, dass die "Selbstheilung der Erde" aushebelt. Woran liegt das?

Vor allem in Trockengebieten kommt es zur Wüstenbildung.
Vor allem in Trockengebieten kommt es zur Wüstenbildung.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Anneke Trux: Tatsächlich hat es im Laufe der Zeit langfristige Klimawandel auf der Erde gegeben, die etwa die Sahara von einem Wald- und Savannengebiet vor etwa 10 Millionen Jahren zur Wüste gemacht haben. Das waren aber natürliche Prozesse. Die Desertifikation die wir in den letzten Jahrzehnten erleben, ist kein natürlicher Prozess, sondern von Menschen gemacht. Desertifikation kommt übrigens vom lateinischen desertus facere - das heißt Wüsten machen. Hier wird schon im Begriff klar gemacht, dass es sich bei dieser Art der Wüstenbildung nicht um einen natürlichen Prozess, sondern um eine von Menschen gemachter Verödung von Land handelt.

Wo findet Desertifikation statt?

Von Desertifikation sprechen wir in dem Teil der Erde, der zu den Trockengebieten zählt. Dazu gehören weite Teile Afrikas, die Sahelzone, Zentralasien, weite Teile Chinas, Teile von Latein- und Mittelamerika sowie die südlichen und nördlichen Zonen, die an das Mittelmeer angrenzen. Alles zusammen ist ein Drittel der Erdoberfläche.

Anneke Trux ist Expertin für Desertifikationsbekämpfung bei der GTZ.
Anneke Trux ist Expertin für Desertifikationsbekämpfung bei der GTZ.

Was genau hat der Mensch denn getan?

Die genannten Regionen hat der Mensch für Land- oder Viehwirtschaft und für die Holzgewinnung sehr intensiv genutzt. Der zunehmende Nutzungsdruck, einerseits durch technische Unangepasstheit, andererseits durch die stetig wachsenden Bevölkerungszahlen, hat dazu geführt, dass die zur Verfügung stehenden Ressourcen über ihre Grenzen hinaus ausgebeutet werden. Böden und Vegetation werden  schlichtweg übernutzt und ihr natürliches Regenerationspotential vermindert.

Wie schnell kann so etwas passieren?

Das kann relativ schnell passieren, weil es immer mehrere Aspekte gibt, die zur Bodenübernutzung und damit zur Desertifikation führen. Eines dieser Aspekte ist die Bodenerosion. Bei Starkregen und relativ instabilen Böden, die nicht durch Vegetation geschützt sind, können bei einem Hektar Fläche durchaus einige Tonnen Erdreich abgetragen werden. Ein Beispiel aus Burkina Faso: Dort unterstützt die GTZ im Auftrag der Bundesregierung ein Programm, das die Bauern bei der landwirtschaftlichen Entwicklung in der Region Gaoua, im Südwesten des Landes unterstützt. Eine Bedrohung für die Äcker der Bauern sind sogenannte Ravinen. Das sind durch Starkregen und Bodenerosion entstandener Gräben, die mehrere Meter tief sein können. Die Bauern vor Ort haben mir und meinen Kollegen bei einem Besuch in der vergangenen Woche eine Stelle gezeigt, an der ein extrem starker Niederschlag im vergangenen Jahr ein etwa zweihundert Quadratmeter großes Stück Acker einfach rausgeschlagen hat. Einer der Bauern hat berichtet, dass diese Ravine als er Kind war noch ungefähr zweieinhalb Kilometer vom Dorf entfernt war. Heute reicht sie bis an das Dorf heran und gefährdet alle Äcker in der Umgebung.

Was macht man in so einem Fall?

Die mit Steinen verbaute Ravine in einem Dorf bei Gaoua in Burkina Faso.
Die mit Steinen verbaute Ravine in einem Dorf bei Gaoua in Burkina Faso.(Foto: Anneke Trux, GTZ)

Bei diesem Problem gibt es verschiedene Stellen, an denen gearbeitet werden muss. Zum einen werden bei diesen unmittelbaren Fällen von Bodenerosion direkte mechanische Schutzmaßnahmen errichtet. Diese Ravine in Gaoua beispielsweise wurde von der Bevölkerung mit Unterstützung der GTZ an ihrem Kopf mit Steinwällen aufgefüllt. Diese Steine sind in Metallnetze eingeschlagen und verhindern, dass sich die Ravine weiter durch die Äcker frisst. Außerdem wurden die umliegenden Äcker mit kleinen Steinwällen, die Flutwellen bei Regen brechen, vor weiterer Erosion geschützt. Solche Diese Schutzmaßnahmen sind eine wichtige Voraussetzung, um sich weiteren Fragen widmen zu könne: Wie können landwirtschaftliche Erträge und Einkommen der Bauern verbessert werden, um Armut zu bekämpfen und die Ernährung zu sichern?

Die Desertifikation ist aufhaltbar, aber nicht umkehrbar. Ist das richtig?

Diese Aussage muss man relativieren. Nicht überall ist das so, denn die Frage der Umkehrbarkeit ist letzten Endes eine wirtschaftliche Frage. Man kann nahezu jede Art von Desertifikation mit genügend finanziellen Mitteln umkehren. Die Realität ist jedoch so, dass sowohl in den betroffenen Ländern als auch in der internationalen Gemeinschaft nur sehr begrenzt Geld gegen die Wüstenbildung zur Verfügung steht. Hier gilt: Vorbeugen ist billiger als heilen. Ich konnte jedoch auch beobachten, dass eine Regeneration der Böden möglich ist, wenn der Nutzungsdruck sinkt. Weiden, auf den beispielsweise mehrere Jahre keine Tiere grasen, können sich wieder vollständig regenerieren. Das heißt, die Erde hat durchaus noch Selbstheilungskräfte - allerdings nur, wenn sie durch nachhaltige Maßnahmen unterstützt wird.

Zum Beispiel?

Im Niger, in der Region von Zinder beispielsweise, gab es vor dreißig Jahren einen relativ kargen Baumbestand. Die Regierung hat sich entschieden, die Agrarverordnung zu ändern. Die Bauern haben heute die Eigentumsrechte an den Bäumen, die sie selbst gepflanzt hatten. Dieser Anreiz hat dazu geführt, dass in dieser Region ca. 15 Millionen neue Bäume wuchsen. Heute ist im Satellitenbild ein viel dichterer Baumbestand in dieser Region als vor 30 Jahren, obwohl die Bevölkerung gewachsen ist. Der Schlüssel für solche Entwicklungen liegt darin, dass die Bauern per Gesetz nun ein persönliches Interesse an den Bäumen haben. Das heißt einerseits, sie pflanzen die Bäume, und andererseits schützen sie ihre Bäume auch, zum Beispiel vor freilaufendem Vieh. Beides ist sowohl ein finanzieller als auch ein Arbeitsaufwand. Zu diesen Aufwendungen sind die Bauern nur bereit, weil sie sich sicher sein können, auch etwas daran zu verdienen. So kann Nachhaltigkeit funktionieren.

Die Regionen, die vor allem von Wüstenbildung betroffen sind, befinden sich weit von Deutschland entfernt. Gibt es Auswirkungen, die uns erreichen?

Die Wasserbeschaffung in den Trockengebieten wird immer mühsamer.
Die Wasserbeschaffung in den Trockengebieten wird immer mühsamer.(Foto: picture alliance / dpa)

Erstmal muss man sagen, dass die Einstellung, dass uns Wüstenbildung in Deutschland gar nicht betrifft, keine akzeptable Strategie für das 21. Jahrhundert ist. Die Welternährungsorganisation FAO geht davon aus, dass wir in 30 Jahren die Nahrungsmittelproduktion verdoppeln müssen, um die Menschen auf der Erde zu ernähren. Das wird nicht so einfach sein. Der globale Klimawandel wird nach Einschätzung des Weltklimarats IPCC in vielen Regionen der Welt landwirtschaftliche Produktion einschränken oder mit größeren Risiken belegen. Hinzu kommt, dass insgesamt 80 Prozent der heutigen Trockengebiete von Desertifikation betroffen sind. In Anbetracht dieser Tatsachen können sich die Menschen weltweit heute nicht leisten, auf produktive Flächen zu verzichten. Nahrungsmittel sind ein globales Austauschgut und wir können es nicht in Betracht ziehen, die Nahrungsgrundlage der Menschen durch Wegsehen in Gefahr zu bringen. Bei uns ist es ja so, dass wir erst hellhörig werden, wenn die Preise für Nahrungsmittel steigen. Eines ist jedoch klar, die Konkurrenz um Nahrungsmittel wird stetig größer und damit werden auch in Zukunft die Preise in Deutschland wachsen.

Gibt es denn etwas, was jeder Deutsche gegen die Desertifikation tun kann?

Jeder von uns trägt mit seinen Konsumgewohnheiten zum Verbrauch von Wasser und Boden bei. Ein Beispiel ist der Fleischkonsum. Das Fleisch, was wir in Deutschland verzehren, wird mit importierten Futtermitteln produziert. Für die Produktion von einem Kilogramm Fleisch werden ungefähr zehn Kilogramm Futtermittel benötigt. Oft werden die Tiere mit importierter Soja gemästet. Es gibt Studien aus Argentinien, die sagen, dass die Produktion für ein Kilogramm Soja zu dem Verlust von vier Kilogramm fruchtbarem Boden durch Erosion führt. Folgt man dieser Rechnung, gehen bei der Produktion eines Kilogramms Fleisch rund 40 Kilogramm fruchtbarer Boden verloren. Das ist eine sehr vereinfachte Rechnung, aber sie macht die Verhältnisse klar.

Der Anbau von Baumwoll benötigt jede Menge Wasser.
Der Anbau von Baumwoll benötigt jede Menge Wasser.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Ein anderes Beispiel: Für die Produktion eines normalen Baumwoll-T-Shirts werden rund 2700 Liter Wasser gebraucht. Die Baumwolle allerdings wächst in Gebieten, die eher zu den trockeneren Regionen zählen, und stammt oft aus Baumwollproduktionen, die Wasser verschwenden. Das Wasser, das zur Baumwollproduktion entnommen wird, fehlt dort an anderer Stelle. Ich will mit diesen Beispielen nur verdeutlichen, dass unser Konsumverhalten sehr stark zur Nutzung von Boden- und Wasserressourcen in Ländern der Dritten Welt beiträgt. In der Konsequenz bedeutet es, dass sich jeder von uns sehr viel bewusster mit seinem Konsumverhalten und mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandersetzen muss.

Das ist ein Hinweis, den die Wirtschaft überhaupt nicht mag.

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Das ist richtig. Wirtschaft denkt vor allem im Hier und Jetzt. Umwelt- und Entwicklungsfachleute haben die Aufgabe, ein Gegengewicht dazu herzustellen, um einfach die längerfristige Sicht ins Bewusstsein der Menschen zu bringen. Natürlich gibt es eine Konkurrenz zwischen unmittelbaren Bedürfnissen und Wirtschaftszielen auf der einen Seite und dem langfristigen Erhalt der weltweiten Produktivität. Hier gilt es eine Balance herzustellen.

Mit Anneke Trux sprach Jana Zeh

Quelle: n-tv.de

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