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Für einen Schiedsrichter ist ein Spiel gut gelaufen, wenn man nach der Partie nicht über ihn spricht.
Für einen Schiedsrichter ist ein Spiel gut gelaufen, wenn man nach der Partie nicht über ihn spricht.(Foto: dpa)

Elfmeter, Rote Karte, Abseits: Die Körpersprache verrät den Schiedsrichter

Fußball-Schiedsrichter müssen blitzschnell Entscheidungen treffen. Dabei ist sicheres Auftreten wichtig, sonst wird öfter reklamiert. Eine Studie zeigt: Es kommt nicht darauf an, was man sagt, sondern wie man es sagt.

Gesten und Mimik von Fußball-Schiedsrichtern sagen oft mehr als ihre Pfiffe. Die Körpersprache kann verraten, ob ein Unparteiischer bei einer Elfmeter- oder Abseits-Entscheidung unsicher ist. Dabei senden Schiedsrichter eher Zeichen von Unsicherheit, wenn ihre Pfiffe besondere Konsequenzen haben könnten. Etwa bei einer entscheidenden Partie wie dem DFB-Pokal-Halbfinale zwischen Bayern München und Borussia Dortmund am kommenden Mittwoch.

"Gerade bei schwierigen Entscheidungen, ganz viele Leute schauen zu, kommt irgendwas in ihrem nonverbalen Verhalten raus, was sie eigentlich verbergen wollen", sagt Philip Furley von der Deutschen Sporthochschule in Köln. Mit einem Wissenschaftler der Universität Heidelberg hat Furley in einer Studie Probanden Bundesliga-Schiedsrichter-Videos bewerten lassen. Dabei kam heraus, dass die Körpersprache von Unparteiischen bei schwierigen Entscheidungen mehr Unsicherheit signalisiert als bei einfachen Pfiffen.

Wie lässt sich das vermeiden? "Es ist schwierig, in gewissen Situationen sein nonverbales Verhalten so zu kontrollieren, wie man es gerne machen würde", sagt Furley. Eine Folge kann sein, dass Signale von Unsicherheit von Schiedsrichtern das Spiel beeinflussen, wie die Studie ebenfalls zeigt: Wirkt ein Referee unsicher, reklamieren die Spieler mehr. "Körpersprache ist ein sehr wichtiges Instrument, um Entscheidungen zu vermitteln und Botschaften zu senden", sagt der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter Knut Kircher. "Sie hat mehr Anteil an einer erfolgreichen Spielleitung als die Sprache." Dieses Instrument müsse ein Schiedsrichter einüben wie ein Violinist eine Geige.

In die Augen schauen, gerade stehen

Kircher war 15 Jahre Bundesliga-Schiedsrichter, er galt als einer der besten. Wenn es Probleme gab, so erzählt er, habe er sich hinterfragt: "Bist du sicher aufgetreten? Hattest du einen sicheren Stand? Hast du dich gradlinig artikuliert? Oder war das wackelig? Hattest du Blickkontakt mit demjenigen, oder hast du weggeschaut?" Reflexion, Feedback und Spielerfahrung hätten seine Körpersprache geformt, sagt er. Bis zum Schluss.

Unsicherheit zu signalisieren, gehört dem Forscher Furley zufolge zur Natur des Menschen. Es ist ein während der Evolution gelerntes Verhalten: "In Konfrontationssituationen war es sinnvoll, dem Gegenüber zu zeigen, wenn wir unterlegen sind, um vielleicht weitere, lebensbedrohliche Situationen zu vermeiden." Doch auch wenn es nicht um Leben und Tod geht, reagiert der Körper so. Im Stadion bei Schiedsrichtern und Spielern, aber auch in Alltagssituationen.

Gerade wenn Menschen bewusst versuchten, ihre Körpersprache zu kontrollieren, sei der Druck oft groß. Und das führe manchmal zu Unsicherheits-Signalen, erläutert Furley. Das kann etwa bei Vorstellungsgesprächen passieren. Oder wenn Fußballer einen Elfmeter schießen müssen. Oder wenn Schiedsrichter entscheiden, ob sie Strafstoß geben. "Ein Verhalten kann für die Entwicklung einer Spezies sinnvoll sein, im modernen Leben kann es aber Nachteile bringen", sagt Furley.

Zaudern ist für Referees tabu

Eindeutige Signale für Unsicherheit, wie es sie zum Beispiel für Angst gibt, zeige der Mensch nicht, sagt Furley. Es gehe wohl eher um eine Mischung aus verschiedenen, unterschwelligen Zeichen - zum Beispiel fallende Schultern oder ein leicht sinkender Kopf. Zaudern ist für Referees ohnehin tabu. Gerade bei strittigen Szenen, etwa wenn ein Angreifer im Strafraum fällt, muss der Schiri sofort entscheiden, ob es ein Foul, eine Schwalbe oder gar nichts war. "In dem Moment fällt die Entscheidung nach links oder nach rechts. Sie entscheiden spontan nach bestem Wissen und Gewissen", sagt Kircher. Wer sich schnell entscheiden könne, trete sicherer auf.

Doch können die feinen Signale verhindert werden? Schiedsrichter werden vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) geschult, Körpersprache ist dabei ein wichtiges Thema. Auch auf den Bewertungsbögen für die Schiedsrichterleistung wird nach der "Körpersprache" gefragt. "Da wird schon sehr viel gemacht", sagt auch Ex-Schiedsrichter Kircher. Auf Lehrgängen werde immer an Körpersprache gefeilt, Psychologen und persönliche Trainer würden während der Saison beraten.

Wissenschaftler Furley sagt: "Es ist total schwierig, sowas auszuschalten." Eventuell könne das intuitive Entscheidungsverhalten verbessert werden. "Wenn man sich seines Bauchgefühls sicher ist, dann drückt sich das auch im nonverbalen Verhalten aus." Sicher ist: In der nächsten Bundesliga-Saison kommt Hilfe aus Köln. Ab dann sind Schiedsrichter mit einem Assistenten via Headset verbunden, der in Köln sitzt und das Spiel verfolgt. Bei strittigen Szenen kann der Video-Referee die Zeitlupe anschauen und den Schiri auf dem Spielfeld beraten.

Quelle: n-tv.de

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