Enttarnung schwierigErkaufter Doktortitel
Wenn jemand am Freitag ohne Doktortitel ins Wochenende geht und am Montag als Doktor erscheint, ist das das höchst verdächtig. Meistens ist es allerdings schwer, einen Betrug mit akademischen Titeln nachzuweisen.
Ein akademischer Titel - ohne jahrelange Arbeit am Schreibtisch oder im Labor? Kein Problem, locken vermeintlich seriöse Annoncen in Zeitungen und im Internet. Gegen Bares ist bei diesen Titel-Mühlen jeder Abschluss vom Diplom-Ingenieur bis hin zum Doktor der Philosophie zu bekommen. Wer der Betrugs-Verlockung erliegt und erwischt wird, muss in Deutschland mit Geldstrafe oder bis zu einem Jahr Gefängnis rechnen.
Das scheint aber nur wenig abzuschrecken. Die Gefahr, mit einem zu Unrecht geführten Titel ertappt zu werden, ist gering: "Das fällt im Beruf selbst bei Ärzten über längere Zeit, oft mehrere Jahre, nicht auf", sagt Peter Oberschelp, Leiter der Zentralstelle für ausländisches Bildungswesen bei der Kultusministerkonferenz (KMK) in Bonn.
Manuel Theisen, BWL-Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München, meint: "Die Erfolgsbilanz bei der Bekämpfung von Diplom-Mühlen ist sehr eingeschränkt." Betrügern auf die Schliche zu kommen ist schwer. Erst wenn ein konkreter Verdacht vorliegt, ist der Betrug im Einzelfall relativ leicht nachzuweisen. Experten rechnen daher mit einer hohen Dunkelziffer.
Doktortitel aus dem Ausland
Weil sich die staatlich nicht anerkannten Institutionen in Deutschland strafbar machen, wenn sie akademische Grade vergeben, sitzen sie im Ausland, häufig in den USA oder auf exotischen Inseln, aber auch in Europa. Ein Beispiel ist Experten zufolge die Freie Universität Teufen in der Schweiz. Sie erlangte im vergangenen Jahr zweifelhafte Berühmtheit, als herauskam, dass sich das Berliner Abgeordnetenhausmitglied Mario Czaja mit einem in Deutschland nicht anerkannten "Diplom-Ökonom" der hier ebenfalls nicht anerkannten Institution schmückte. Czaja gab daraufhin seinen Sitz im Wissenschaftsausschuss des Abgeordnetenhauses auf und erklärte, dass er es sich im Vergleich zu akademischen Ansprüchen in Deutschland wohl zu leicht gemacht habe. Aber er habe seine Diplomarbeit eigenständig erarbeitet.
Eine Abschlussarbeit allein ist nach Einschätzung von Experten kein Qualitätsnachweis. Die Ansprüche an diese Arbeiten entsprächen in keiner Hinsicht denen an anerkannten Hochschulen, sagt Oberschelp von der KMK. Deshalb zahle man letztlich bei Titel-Mühlen für ein wertloses Stück Papier.
Mischung auf Dummheit, Eitelkeit und Naivität
Bis zu 15.000 Euro kostet ein Abschluss. Um ihre Wissenschaftsferne nicht allzu offensichtlich zu zeigen, verlangen viele der Pseudo-Hochschulen gewisse Leistungen, wie etwa die oben angesprochene Abgabe einer Abschlussarbeit. Vielleicht soll damit auch das Gewissen mancher Absolventen beruhigt werden, für die laut Theisen "eine Mischung aus Dummheit, Eitelkeit und Naivität" charakteristisch ist. Manche sind laut KMK-Experte Oberschelp aber auch einfach "so wissenschaftsfern, dass ihnen die fehlende Wissenschaftlichkeit nicht auffällt". Allerdings seien diese Naivlinge Ausnahmen: "Die, die wissen, was sie tun, sind in der Überzahl."
Wie groß der Markt für gekaufte Titel ist, lasse sich nur schwer sagen. Ein Indiz sind Theisen zufolge die Anzeigen, die Titel-Mühlen schalten. Nehme man diese als Maßstab, dann müsse die Branche in Deutschland jährlich einen sechs- bis siebenstelligen Umsatz haben. Weltweit schätzt Theisen die Zahl der Pseudo-Hochschulen auf "mit Sicherheit ein paar Hundert".
Ein Buchstabe Unterschied zwischen echt und unecht
Ebenso wertlos, aber viel billiger sind manchmal plumpe, aber oft auch täuschend ähnliche Fälschungen echter Urkunden, ausgestellt von Titel-Mühlen. Diese Zeugnisse werden gegen Geld, ohne jegliche andere Gegenleistung, verschickt. Manchmal macht ein Buchstabe im Namen den Unterschied zwischen renommierter und Fantasie-Hochschule aus. Schon ab 35 Euro sind die Nachahmungen zu haben. "Das ist nun wirklich nur etwas für ganz Doofe", sagt Theisen. Sein sarkastischer Spar-Tipp: "Drucken Sie sich doch selber eine Urkunde."
Besser als jede offizielle Kontrolle gegen Diplom-Mühlen ist nach Meinung von Theisen ein kritischeres Bewusstsein bei Kollegen und Bekannten möglicher Betrüger. "Die Staatsanwaltschaft hat Besseres zu tun, als eitle Affen einzufangen." Das Umfeld bekomme am besten mit, ob und wie lange jemand an einer Arbeit schreibe. Wenn jemand am Freitag ohne Doktortitel ins Wochenende gehe und am Montag als Doktor erscheine, sei das höchst verdächtig.
Manchmal werden Titel-Betrüger allerdings auch von ganz unvermuteter Seite enttarnt, wie Theisen berichtet: "Es ist kein Einzelfall, dass Ehefrauen erst als Frau Doktor herumlaufen und dann bei der Scheidung auf falsche Titel ihrer Männer hinweisen."