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Entwurf der Esa: So oder ähnlich könnte eine bewohnte Mondstation aussehen.
Entwurf der Esa: So oder ähnlich könnte eine bewohnte Mondstation aussehen.(Foto: picture alliance / dpa)

Robotik, 3D-Druck und ein Dorf: Esa ist "heiß auf den Mond"

Die neue Ariane-6-Rakete, wieder ein deutscher Astronaut für die ISS, Pläne für eine Mond-Siedlung: Jan Wörner, Chef der Europäischen Weltraumagentur, hat ein vollgepacktes Programm. Auch eine Mars-Mission gehört dazu.

Ein halbes Jahr nach seinem Amtsantritt sortiert Jan Wörner, Chef der Europäischen Weltraumorganisation (Esa), die anstehenden Projekte. Das ist sein Ausblick auf 2016 und darüber hinaus:

Ariane 6: Die Esa lässt beim Konzern Airbus Safran Launchers für 2,4 Milliarden Euro die neue Ariane-Rakete bauen, 600.000 Euro kommen von der Industrie hinzu. 2020 soll sie erstmals abheben. Mitte 2016 gibt es für das Projekt noch einen Prüfstein. "Wir wollen für Europa durch eine Familie von Trägerraketen eine gute Möglichkeit für verschiedene Nutzlasten ins All haben", sagt Wörner. Europas Zugang zum All basiert auf der großen Ariane, der Sojus für mittlere Lasten und der kleinen Vega.

Wiederverwertbare Raketen: US-Unternehmen wie SpaceX oder Blue Origin arbeiten an der erneuten Verwendung von Raketen. Dies ist auch für den Esa-Chef "ein interessanter Aspekt". Ariane 6 sei nicht die Lösung für die nächsten Jahrhunderte. "Wir müssen weitersehen. Ich erhoffe mir, dass aus Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft ganz neue Ideen kommen." Das bedeute auch viel Zeit: "Das wird in der Öffentlichkeit häufig unterschätzt, aber die Entwicklungszeiten sind einfach lang."

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Moon village: "Viele sind heiß auf den Mond", fasst Wörner internationale Projekte für den Erdtrabanten zusammen. Der Esa-Chef könnte sich einiges davon in einem Moon Village (Mond-Dorf) vorstellen. "Ich halte den Mond tatsächlich für ein sehr vernünftiges Zielobjekt." Er habe zusammengetragen, was künftige Projekte leisten müssten, wenn die Raumstation ISS 2024 wegfallen sollte. Nicht alles lasse sich mit Flügen in die Erdumlaufbahn realisieren.

Wörner erläutert sein Moon Village, über das in den kommenden zwei Jahren entschieden werden könne: "Ein Dorf ist für mich eine Ansammlung von verschiedenen Akteuren und Aktivitäten." "Das Moon Village wird auch ein technologisches Sprungbrett für weitere Missionen sein", sagt er. "Auf der Mondrückseite haben wir die Möglichkeit, tief ins Universum zu schauen mit einem dort aufgebauten Teleskop." Wörner sieht dabei europäische Kompetenzen etwa in der Robotik "bis hin zum 3D-Druck auf dem Mond".

Mars: "Der Mensch wird irgendwann zum Mars fliegen, auch wenn ich nicht glaube, dass das in den nächsten 35 Jahren passiert", sagt Wörner. Menschen versuchten immer wieder, "die Grenzen zu verschieben". Doch für den Mars seien neue, andere Technologien notwendig. Eine Missionszeit von rund zwei Jahren sei "ein sehr großes Risiko" - etwa mit Blick auf Krankheiten. "Auch die US-Amerikaner sagen nicht, dass sie in 10 bis 15 Jahren zum Mars fliegen werden." Nächster Mars-Schritt für die Esa ist der für März geplante Start der ExoMars-Mission mit einem Orbiter und einem Landemodul, das den Planeten im Oktober erreichen soll. 2018 soll dann eine zweite Mission einen Rover zum Mars bringen.

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Deutscher Astronaut: Im kommenden Jahr wird die Esa wieder einen deutschen Astronauten bestimmen, der 2018 zur Raumstation ISS fliegen soll. 2014 hatte der Aufenthalt von Alexander Gerst für viel Zustimmung gesorgt. "Die Kandidatengeschichte ist relativ einfach, weil wir dieses große Auswahlverfahren hatten mit 8413 Kandidatinnen und Kandidaten", sagte Wörner. Nur die Besten kommen infrage, "darunter ist natürlich auch Alexander Gerst."

Inspiration für Jüngere: Der Esa-Chef hofft auch nach dem Ende der ISS auf europäische Astronauten im All. Neben wissenschaftlichen Fragen etwa zu Blutdruck, Salzhaushalt, Immunsystem, Osteoporose oder Alterung der Haut ist ein Grund für Wörner der damit verbundene Geist in krisengeprägten Zeiten. "Mit der astronautischen Raumfahrt können wir unglaublich gut jungen Leuten Inspiration vermitteln." Das gehe weit über reine Technik hinaus. "Junge Menschen bekommen das Gefühl: In dieser Gesellschaft kann ich mit Einsatz etwas erreichen."

Russland: Jenseits der internationalen Sanktionen gegen Russland wegen der Ukraine-Krise kooperiert die Esa intensiv mit ihren russischen Partnern. Auch die Raumstation ISS wird von den USA, Kanada, Japan und Europäern mit den Russen betrieben. Wörner verteidigt diese Ausnahme: "Alle Politiker tun gut daran, der Raumfahrt diese Möglichkeit zu geben." Auch in Krisenzeiten solle Kontakt nicht abreißen, sondern institutionalisiert werden. "Raumfahrt kann das, Wissenschaft kann's auch in vielen anderen Bereichen." Die Zusammenarbeit im All könne "eine Brückenfunktion übernehmen". Die "spezielle Situation" Ukraine/Russland spiele mitunter eine Rolle, "wenn wir eine russische Rakete mit einer ukrainischen Steuerungssoftware starten". Solche Zusammenarbeit könne "eine sehr politische Wirkung über die Grenzen hinweg" entwickeln.

Klima: "Ohne die Erdbeobachtung hätten wir gar keine Möglichkeit, über die ganzen Klimaaspekte nachzudenken". Inzwischen könne nicht nur gezielt vor Unwettern gewarnt werden. "Wir können auch mit gewissen Technologien zum Beispiel dafür sorgen, dass Regionen nicht noch stärker verwüsten", erläutert Wörner. So könnten Entscheidern frühzeitig Empfehlungen gegeben werden. Landwirtschaft etwa in Wüstengebieten könne wichtig sein, damit Menschen dort nicht aus Hunger und Armut fliehen müssten. Entscheidungsträger griffen auf die Daten zurück. "Manchmal dauert es eine Weile, dann muss die Wissenschaft tapfer und konsequent sein und überzeugen."

Finanzen: Wörner freut sich darüber, dass Raumfahrt ein emotional besetztes Thema ist. Das kann Etatverhandlungen erleichtern. "Wir könnten das natürlich auch rein rational abarbeiten: Die Hebelwirkung bei einem Euro für die Raumfahrt ist gleich sechs Euro für die Gesellschaft, in manchen Bereichen sogar 20 Euro." Für 2016 kann die Esa mit einem Gesamtetat von rund 5,3 Milliarden Euro kalkulieren.

Quelle: n-tv.de

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