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Egal wie sehr man sich mag, über Verhütung muss man sprechen - und zwar vorher.
Egal wie sehr man sich mag, über Verhütung muss man sprechen - und zwar vorher.(Foto: imago/Westend61)
Samstag, 26. September 2015

Kondome vs. Cola-Spülungen: Auch Verhütungslügen haben kurze Beine

Von Jana Zeh

"Ich passe schon auf", versprechen auch heute noch Männer ihren verunsicherten Partnerinnen bei der schönsten Sache der Welt. Doch das rechtzeitige Unterbrechen des Geschlechtsverkehrs ist mehr ein Glücksspiel als eine sichere Verhütungsmethode. Welche Glaubenssätze noch dazu führen, dass Frauen ungeplant schwanger und Männer ungewollt Väter werden, erfahren Sie hier.

Beim ersten Mal wird man sowieso nicht schwanger.

Falsch! Tatsächlich gibt es heute immer noch Mädchen und junge Frauen, die diesen Irrglauben nicht nur unter ihren Freundinnen verbreiten, sondern auch praktizieren. Rein rechnerisch liegt die Wahrscheinlichkeit, beim ersten Mal schwanger zu werden, bei 11 Prozent. Bei dieser Rechnung geht man von einem durchschnittlichen Menstruationszyklus von 28 Tagen und etwa zwei fruchtbaren Tagen aus. Die Spermien können zwei bis vier Tage im Körper der Frau überleben. Das ergibt im Mittel ein Zeitfenster von drei Tagen monatlich. Auch wenn das Zeitfenster relativ klein und die Wahrscheinlichkeit gering ist, sollte man sich als junge Frau ohne Kinderwunsch auf keinen Fall auf solche Rechnungen verlassen. Wer kann schon sagen, ob man zu den 11 Prozent gehört oder nicht?

Unterbrochener Geschlechtsverkehr, auch als Coitus interruptus bekannt, ist eine sichere Methode, um nicht schwanger zu werden.

Pearl-Index

Der Pearl-Index liefert ein Maß für die Wirksamkeit von Methoden zur Empfängnisverhütung. Ein Pearl-Index von 15 gibt beispielsweise an, dass 15 von 100 Frauen innerhalb eines Jahres trotz der Anwendung einer bestimmten Verhütungsmethode schwanger werden. Je niedriger der Pearl-Index ist, umso sicherer ist die Methode.

Benannt wurde er nach dem US-amerikanischen Biologen Raymond Pearl (1879-1940), der einer der Mitbegründer der medizinischen Statistik war.

Falsch! Das sogenannte "Aufpassen" ist fast genau so unsicher wie gar nicht zu verhüten. Dem Pearl-Index (siehe Box rechts) zufolge werden 4 bis 18 Frauen innerhalb eines Jahres trotzdem schwanger. Diese geringe Verhütungssicherheit entsteht, weil bereits vor dem Samenerguss Spermien aus dem Penis austreten können. Diese können sich im sogenannten Präejakulat, besser bekannt als Lusttropfen, befinden oder auch noch im oder am Penis vorhanden sein, wenn der letzte Samenerguss nicht lange genug zurückliegt. Diese Variante erfordert vom Mann zudem große Aufmerksamkeit und gute Körperbeherrschung. Sie ist eine unsichere Verhütungsmethode und für Paare ohne Kinderwunsch nicht zu empfehlen.

Während man stillt, kann man nicht wieder schwanger werden.

Falsch! Obwohl Frauenärzte regelmäßig darüber aufklären, hält sich dieser Mythos besonders hartnäckig. Schuld ist die sogenannte Laktationsamenorrhoe, also das Ausbleiben der Monatsblutung bei der Frau nach der Geburt ihres Kindes. Das Stillen kann zwar tatsächlich den Eisprung einer jungen Mutter hemmen, aber nur, wenn wirklich regelmäßig gestillt wird. Schläft das Baby dagegen mal viele Stunden am Stück durch oder füttert man eine Mahlzeit zu, ist dieser natürliche Empfängnisschutz schnell dahin. Genauso schwindet er, wenn das Kind sechs Monate alt ist, selbst wenn man dann noch voll stillt. Nicht selten können sich frischgebackene Eltern, die sich auf diese Art der Verhütung verlassen, schon bald auf das nächste Kind freuen. Vor allem, weil viele Frauen in den ersten Wochen gar nicht bemerken, dass sie wieder schwanger sind, da sie ja während der Stillzeit keine Monatsblutungen haben.

Spülungen mit Coca Cola helfen, die Spermien zu töten.

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Coca Cola ist mehr als 100 Jahre alt und fast genauso lange hält sich auch das Gerücht, dass das populäre Erfrischungsgetränk menschliche Spermien tötet. Doch egal, ob als normale, Light-, Zero- oder Life-Variante: Coca Cola ist kein Verhütungsmittel. Bis in die 1950er-Jahre hinein haben junge Mädchen den Inhalt der Softdrink-Flasche nach kräftigem Schütteln als Schaumspülung verwendet. Die Anwendung war nicht nur überaus unpraktisch, sondern auch wirkungslos. Dennoch testete die Medizinerin Deborah Anderson in den 1980er-Jahren die Wirkung von Cola auf Spermien. Sie goss die verschiedenen Sorten der braunen Flüssigkeit in Reagenzgläsern mit frischem Sperma – und stellte fest, dass nach kurzer Zeit alle Spermien tot waren. Für ihre Untersuchung erhielt die Medizinerin 2008 den sogenannten Ig-Nobelpreis. Sie musste sich diesen allerdings mit Wissenschaftlern aus Taipeh teilen. Diese machten den gleichen Test und stellten fest, dass weder Coca Cola noch Pepsi negative Auswirkungen auf Spermien haben.  Die US-Amerikanerin Anderson betonte später: Spermien könnten innerhalb von Sekunden im Gebärmutterhals verschwinden. So schnell könne niemand eine Flasche Cola öffnen und als Scheidenspülung benutzen.

Vorenthalten von Verhütungsmitteln führt zur Enthaltsamkeit.

Viele Eltern können sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass ihre Kinder erwachsen - und damit auch sexuell aktiv werden. Aus diesem Grund oder auch aus religiösen Überzeugungen werden den Heranwachsenden die Verhütungsmittel vorenthalten. Das führt jedoch nicht dazu, dass Jugendliche auf Sex verzichten, sondern immer öfter zu Teenager-Schwangerschaften und eben auch Schwangerschaftsabbrüchen in diesem Alter. Die immer früher einsetzende Geschlechtsreife (bei Mädchen zwischen 12 und 13 Jahren, bei Jungen ab 13) und der Umstand, dass Mädchen und Jungen immer früher ins Sexleben einsteigen, sind zwei zusätzliche Faktoren, weshalb Eltern frühzeitig signalisieren sollten, dass es wirksame Verhütungsmittel auch für ihre Kinder gibt. Diese können mit oder ohne elterliche Unterstützung leicht besorgt werden.

Kondome schützen.

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Was der bekannte Werbeslogan verspricht, ist richtig - zumindest bei einer sachgerechten Anwendung von Kondomen. Der Pearl-Index der Gummiüberzieher liegt zwischen 2 und 12. Die große Spanne kommt zustande, weil man auch bei der Anwendung der Kondome Fehler machen kann. Kondome haben eine Haltbarkeit von ungefähr vier Jahren, allerdings nur, wenn sie trocken, kühl und lichtgeschützt aufbewahrt werden. Ansonsten können sie porös werden und beim Geschlechtsverkehr platzen. Weitere Kondompannen können durch das Ver- oder Abrutschen während des Geschlechtsaktes entstehen. Dann ist es entweder falsch übergezogen oder zu spät rausgezogen oder die falsche Größe verwendet worden. Schon beim Öffnen der Packung mit einem spitzen oder scharfen Gegenstand kann das Kondom beschädigt werden. Trotz einiger Fallstricke ist das, umgangssprachlich auch als "Fromms" bezeichnete, Präservativ das am häufigsten verwendete Verhütungsmittel in Deutschland mit tendenziell weiter steigenden Verkaufszahlen. Der Grund dafür liegt im besonderen Schutz durch die "Verhüterlis". Kondome können als mechanische Barriere nicht nur vor Schwangerschaften schützen, sondern auch vor Geschlechtskrankheiten und der Übertragung des HI-Virus. Zudem belasten sie weder Mann noch Frau mit Hormonen.

Heiße Bäder, Sauna oder Sitzheizung können Schwangerschaften verhüten.

Richtig ist, dass Hitze der Qualität der Spermien schadet. Spermien mögen keine Wärme, aus diesem Grund befinden sich die Keimdrüsen des Mannes nicht im Inneren des Körpers, sondern außen. Dennoch ist Wärme im Schritt des Mannes kein sicheres Verhütungsmittel, denn man kann nicht davon ausgehen, dass durch Wärme alle Spermien beschädigt worden sind, da ein einziges Spermium ausreicht, um die Eizelle zu befruchten. Zudem benötigen die Keimzellen nur kurze Zeit, um wieder neue, funktionstüchtige Spermien zu bilden. Nur für Männer mit Kinderwunsch ist es wichtig zu wissen, dass Wärme, auch schon durch einen Laptop, den man mit den Oberschenkeln auf dem Schoß hält, die Zeugungskraft vorübergehend negativ beeinflussen kann, genauso wie sehr enge (Unter-)Hosen und langes Radfahren auf schmalem Sattel.

Der Bauwollpflanzenextrakt Gossypol schützt vor ungewollter Vaterschaft.

In den 1970er-Jahren sorgte ein Wundermittel für den Mann für Aufregung. Das als Gossypol bekannt gewordene Mittel ist ein toxischer Inhaltsstoff im Baumwollsamen. Es greift die Enzyme der Samenfäden an und macht die Spermien dadurch bewegungsunfähig. Doch auch dieses Wundermittel hat seine Schattenseiten und ist deshalb nicht zu empfehlen. Entdeckt wurde das pflanzliche Verhütungsmittel von einem chinesischen Arzt. Dieser setzte die Unfruchtbarkeit vieler Dorfbewohner mit deren Ernährung mit Baumwollsaatöl in Zusammenhang – und hatte recht. Die Regierung Chinas startete eine große Untersuchung mit 8000 männlichen Chinesen. Der Erfolg war enorm, denn nahezu alle Versuchspersonen wurden durch Gossypol unfruchtbar. Das Problem: Auch nachdem die Probanden das Wundermittel längst abgesetzt hatten, war die Hälfte von ihnen noch immer unfruchtbar. Heute weiß man, dass Gossypol leicht giftig ist und bei Versuchen mit Mäusen zu Hauttumoren führt. Mit moderner Technik kann Gossypol während des Raffinationsprozesses aus dem Öl der Baumwollsaat entfernt werden.

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Quelle: n-tv.de

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