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Nicht das Gewicht ist ausschlaggebend für den Gesundheitszustand.
Nicht das Gewicht ist ausschlaggebend für den Gesundheitszustand.(Foto: picture alliance / dpa)

Keine Gewichtsratschläge für Übergewichtige: "Fett ist nicht gleich Fett"

Es gibt kaum ein anderes Thema, das in Gesundheitsmagazinen mehr beleuchtet wird als das Traumgewicht. Viele Menschen quälen sich auf dem Weg zum Idealgewicht durch Diäten und sind deprimiert, wenn es mit dem Abnehmen nicht so klappt wie erwartet. Warum Übergewicht nicht automatisch mit Krankheit in Verbindung gebracht werden darf, dass Fett am Bauch bedenklich ist und welche Rolle der Schlaf beim Abnehmen spielt, erklärt der Fettforscher Johannes Klein im Gespräch mit n-tv.de.

n-tv.de: Professor Klein, Sie sind Mediziner und Fettforscher. Warum?

Vor allem das Bauchfett steht im Verdacht, für Gefäßverkalkungen und Bluthochdruck verantwortlich zu sein.
Vor allem das Bauchfett steht im Verdacht, für Gefäßverkalkungen und Bluthochdruck verantwortlich zu sein.(Foto: picture alliance / dpa)

Ich habe mich ursprünglich für Signaltransduktion interessiert, das heißt, für einen Bereich, der für alle Zellen des Körpers grundlegend ist und damit eben auch für die Steuerung von Lebensprozessen. Für mich war wichtig, etwas ganz Generelles zu machen, etwas, das auf viele Systeme anwendbar ist und etwas, das einen fundamentalen Erkenntnischarakter besitzen kann. In meiner Studienzeit traf ich auf einen Forscher, der sich mit braunen Fettzellen beschäftigte. Braunes Fettgewebe kann als klinisch gutes Fettgewebe gelten, weil es nämlich Energie abgibt und zwar in Form von Wärme. Daraufhin habe ich mich entschlossen, mit diesen braunen Fettzellen über Energiestoffwechselfunktionen zu arbeiten, weil das ein zentraler Faktor von Zivilisationskrankheiten ist. So bin ich schließlich Fettforscher geworden.

Braunes Fett ist klinisch gutes Fett?

Wir wissen mittlerweile, dass Fett im Körper nicht gleich Fett ist. Die Zuweisung gut oder schlecht ist ja keine, die biologisch begründet werden könnte. Es gibt zum Beispiel im menschlichen Körper weißes Fett, das in braunes Fett übergehen kann. Es gibt weißes Fett, das eher Entzündungen begünstigt, es gibt weißes Fett, das eher Energie speichert und damit vielleicht sogar die Fruchtbarkeit sichert, Knochen und das Herz schützt. Das hängt ein wenig davon ab, wo im Körper das Fett eingelagert ist.

Können Sie bestimmte Stellen ausmachen, an denen Fett ungünstig für die Gesundheit ist?

Wenn Fett tief im Bauch  sitzt, dann spricht man vom sogenannten viszeralen Fett, dann assoziiert man nach aktuellem Wissensstand das für die Gesundheit ungünstige Fett. Das Fettpolster am Bauch ist eher für Gefäßverkalkungen (Arteriosklerose), Entzündungen und Bluthochdruck verantwortlich.

Kann man die Fettverteilung im Körper irgendwie beeinflussen?

Die Verteilung der Fettzellen im Körper ist durch das Geschlecht vorbestimmt.
Die Verteilung der Fettzellen im Körper ist durch das Geschlecht vorbestimmt.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Nur bedingt. Schon die Tatsache, dass man als Mann oder Frau in dieses Leben geboren worden ist, bringt unterschiedliche Fettverteilung im Körper mit sich. Es wird also hormonell gesteuert, wie viel Fett an welcher Stelle angesetzt wird. Ganz klar sichtbar ist das beim Brust- und Hüftfettgewebe von Männern und Frauen. Die Hormone spielen scheinbar bei der Fettverteilung eine tragende Rolle. Man kann aber durch den Lebensstil ganz klar beeinflussen, wo diese angelegten Fettspeicher auf- oder abgebaut werden.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Wenn Sie zum Beispiel beginnen zu laufen und zwar im sogenannten aeroben Bereich - das bedeutet, sich also nicht zu überlasten, sondern so laufen, dass sie noch sprechen könnten und sich wohlfühlen -, dann wird in dieser aeroben Phase am ehesten das tiefe Bauchfett als Energieträger abgebaut. Wenn ich meine Patienten am Anfang sehe und eine Taillenweite von beispielsweise 102 Zentimetern bei einem Mann messe, dieser beginnt Sport zu treiben und kommt nach drei Monaten wieder zu mir und ich messe nur noch 100, dann hat dieser Mann zwei Kilogramm an Körpergewicht, und zwar insbesondere von diesem tiefen Bauchfett, verloren.

Kann man denn außer durch Bewegung noch etwas an der Fettverteilung ausrichten?

Es geht immer wieder um die drei wichtigen Säulen des gesunden Lebens: Bewegung, Ernährung und Schlaf. Darauf sollte man sich konzentrieren und viel weniger auf das Gewicht oder die Fettverteilung an sich, denn beide sind keine guten Parameter für Gesundheit oder Krankheit. Wichtig ist, dass man sich in seinem Körper wohl fühlt. Dicke Menschen halten ihr Gewicht oftmals über Jahre hinweg konstant.

Wann ist Ihrer Meinung nach ein Mensch zu dick?

Nach dem Body-Mass-Index sind die Klitschko-Brüder übergewichtig.
Nach dem Body-Mass-Index sind die Klitschko-Brüder übergewichtig.(Foto: picture alliance / dpa)

Darauf gibt es keine simple Antwort. Die Annahme, dass dicke Menschen oft krank und dünne meistens gesund sind, ist zwar weit verbreitet, aber falsch. Es gibt Menschen, die, vielleicht von Geburt an, übergewichtig sind. Wir benutzen für solche Einordnungen oftmals den sogenannten Body-Mass-Index (BMI), der gar kein guter Index dafür ist. Wenn Sie zum Beispiel die Klitschko-Brüder nehmen, dann haben die einen BMI von fast 30 und werden damit schon als übergewichtig eingestuft.

Gibt es andere, bessere Maße?

Mit dem BMI findet man die Fettmasse gar nicht heraus. Maße wie das Taillen-Hüft-Verhältnis oder das Taillen-Größen-Verhältnis können für uns Ärzte wesentlich aussagekräftiger sein als der BMI. Entscheidend ist jedoch nicht, wie viel Fett jemand im Körper hat, sondern wie die Gesamtkonstellation eines Menschen ist. Diese kann aus bestimmten laborchemischen Untersuchungen, aus anthroprometrischen Maßen und aus dem Lebensstil bestimmt werden. Dann sieht man, dass ungefähr 30 Prozent der Menschen, die nach dem BMI vermeintlich zu schwer sind, nach einer Untersuchung auf Risiken von beispielsweise Diabetes, Bluthochdruck oder Herzinfarkt gar nicht krank, sondern bisweilen sogar extrem gesund sind.

Also kommt es nicht auf das Gewicht an?

Professor Johannes Klein praktiziert als Arzt für Innere Medizin, Endokrionologie und Diabetologie in Lübeck.
Professor Johannes Klein praktiziert als Arzt für Innere Medizin, Endokrionologie und Diabetologie in Lübeck.

Ich erinnere mich an eine Talkshow, in der Reiner Calmund, der wirklich als übergewichtig gelten mag, sagte, sein Arzt kann regelmäßig gar nicht verstehen, wie seine Blutwerte so gut sein können. Hier zeigt sich, dass Menschen, die als übergewichtig wahrgenommen werden, dabei aber viel häufiger als gedacht wirklich gesund sind. Wenn man als Arzt diesen Menschen sagt, dass sie abnehmen müssen, dann erzeugt man sehr häufig Gewichtsschwankungen und oftmals auch Stimmungsschwankungen. Wenn das Abnehmen dann nicht gelingt, weil der Körper ein sehr starkes autonomes Gedächtnis hat und programmiert ist auf ein bestimmtes Gewicht, dann kann es sogar zu Depressionen kommen. Aus diesem Grund sollten Gesundheitsratschläge nicht mit Gewichtsfixierungen verbunden sein.

Was bedeutet denn, ein gesundes Leben zu führen?

Gesund zu leben bedeutet, ausreichend Bewegung zu haben, ausgewogen zu essen bis zur Sättigung, aber nicht darüber hinaus, und es heißt auch - das wird zu häufig übersehen - ausreichend zu schlafen. Man sollte so viel schlafen, dass man morgens aufwacht und sich frisch fühlt. Wer zu wenig oder aber auch schlecht schläft, der erhöht sein Risiko für Bluthochdruck, Diabetes, Herzinfarkt oder eben Gefäßverkalkung enorm. Wir wissen heute, dass Schlafstörungen etwas mit der Gewichtsregulation zu tun haben. Wenn die Schlafstörungen beseitigt werden, zum Beispiel bei der Schlafapnoe mit einer Schlafmaske, dann verlieren viele Betroffene an Gewicht. Das hängt damit zusammen, dass Schlafdefizit den Appetit beeinflusst. Zu wenig oder gestörter Schlaf führt im Gehirn zu Stress, und damit bekommt man Appetit auf Süßes oder kohlenhydrathaltige Nahrung. Beides kann im Übermaß zu einer Gewichtszunahme führen.

Mit Johannes Klein sprach Jana Zeh

Quelle: n-tv.de

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