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Das Foto zeigt den Canyon, der nun den Großteil des Schmelzwassers vom Kaskawulsh-Gletscher in Richtung Pazifik davonträgt.
Das Foto zeigt den Canyon, der nun den Großteil des Schmelzwassers vom Kaskawulsh-Gletscher in Richtung Pazifik davonträgt.(Foto: Jim Best/University of Illinois via AP)
Dienstag, 18. April 2017

"Wasserpiraterie" in Kanada: Fluss verschwand in vier Tagen

Der einst riesige Fluss Slims war bis zu 150 Meter breit und führte das Wasser des Kaskawulsh-Gletschers Richtung Norden. Im Frühjahr 2016 ist er staubtrocken. Das Umleiten des Schmelzwassers passiert abrupt und gilt als erste Wasserpiraterie der Neuzeit.

Wasser sucht sich bekanntlich seinen Weg und so bahnen sich Bäche und Flüsse ihren Weg durch die Landschaften. Hindernisse oder ein schnelles Ansteigen der Wassermengen können jedoch dazu führen, dass sich das Wasser neue Wege suchen muss und manchmal auch in einem bereits vorhandenen Fluss endet. Einen Vorgang dieser Art, der auch als Wasserpiraterie bezeichnet wird, haben Forscher der University of Washington in Tacoma und der University of Illinois in Kanada beobachtet.

So sah der Slims einmal aus.
So sah der Slims einmal aus.(Foto: imago stock&people)

Das Schmelzwasser des Kaskawulsh-Gletschers, eines der größten Gletscher des Landes, hat sich innerhalb von vier Tagen einen neuen Weg gesucht. Es fließt nicht mehr wie gehabt in die arktische Beringsee, sondern strömt seit dem Frühjahr 2016 tausende Kilometer weiter südlich in den Pazifik, erklären die Forscher. Damit hat das Gletscherwasser rasant schnell einen dramatischen Richtungswechsel vollzogen.

Das Phänomen, das auch als "Wasserpiraterie" bezeichnet werden kann, ist bisher nur aus dem Eiszeitalter oder aus Zeiten, die noch länger zurückliegen, bekannt. "In der modernen Zeit jedoch hat unseres Wissens nach noch niemand dieses Phänomen beobachtet", erklärt der Geomorphologe Daniel Shugar.

Erste geologische Wasserpiraterie der Neuzeit

Shugar und seine Kollegen, die seit Jahren den Rückzug des Gletschers dokumentierten, beobachteten mit Drohnen, Hubschraubern und Satellitenaufnahmen, wie sich der Wasserverlaufs eines riesigen Flusses innerhalb von vier Tagen rapide änderte. Mit Erstaunen sahen sie zu, wie der Slims-Fluss, der bis zu 150 Meter breit war, einfach verschwand.

"Wir gingen in die Gegend, um unsere Messungen im Slims-Fluss fortzusetzen und fanden das Flussbett fast vollständig ausgetrocknet vor", erzählt der Geologe James Best von der University of Illinois. Bis zum Frühjahr 2016 war das Wasser von der Vorderseite des Gletschers in zwei Richtungen abgelaufen: In den nach Norden führenden Slims und in den nach Süden führenden Alsek. Beide Flüsse waren vor 2016 ungefähr gleich groß.

Der Slims hatte sich quasi auf ein Rinnsal reduziert, während die Durchflussmengen des Alsek nun 60 bis 70 Mal größer waren als beim Slims, der im Mai 2016 endgültig austrocknete.

Milde Temperaturen, viel Schmelzwasser

Der Grund war das besonders warme Frühjahr 2016 in dieser Region. Die Durchschnittstemperaturen zwischen Januar und April lagen um 3,6 Grad höher als sonst in dieser Zeit. Das führte schließlich zum rapiden Abtauen des Gletschers und zu einem starken Schmelzwasserstrom, der wiederum am Fuß des Gletschers einen tiefen Canyon mit hohen Wänden entstehen ließ. Dieser blockierte den bisherigen Abfluss des Wassers in Richtung Norden und so floss das gesamte Schmelzwasser nach Süden, so die Erklärung der Forscher.

Die Forscher sind der Überzeugung, dass dieses für die Neuzeit einmalige Ereignis kein Zufall, sondern auf den Klimawandel zurückzuführen ist. Sie gehen davon aus, dass der Wechsel des Schmelzwasserstromes von Dauer sein wird, denn nur ein erneutes Wachsen des Kaskawulsh-Gletschers könnte den neuen Kanal blockieren. Das allerdings scheint angesichts der steigenden Temperaturen durch den Klimawandel äußerst unwahrscheinlich.

In nur einem geologischen Augenblick wurde die Landschaft am Kaskawulsh-Gletscher ganz neu strukturiert. Die drastischen Veränderungen, die die Forscher hier beobachtet haben, könnten jederzeit auch in anderen Gletschergebieten der Erde vorkommen – und sie haben weitreichende Auswirkungen auf Ökosysteme und Infrastrukturen. Millionen Menschen, die vom Wasser gletschergespeister Flüsse abhängig sind, sitzen dann innerhalb kürzester Zeit auf dem Trockenen.

Die Ergebnisse ihrer Beobachtungen veröffentlichten die Forscher im Fachmagzin "Nature Geoscience".

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Quelle: n-tv.de

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