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Der Vogelgrippe-Erreger ist für Menschen nicht besonders ansteckend. Kombiniert mit Teilen des Schweinegrippe-Virus jedoch wird er zur unbeherrschbaren Gefahr.
Der Vogelgrippe-Erreger ist für Menschen nicht besonders ansteckend. Kombiniert mit Teilen des Schweinegrippe-Virus jedoch wird er zur unbeherrschbaren Gefahr.(Foto: picture alliance / dpa)

Moratorium endet in Kürze : Forscher basteln an Killerviren

Wegen der Gefahr von Bioterrorismus entschlossen sich Wissenschaftler Anfang 2012 zu einem Moratorium: Für 60 Tage wollten sie ihre Forschungen an einer hochgefährlichen Vogelgrippe-Variante auf Eis legen. Aus den 60 Tagen wurde ein Jahr. Nun laufen die Experimente wieder an. Die Risiken sind so groß wie zuvor.

Die Geschichte begann mit kleinen Frettchen: Niederländische Forscher hatten die Tiere so lange mit dem Vogelgrippe-Virus H5N1 infiziert, bis der Erreger über die Luft in die Atemwege gelangte. Es war ein Supervirus entstanden, das sich rasend schnell unter den Tieren ausbreitete. Bei den meisten Frettchen – sie reagieren auf Influenzaviren ähnlich wie der Mensch – führte die Infektion zum Tod.

Ein "dummes Experiment" sei es gewesen, gestand Ron Fouchier von der Erasmus-Universität in Rotterdam später ein. Aber das Supervirus war geschaffen und mit ihm die Angst: Was würde passieren, sollte der Erreger in falsche Hände geraten? Von möglichem Bioterrorismus war die Rede.

Risikoreiche Kombination

Forscher im US-Bundesstaat Wisconsin waren derweil zu ähnlichen Ergebnissen gekommen: Sie hatten Teile des Schweinegrippe-Keims mit dem Erbgut des Vogelgrippe-Virus kombiniert und so einen hochgefährlichen Erreger gezüchtet. Denn während Schweinegrippe schnell von Mensch zu Mensch übertragbar ist, ist Vogelgrippe zwar weniger ansteckend, dafür aber in vielen Fällen tödlich.

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Wenn sich das neue Supervirus - und das vermuten die Wissenschaftler - beim Mensch derart schnell verbreitet wie unter Frettchen, wäre es eine enorme Gefahr. Während die Sterblichkeitsrate bei einer normalen Grippe bei ungefähr einem Prozent liegt, beträgt sie bei der Vogelgrippe 60 Prozent. In den vergangenen zehn Jahren sind zwar weltweit nur 600 Fälle von Vogelgrippe beim Menschen bekanntgeworden - aber rund 60 Prozent der Betroffenen sind gestorben.

Als die US-Regierung darum bat, die Forschungsergebnisse zu den Superviren nicht zu veröffentlichen, entschieden sich 39 Wissenschaftler für einen seltenen Schritt: 60 Tage lang würden sie alle Experimente mit der neuen Variante des H5N1-Erregers auf Eis legen. Teile der Forschungsergebnisse wurden im Juni vergangenen Jahres dennoch veröffentlicht. Doch aus der 60-tägigen Forschungspause wurden 12 Monate.

Nun ist das Ende des Moratoriums nah: Nach Auskunft mehrerer Experten soll es schon kommende Woche verkündet werden, berichtet die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" (FAS). Dabei ist den Wissenschaftlern klar, welche Risiken eine Wiederaufnahme der Forschung birgt: Wird das Virus aus einem Labor gestohlen oder macht jemand das in einem Fachmagazin beschriebene Experiment nach und stellt das Virus selbst her, ist die Gefahr von Bioterrorismus hoch.

Kritiker fordern Richtlinien und Debatten

Der amerikanische Molekularbiologe Richard Ebright hält es laut FAS für unverantwortlich, die Supervirus-Forschung fortzuführen, ehe strikte und international verbindliche Richtlinien für den Umgang mit solchen Erregern in Kraft getreten sind. Als Vorbild könne das Beispiel der Pocken gelten, mit denen nur noch in zwei hochgesicherten Labors in den USA und Russland gearbeitet werden dürfe.

Ganz anders klingt es, was Anthony Fauci, einer der bekanntesten amerikanischen Immunbiologen, zu dem Thema zu sagen hat: "Das wurde alles sehr stark überbewertet damals", meint er. Die Auszeit habe geholfen, alle zu beruhigen. "Sie dauert jetzt schon so lange an, weil es so viele Diskussionen gibt. Und die beteiligten Wissenschaftler sind sehr kooperativ darin, ihre Forschungen weiter auszusetzen, bis wir eine wirklich breite Diskussion und dann letztendlich eine Entscheidung haben."

Doch mit den Kritikern, so US-Kommunikationsexperte und Risikoforscher Peter Sandman, sei eine echte Debatte weder geführt noch angestrebt worden. Laborunfälle kämen in den Biowissenschaften häufig vor; die meisten blieben geheim, schreibt Sandman in der FAS. Beinah-Unfälle würden weder gemeldet noch katalogisiert und ausgewertet, um aus Fehlern zu lernen.

Was, wenn das Virus von selbst mutiert?

Das Problem sei komplex, erklärt Fauci, der das Nationale Forschungsinstitut für Allergien und Infektionskrankheiten (NIAID) in Bethesda im US-Bundesstaat Maryland leitet. Er betont die Wichtigkeit der Experimente: Was passiert, wenn das Virus in freier Natur von selbst mutiert? Und dann niemand ein Mittel dagegen hat, weil das alles nicht erforscht worden ist? "Dann haben wir ein echtes Problem", meint Fauci.

Bei zahlreichen Treffen - zuletzt im Dezember in Washington - haben Forscher, Gesundheitspolitiker und Sicherheitsexperten das Thema hin- und hergewälzt. Und jetzt, so kündigt der stets an den Diskussionen beteiligte Fauci an, sei eine Entscheidung vielleicht wirklich endlich absehbar. "Wir kommen einem Ergebnis sehr nahe."

Öffentliche Kontroverse steht noch aus

Was sich abzeichne, sei eine Zwischenlösung: "Vor jedem solchen Experiment müsste man dann künftig entscheiden: Ist das Labor sicher genug, und sind die Forscher gut genug ausgebildet? Wird das Experiment die Wissenschaft voranbringen, ist es unbedingt notwendig, und gibt es mehr Nutzen als Risiko? Das große Moratorium, das wir jetzt haben, wird dann zu einem Moratorium nur für ganz bestimmte Experimente werden."

Doch eine echte öffentliche Debatte, wie sie Kommunikationswissenschaftler Sandman fordert, eine Kontroverse über strittige Forschung, über die Nutzung wissenschaftlicher Ergebnisse zu guten wie zu bösen Zwecken, die hat es dann immer noch nicht gegeben. Sie sei, so Sandman, durch das Moratorium im Keim erstickt worden.

Quelle: n-tv.de

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