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Überreste einer Bestattungszeremonie. Die Abbildung zeigt die Form der Bestattungsgrube (l) und die Anordnung der Hände vor dem Gesicht.
Überreste einer Bestattungszeremonie. Die Abbildung zeigt die Form der Bestattungsgrube (l) und die Anordnung der Hände vor dem Gesicht.(Foto: André Strauss)
Donnerstag, 24. September 2015

Kopf abgedreht und bestattet: Fund beweist älteste Enthauptung Amerikas

"Bring mir seinen Kopf", forderten Herrscher in vergangenen Zeiten. Das Köpfen ist eine besonders grausame Art der Tötung. Es wurde bereits vor 9000 Jahren als besondere Art der Bestattung praktiziert, wie Forscher nun herausfinden.

Bisher gingen Wissenschaftler davon aus, dass das gewaltsame Abtrennen des Kopfes unter den Ureinwohnern Amerikas erst vor 3000 Jahren eine übliche Praxis war. Mehrere archäologische Funde dazu hatten Forscher in den Anden gemacht. Diese wurden den Inka, Nazca, Moche, Wari und Tiwanaco zugeordnet. Wegen der Häufungen galten Enthauptungen als Phänomen der Andenregion.

Doch sowohl die Zeitspanne als auch die zugeordnete Region für Enthauptungen müssen durch jüngste Studienergebnisse nun neu bestimmt werden. Denn ein internationales Forscherteam hat die Überreste eines enthaupteten Menschen untersucht und auf ein Alter von etwa 9000 Jahre datiert. Damit liefern die Forscher den Beweis für die älteste bekannte Enthauptung Amerikas.

Der Fund, der aus einem Schädel, den Unterkieferknochen, den ersten sechs Halswirbel und zwei abgetrennten Händen eines erwachsenen Mannes bestand, wurde bereits 2007 in der archäologischen Fundstätte Lapa do Santo in östlichen Zentralbrasilien gemacht und mit Hilfe einer sogenannten Beschleuniger-Massenspektrometrie untersucht.

Hände sorgfältig vors Gesicht gelegt

Die Fundstücke waren in besonderer Art und Weise rund um den Kopf angeordnet. Die rechte Hand bedeckte die linke Gesichtshälfte, die Finger zeigten in Richtung Kinn, wohingegen die linke Hand die rechte Hälfte bedeckte und die Finger zur Stirn gerichtet waren. Mithilfe eines speziellen Mikroskops konnten die Forscher dreidimensionale Modelle der V-förmigen Schneidespuren erstellen, wobei sie feststellten, dass das Weichgewebe mithilfe von Steinblättchen entfernt worden war. Einem Team von Forensikern zufolge, die an der Untersuchung beteiligt waren, war das Entfernen des Kopfes jedoch nicht ein Ergebnis der Schnitte. Stattdessen war der Kopf durch Ziehen und Drehen vom Körper abgetrennt worden.

Anders als aus westlicher Sicht vielleicht angenommen, war die Abtrennung des Kopfes in diesem Fall wohl kein Akt der Gewalt oder Bestrafung. "Die chemische Analyse von Strontium-Isotopen ergab, dass es sich bei dem enthaupteten Mann um ein Mitglied der Gemeinschaft handelte und nicht um einen besiegten Feind", sagt Domingo Carlos Salazar-Gárcia vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig (MPI-EVA).

Kein Akt der Gewalt

Die Forscher schließen daraus, dass es sich bei der Enthauptung des Mannes vor rund 9000 Jahren in Lapa do Santo nicht um einen gewalttätigen Akt gegen einen Feind gehandelt hat, sondern um einen Teil eines komplexen Bestattungsrituals, der mit einer Abtrennung des Kopfes einherging. Die genaue Anordnung der Hände über dem Gesicht deutet darauf hin, dass der enthauptete Schädel der Gemeinschaft präsentiert wurde, ein Ritual, das möglicherweise der Stärkung des sozialen Zusammenhalts innerhalb der Gemeinschaft gedient haben könnte.

"Diese ritualisierte Bestattung bestätigt die frühe Komplexität von Bestattungsritualen bei Jägern und Sammlern auf dem amerikanischen Kontinent", sagt Studienleiter André Strauss (MPI-EVA) "Darüber hinaus zeigen unsere Ergebnisse, dass diese Praxis geografisch weiter verbreitet war, als bisher angenommen."

Schematische Darstellung der Bestattung in Lapa do Santo.
Schematische Darstellung der Bestattung in Lapa do Santo.(Foto: Gil Tokyo)

Quelle: n-tv.de

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