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Misshandelte Kinder: Gewalt schädigt Erbgut

Menschen, die als Kind misshandelt oder missbraucht wurden haben als Erwachsene ein höheres Risiko, an chronischen Erkrankungen und Tumoren zu leiden. Denn das Erbgut wird durch die Gewalt massiv geschädigt, wie Forscher berichten.

Einer Forsa-Umfrage vom Januar 2012 zufolge geben rund 40 Prozent der Mütter und Väter zu, ihre Kinder mit einem Klaps auf den Po zu strafen. 10 Prozent verteilen Ohrfeigen.
Einer Forsa-Umfrage vom Januar 2012 zufolge geben rund 40 Prozent der Mütter und Väter zu, ihre Kinder mit einem Klaps auf den Po zu strafen. 10 Prozent verteilen Ohrfeigen.(Foto: picture alliance / dpa)

Das Erbgut misshandelter Kinder weist Schäden auf, die sich Jahre später auswirken können. Bei Kindern, die mehrere Formen von Gewalt erlitten, seien die Folgen am gravierendsten, berichten Forscher im Fachjournal "Molecular Psychiatry". In ihrem Erbgut verschlissen die sogenannten Telomere am stärksten. Diese Enden der Chromosomen schützen die DNA ähnlich den Plastikhüllen an Schnürsenkeln. Mit verkürzten Telomeren sind erhöhte Risiken etwa für chronische Erkrankungen und Krebs verbunden.

Das Team um Idan Shalev von der Duke University in Durham (US-Staat North Carolina) hatte das Erbgut von Kindern im Alter von fünf und zehn Jahren untersucht. Die Proben stammten von 236 in den Jahren 1994/95 geborenen britischen Kindern. 42 Prozent von ihnen waren zumindest zeitweise Opfer von Gewalt: Aus umfangreichen Befragungen der Mütter wussten die Forscher, ob und wann die Kinder häuslicher Gewalt, fortgesetzten Schikanen oder physischen Misshandlungen durch einen Erwachsenen ausgesetzt waren.

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Bei Kindern, die mindestens zwei Formen von Gewalt durchlebt hatten, verkürzten sich die Telomere vom fünften bis zehnten Jahr deutlich stärker als bei Kindern, die kein Leid erlebt hatten. Die misshandelten oder missbrauchten Kinder seien biologisch älter als ihrem Geburtstag nach gewesen, berichten die Forscher. Geschlecht, soziales Umfeld, Gewicht und Gesundheitsstatus hätten dabei keine Rolle gespielt. Misshandlung und Gewalt in der Kindheit könnten die Basis für spätere Gesundheitsprobleme legen, schreiben die Forscher

"Eine Unze Prävention ist so viel wert wie ein Pfund Heilung", wird Terrie Moffitt von der Duke University in einer Mitteilung seiner Hochschule zitiert. "Einige der Milliarden Dollar, die für Alterskrankheiten wie Diabetes, Herzleiden und Demenz ausgegeben werden, sollten besser darin investiert werden, Kinder vor Leid zu schützen." Mit einer Analyse der Telomere der mittlerweile volljährigen Kinder wollen die Wissenschaftler nun die längerfristigen Effekte von Gewalt in der Kindheit auf die Alterung des Erbguts untersuchen.

Die Telomere sind eine Art Schutzkappe an den Enden der 46 Chromosomen des Menschen, den Trägern des Erbguts. Mit jeder Zellteilung werden sie kürzer. Wird eine kritische Länge unterschritten, kann sich die Zelle nicht mehr teilen. Die Telomerverkürzung gilt als ein ursächlicher Faktor der Alterung: Die Regeneration geschädigter Gewebe wird gehemmt und die Lebensspanne verkürzt. Verkürzte Telomere sind zudem ein Risikofaktor für die Entstehung von Tumoren und chronischen Erkrankungen wie Leberzirrhose, chronische Hepatitis und entzündliche Darmerkrankungen.

Forscher hatten vor einiger Zeit herausgefunden, dass Menschen mit einer bestimmten Genvariante kürzere Telomere haben und biologisch älter aussehen. Es gehe dabei um drei bis vier Jahre, berichtete das Team um Tim Spector vom King’s College London im Fachjournal "Nature Genetics". Bekannt ist auch, dass chronischer Stress die Telomere verkürzt, Sport sie dagegen erhält. Eine im vergangenen Jahr präsentierte Analyse hatte Hinweise darauf gegeben, dass unzureichende Zuwendung in Heimen zu einer Verkürzung der Telomere bei Kindern führen könnte. Dies hätten die Daten von 136 rumänischen Waisenkindern gezeigt, berichtete ein Team um Stacy Drury von der Tulane University in New Orleans in "Molecular Psychiatry".

Elizabeth Blackburn, Carol Greider und Jack Szostak hatten für die Entdeckung der Telomere und deren Aufgaben im Oktober 2009 den Nobelpreis für Medizin zuerkannt bekommen.

Quelle: n-tv.de

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