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Das lernt man in dem neuen Fach schnell: Gemeinschaft ist wichtig fürs eigene Glück!
Das lernt man in dem neuen Fach schnell: Gemeinschaft ist wichtig fürs eigene Glück!(Foto: imago stock&people)

Unterricht, der unter die Haut geht: Glück kann man lernen

Das eigene Glück muss kein Traum bleiben, wir haben es in der Hand. Immer mehr Schulen bieten daher Glücks-Unterricht an. Ein Laberfach? Nein. Auf dem Stundenplan stehen Entscheidungen, Spiele, Ziele und viele eindrückliche Erlebnisse. Ernst Fritz-Schubert, der Initiator des Faches, erzählt im Gespräch mit n-tv.de, wie Schüler lernen, ihrem Glück auf die Sprünge zu helfen – lebenslang.

n-tv.de: Herr Fritz-Schubert, muss man gar nicht auf den großen Lotto-Gewinn warten, kann man Glück einfach lernen?

Ernst Fritz-Schubert: Es gibt viele Wege, um glücklich zu sein. Es gibt aber auch viele Irrwege und man muss aufpassen, dass man sich nicht verläuft. Was man lernen kann, ist, die richtigen Wege einzuschlagen. Wenn wir uns die richtigen, für uns stimmigen und zu uns passenden Ziele aussuchen und diese erreichen, haben wir gute Chancen, glücklich und zufrieden zu sein.

Um was für Ziele geht es?

Das können kleinere Unternehmungen sein, wie eine schöne Wanderung oder eine neue Sportart, bis hin zur Erfüllung von Lebenszielen. Entscheidend dabei ist, dass wir uns engagieren, die Herausforderungen annehmen und die eigenen Erwartungen realistisch anpassen. Außerdem hilft uns die eigene positive Einstellung auf dem Weg zu Wohlbefinden und innerem Wachstum. Oft macht es uns sogar schon glücklich, wenn wir etwas genießen können. Oder wenn wir uns aufmerksam durch die Natur bewegen. Manchmal tut es auch gut, auf etwas verzichten zu können. Oder wenn wir mit Menschen zusammen sind, die wir mögen und die uns ehrlich begegnen.

Glück macht Schule

Ernst Fritz-Schubert ist Initiator des Schulfachs Glück. Als Oberstudiendirektor führte er es 2007 an einer Heidelberger Schule ein.

Seither sind viele Schulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz diesem Beispiel gefolgt.

Auch wissenschaftliche Auswertungen des Glücks-Unterrichtes liegen inzwischen vor. Sie nehmen die Übungen und das Wohlbefinden der Schüler unter die Lupe und zeigen: Glücks-Unterricht wirkt sich positiv aus.

Wie läuft Glücks-Unterricht ab?

Ein Ziel zu haben und etwas erreichen zu wollen, ist ein Projekt – das kann groß oder klein sein. An diesem Projekt orientiert sich der Unterricht, es ist ein ganzes Programm. Es beginnt damit, dass man sich erstmal seiner Stärken bewusst werden muss, wenn man ein solches Projekt durchführen will. Dazu gibt es zahlreiche Übungen. Mit denen kommt dann auch schon der neben dem Ziel zweite wichtige Aspekt ins Spiel: Glück hängt auch davon ab, in der Gemeinschaft seinen Platz zu finden.

Wie sieht eine Übung zu den eigenen Stärken aus?

Wir haben da rund 20 verschiedene Möglichkeiten entwickelt. Eine davon ist diese: Die Schüler bekommen einen roten Faden und für alle Erlebnisse, die zum Beispiel im letzten halben Jahr gut ausgegangen sind und für die sie eine ihrer Stärken genutzt haben, machen sie einen Knoten in den Faden. Danach haben sie die Aufgabe, ihren Mitschülern diese Knoten zu erklären. Sie greifen also das Erlebnis nochmal auf, nennen die genutzten Stärken nochmal, steigen nochmal in die emotionale Situation ein und fühlen sich dabei wohl.

Und wie kommt die Gemeinschaft ins Spiel?

Deren Bedeutung wird zum Beispiel in folgender Übung, die schon für Grundschüler etwas ist, deutlich: beim Stärkenball. Das ist ein Schaumstoffball, den wirft man sich zu, und dazu sagt man: "Ich kann gut …" - vielleicht singen. Und der andere wirft den Ball zurück und sagt dabei: "Oh ja, singen kannst du gut!" Das geht dann hin und her und auf diese Weise kommen ganz viele Stärken heraus. Man kann sich auch Zettel auf den Rücken hängen und die anderen schreiben dann die Stärken darauf auf. Es tut gut, zu erfahren, welche Stärken andere an mir sehen. Und die anderen fühlen sich gut, wenn sie sehen, dass ihre Wertschätzung gut ankommt. Hier erfahre ich, dass Gemeinschaft etwas mit meinem Glück zu tun hat.

Wie geht es dann weiter auf dem Weg zum Ziel?

Die zweite Stufe (nach den Stärken) ist die Motivsuche: Warum liegt mir dieses Ziel so sehr am Herzen? Da geht man den Dingen auf den Grund. Meist muss man dafür ein bisschen hinter die Geisterbahn schauen: Will man mit dem, was man erreichen will, Anerkennung gewinnen? Will man damit beeindrucken? Wen? Und ginge das nicht vielleicht auch anders? Was hat es mit meinem Perfektionismus auf sich? Was mit meiner Langeweile? Oder mit dem Schnelligkeitswahn?

Wie findet man so etwas heraus?

Dafür geht man auf Fantasie-Reise, malt sich den Traum aus, schaut, was man sich von dem Ziel erhofft, geht vielleicht auch nochmal in die Kindheit zurück und guckt, welche Träume man damals hatte und was daran damals so reizvoll war. So findet man Antworten auf viele Fragen: Was treibt mich an? Was treibt mich um? Was sind meine Glaubenssätze? Was bewegt mich? Und dann taucht irgendwann ein Projekt auf. Das kann etwas mit meiner Haltung, meiner Einstellung zu tun haben, es kann aber auch etwas sein, das ich machen will. Eine Reise oder eine Lebensplanung oder eine Beziehung, die ich aufarbeiten will.

Es war ein Wirtschaftsgymnasium, an dem Fritz-Schubert das Glück 2007 auf den Stundenplan setzte.
Es war ein Wirtschaftsgymnasium, an dem Fritz-Schubert das Glück 2007 auf den Stundenplan setzte.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Das klingt nicht ganz einfach … Was folgt auf die Motivsuche?

Stufe drei ist die Entscheidung. Irgendwann muss man sich für oder gegen das Ziel entscheiden. Dafür muss man abwägen können. Was geschieht, wenn ich es doch nicht mache? Was würden die anderen dann denken? Wer würde sich darüber freuen? Wer würde sich ärgern, wenn ich es nicht mache? Bei den Antworten muss man sowohl den Verstand als auch das Bauchgefühl berücksichtigen. Die Verbindung von beidem, von Kalkulation und Intuition, ist das, worauf es hier ankommt. Dieser Prozess ist etwas sehr, sehr Wichtiges – gerade in der aktuellen Zeit, in der es so viele Möglichkeiten gibt. Mitunter fallen hier Grundsatzentscheidungen, was dann weitere Entscheidungen erleichtert.

Wie lernen die Schüler das Entscheiden?

Als einfache Übung kann man die Möglichkeiten einander räumlich gegenüber stellen, eine steht rechts und eine links. Und dann geht man zu der, zu der man sich eher hingezogen fühlt. Dieses Gefühl, diese Intuition, betrachtet man dann rational und schaut, welcher Vorsatz dahinter steckt. Wenn dann schließlich der Wille da ist, ein Ziel wirklich zu erreichen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass man das Vorhaben umsetzt, groß.

Ok, was fehlt dann noch, um das Ziel wirklich zu erreichen?

Als Nächstes braucht man einen Plan. Das ist Stufe vier. Da muss man erstmal wissen: Wie weit bin ich von meinem Ziel entfernt? Da machen wir zum Beispiel – eine von vielen Übungen – einen Raumlauf. Man hängt sich das Ziel an die Wand und läuft mit vielen anderen durch den Raum. Dann geht man auf das Ziel zu, und da spürt man vielleicht: Es steht noch irgendetwas zwischen mir und dem Ziel. Was ist das denn eigentlich? Was sind das für Dinge, die mich noch herausfordern? Was brauche ich noch an Stärken? Brauche ich noch eine Haltung, die ich noch nicht habe? Oder wäre es vielleicht zum Beispiel nötig, die Stadt zu wechseln? All diese Dinge, die man kennen muss und mit denen man umgehen können muss, um dem Projekt eine Chance zu geben, gehören zum Plan.

Und wenn man den Plan hat, was folgt dann?

Dann folgt die Umsetzung des Plans. Das ist Stufe fünf. Insgesamt gibt es übrigens sechs. Bei der Umsetzung kann es einige Herausforderungen geben – je nach Projekt natürlich andere. Das Wetter ist nicht gut, ich habe Hunger, die Freundin hat mich verlassen und, und, und.

Wie geht man mit solchen Hürden um?

Man kann sich überlegen, wie man sich gute Gefühle verschafft, sodass die Lust auf das Projekt wieder geweckt wird. Man kann sich zum Beispiel ausmalen, wie sehr es sich lohnt, das Ziel zu erreichen. Wie gehe ich mit meiner Frustrationstoleranz um? Wie bin ich achtsam, wie konzentriere ich mich? Wie kann ich durch Atmen ruhiger werden? Das ist alles mentales Training, um die Dinge besser umsetzen zu können und das kann man gut lernen.

Was ist dann die sechste und letzte Stufe?

Das ist die Reflexion, also der Rückblick auf die Umsetzung des Plans. Das kann man täglich machen oder auch ganz zum Schluss. Dabei geht es darum, etwas für die Zukunft zu entscheiden: Mache ich das nochmal? Mache ich das nächstes Mal anders? Hat sich meine Haltung verändert? Muss ich sie verändern? Habe ich mir ein neues Interessengebiet erschlossen? Kann ich dankbar sein? All diese Dinge sind wichtig. So können wir immer noch ein bisschen besser werden als gestern. Und so kann durch die eigene Weiterentwicklung und durch Erfahrungen, die tief unter die Haut gehen, Glück entstehen.

Warum gehören solche Erfahrungen Ihrer Meinung nach in die Schule?

Das ist Selbstbildung als Ergänzung zur Bildung. Solche Erfahrungen können die Vorbereitung für ein gelingendes Leben darstellen. Wenn ich diese Projekt-Kompetenz habe und das Leben in vielerlei Hinsicht als Projekt erkenne – in Beziehungen, bei Leistungen, Selbstverwirklichung, Gesundheit und Ernährung – kann ich mir die richtigen Ziele setzen, kann meine Potenziale erkennen und kann dafür sorgen, dass diese wachsen und zu Ressourcen werden im Leben. Goethes "Iphigenie" ist gut, aber ebenso wichtig ist das Erlebnis, dass man sich nach hinten fallen lassen kann und da tatsächlich Menschen stehen, die einen auffangen. Dann weiß man, was Gemeinschaft wirklich bedeutet. Und das ist Glück.

Mit Ernst Fritz-Schubert sprach Andrea Schorsch

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Quelle: n-tv.de

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