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Mittwoch, 06. September 2017

"Irma" und anderes Extremwetter: "Haben das Maximum noch nicht erreicht"

Hurrikan "Irma" erreicht in der Karibik Windgeschwindigkeiten von bis zu 360 Kilometern pro Stunde. Wie konnte er so schnell werden? Kann es bei künftigen Stürmen noch schlimmer kommen? Und was hat der Klimawandel damit zu tun? n-tv.de fragt Anders Levermann vom PIK, dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

n-tv.de: Herr Levermann, Windgeschwindigkeiten von bis zu 360 km/h, das klingt nach unvorstellbaren Kräften. Ist "Irma" ein Rekord-Hurrikan?

Anders Levermann: Dieser Sturm ist in der Tat extrem stark. Er ist gerade in die Top Ten der stärksten jemals gemessenen tropischen Wirbelstürme aufgestiegen. Auch für einen Klimaforscher wie mich ist es bestürzend, dass wir so kurz nach "Harvey" bereits wieder einen möglicherweise verheerenden Sturm in der Region beobachten.

Wie kann ein Hurrikan so viel Fahrt aufnehmen?

Das ist ein Wechselspiel verschiedener Kräfte, auch der Zufall spielt eine Rolle. Entscheidend ist aber die Oberflächentemperatur des Wassers. Aus dieser holt ein tropischer Wirbelsturm sich seine Energie. Und die Ozeantemperaturen in der Region sind derzeit klar erhöht.

Welche Rolle spielt da der Klimawandel?

Wir verfeuern Kohle, Öl, Gas, und stoßen damit Unmengen an Treibhausgasen aus. Das verursacht maßgeblich die bereits heute messbare Erwärmung nicht nur der Atmosphäre, sondern eben auch der Meere. Über 90 Prozent der Energie, die wir durch den menschengemachten Treibhauseffekt einfangen, geht in die Ozeane. Das ist je nach Region und Jahreszeit unterschiedlich, aber grundsätzlich pumpen wir immer mehr Energie ins System. Und das hat Folgen, so ist einfach die Physik.

Wird es künftig mehr Hurrikane geben?

Ob mit dem Klimawandel die Häufigkeit von tropischen Wirbelstürmen wächst, wissen wir noch nicht. Aber ihre Heftigkeit wird zunehmen. Das gilt nicht bei jedem einzelnen Sturm. Aber insgesamt und auf Dauer wachsen hier die Risiken, wenn wir unser Klima nicht stabilisieren und den Ausstoß von Treibhausgasen rasch reduzieren.

"Harvey" brachte 1000 Liter Regen pro Quadratmeter innerhalb weniger Tage, "Irma" ist mehr als 300 km/h schnell. Ist mit solchen Werten das Maximum erreicht oder könnte es künftig noch schlimmer kommen?

Der verheerende Regen bei Harvey war ebenfalls Klimaphysik: Wärmere Luft kann mehr Feuchtigkeit aufnehmen, die dann auf einen Schlag runterkommt. Weltweit haben wir das Maximum an Extremwetter sicher noch nicht erreicht. Wenn wir künftige Schäden wirklich begrenzen wollen, müssen wir unsere Energieversorgung auf saubere Technologien umstellen.

Müssen die Karibik und der Süden der USA wetterfester werden und sich besser gegen solche Ereignisse wappnen? Was kann man tun?

Anpassung ist unverzichtbar, auch wenn sie kein Ersatz für die Verringerung der Treibhausgase sein kann. Wie die Menschen in der Region sich schützen, wissen die Gouverneure und Bürgermeister dort besser als ich. Das können Deiche sein oder Bauvorschriften. Wir Klimaforscher können nur sagen, mit was für Extremwetter und Meeresspiegel zu rechnen ist, kurzfristig oder langfristig, mit Klimapolitik - oder ohne.

Anders Levermann ist einer der Forschungsbereichsleiter am PIK, Professor für die Dynamik des Klimasystems am Institut für Physik der Universität Potsdam sowie Adjunct Scientist am Lamont-Doherty Earth Observatory der Columbia University, New York. Mit ihm sprach Andrea Schorsch.

Quelle: n-tv.de

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