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Der "vertikale Wald" in Mailand: 900 Bäume begrünen zwei Hochhäuser und tragen zu einem besseren Mikroklima bei.
Der "vertikale Wald" in Mailand: 900 Bäume begrünen zwei Hochhäuser und tragen zu einem besseren Mikroklima bei.(Foto: imago/Pacific Press Agency)
Mittwoch, 28. Juni 2017

Steile Wälder und Schwamm-Städte: Klimawandel: Wie wir uns anpassen können

Wetterextreme und verschobene Jahreszeiten - der Klimawandel ist bereits jetzt spürbar. Forscher wollen die Anpassung an seine Folgen ermöglichen. Auch wenn die Anforderungen je nach Region verschieden sind, gilt hier wie da: Die Natur kann helfen.

Der Wald mitten in Mailand ragt steil nach oben. 900 Bäume wachsen dort auf den Balkonen zweier Hochhäuser in den Himmel. "Bosco verticale" nennen die Architekten ihren Bau, zu Deutsch "vertikaler Wald": Würde man die Bäume auf ebener Erde pflanzen, bildeten sie ein Wäldchen von 7000 Quadratmetern.

Bei Gebäuden wie diesen Mailänder Wohntürmen, die 2014 den Internationalen Hochhauspreis gewannen, geht es nicht nur um das Aussehen. Einer durchdachten Architektur kommt im Zuge des Klimawandels eine Schlüsselrolle zu: Begrünte Fassaden und Dächer helfen mit, in überhitzten Städten die Temperaturen zu senken und schaffen ein besseres Mikroklima. Experten fassen solche Ideen unter dem Schlagwort der "naturbasierten Lösungen" zusammen – Ansätze, die mit der Natur arbeiten oder von ihr inspiriert sind.

Welche Folgen mit dem Klimawandel einhergehen und wie man sich dagegen wappnen kann, das erforscht Daniela Jacob, Leiterin des Climate Service Center Germany (GERICS) vom Helmholtz-Zentrum Geesthacht. "Schon bei einer Erderwärmung von zwei Grad im Vergleich zu der Zeit vor der Industrialisierung werden wir sehr deutliche Veränderungen in ganz Europa sehen", sagt sie. "Wir müssen zum Beispiel davon ausgehen, dass die Wintermonate im Norden Europas deutlich nasser werden und dass wir Europäer mehr Hitzewellen erleben werden."

Eine Stadt wie ein Schwamm

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Diese Folgen betreffen Städte und Gemeinden genauso wie Privatpersonen und beispielsweise die Landwirtschaft. "Es müssen Möglichkeiten zur Anpassung gefunden werden", sagt Jacob. Anpassungen können so aussehen wie der vertikale Wald am Mailänder Hochhaus oder schlichtweg großzügige Parkanlagen. Solche gezielten Begrünungen treten dem "Hitzeinsel-Effekt" von Städten entgegen. Um wiederum Starkregenfällen zu begegnen, gibt es die Idee der "Sponge Cities" – Städte werden dabei so geplant, dass sie das Wasser wie ein Schwamm aufnehmen. Speziell gestaltete Parkplätze können etwa als Überflutungsflächen für den Ernstfall dienen. "Solche Maßnahmen können von vornherein und relativ einfach in der Stadtplanung bedacht werden", sagt Jacob.

Auf den Klimawandel müssen sich aber nicht nur Metropolregionen vorbereiten, sondern auch ländliche Gegenden. Dort sind die Herausforderungen andere: In der Forstwirtschaft etwa gilt es, Generationen im Voraus zu denken – zum Beispiel bei der Frage, welche Bäume für die nächsten 30 bis 60 Jahre gepflanzt werden sollen. Die Antworten auf solche Fragen sind deshalb besonders schwer zu finden, weil die Folgen des Klimawandels regional unterschiedlich sein werden. "Während es bei der Vermeidung von CO2-Ausstoß um globale Strategien geht, müssen Anpassungsstrategien lokal umgesetzt werden", sagt Jacob. Der Dialog vor Ort ist wichtig.

Tropische Moore sind eine Zeitbombe

Das zeigt auch das Forschungsthema, mit dem sich Aletta Bonn vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig befasst: Die Wissenschaftlerin hat analysiert, welche Rolle Moore spielen, wenn es um die Milderung des Klimawandels geht. "Moore nehmen in Deutschland rund fünf Prozent der Fläche ein. Obwohl das zunächst nicht viel zu sein scheint, sind sie für den Klimaschutz doch ein bedeutungsvolles Ökosystem", sagt Bonn. "In ihnen sind nämlich im Verhältnis zu anderen Flächen besonders große Mengen Kohlenstoff eingelagert."

Werden die Moore entwässert, dann werden diese Böden "belüftet". Der eingelagerte organische Kohlenstoff aus den Tausende Jahre alten Pflanzenresten verbindet sich dann mit Sauerstoff aus der Luft und wird als Kohlendioxid, also CO2, frei. "Die Moore sind in Deutschland stark durch die Landwirtschaft übernutzt. Je stärker die Moore dafür trockengelegt werden, desto höher ist ihr CO2-Ausstoß." Die in ihnen eingelagerte Menge Kohlenstoff entspricht etwa 4300 bis 8600 Millionen Tonnen CO2. Zum Vergleich: Insgesamt wurden 2014 in Deutschland rund 800 Millionen Tonnen CO2 freigesetzt. "Wiedervernässung von Moorböden ist eine der effektivsten und volkswirtschaftlich kostengünstigsten Klimaschutzmaßnahmen. Extrem ist der globale Blick. Insbesondere die tropischen Moore sind eine tickende Zeitbombe. Entwässerte und übernutzte Waldmoore Südostasiens brennen immer wieder und tragen jedes Jahr messbar zu den weltweiten Emissionen bei", sagt Bonn.

"Vergleichsweise günstige Investition"

Eine Lösung könnte sein, mit der Natur zu arbeiten. Das würde für die Flächen in Deutschland bedeuten, noch intakte Moore zu schützen und bereits landwirtschaftlich genutzte Flächen umzugestalten, um weitere Emissionen zu vermeiden: Statt Maisfelder könnten weniger stark entwässerte Weiden angelegt werden, optimal wäre es aber, durch sogenannte Wiedervernässung den ursprünglichen Zustand wiederherzustellen – oder zumindest Schilf anzubauen und so die Moore "nass" zu nutzen.

"Gut wäre es", sagt Bonn, "wenn es uns gelingt, solche Renaturierungsmaßnahmen generell nicht als Kosten zu betrachten, sondern als vergleichsweise günstige Investitionen in die Zukunft." Bonn betont aber auch, dass die Wiederherstellung von Moorlandschaften nur einen Teil der CO2-Problematik abfangen kann: "Natürlich müssen wir intensiv daran arbeiten, weniger neue Treibhausgase auszustoßen."

Um welche Klimaschutzmaßnahme es auch geht: Daniela Jacob plädiert für sorgfältige Planung, Hektik sei nicht zielführend. "Wir müssen herausfiltern, welche Entscheidungen wir heute treffen müssen und welche noch fünf oder sogar zehn Jahre warten können", sagt sie. Anpassung an die Folgen des Klimawandels sei in erster Linie als Risikominimierung zu verstehen. Die genaue Entwicklung des Klimas sei nicht vorhersagbar. Deswegen seien solche Optionen gut, bei denen man auch in 15 Jahren noch nachsteuern kann.

Zum Weiterlesen: helmholtz.de/erde_und_Umwelt

Quelle: n-tv.de