Wissen
Die Milch, die die Kinder im Rahmen der Studie trinken, ist frei von krankmachenden Keimen und ansonsten so belassen wie Rohmilch.
Die Milch, die die Kinder im Rahmen der Studie trinken, ist frei von krankmachenden Keimen und ansonsten so belassen wie Rohmilch.(Foto: imago/Westend61)
Donnerstag, 09. November 2017

Trinken statt Kratzen: Schützt kaum behandelte Milch vor Allergien?

Dass Kinder, die auf einem Bauernhof aufwachsen, seltener an Allergien leiden als Stadtkinder, ist erwiesen. Doch woran liegt das? Es könnte Milch sein, die beim Schutz vor Allergien eine wichtige Rolle spielt. Forscher aus München starten eine neue Studie.

Die Haut ist blutig aufgekratzt, die Augen brennen und tränen, das Atmen fällt schwer oder das Kribbeln in der Nase hört einfach nicht auf. Wer von einer Allergie geplagt ist, kennt diese Symptome. Immer weniger Menschen bleiben davon verschont: Die Allergierate in Deutschland steigt seit Jahrzehnten. 40 Prozent aller Erwachsenen geben mittlerweile an, mindestens einmal im Leben an einer Allergie gelitten zu haben. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung spricht deshalb bereits von einer Volkskrankheit.

Wissenschaftler forschen schon lange an den Ursachen von Allergien. Sie hoffen, dass sie ihnen so besser vorbeugen und Betroffene gezielter behandeln können. Eine dieser Ursachen-Forscherinnen ist Erika von Mutius. Die Kinderärztin und Allergologin arbeitet am Münchener Universitäts-Klinikum, außerdem leitet sie am Helmholtz Zentrum München das neue Institut für Asthma- und Allergieprävention. Seit den 90er Jahren befasst sie sich mit dem Thema. "Damals stieß ich zufällig auf einen merkwürdigen Zusammenhang", erzählt sie. Ihrem Team fiel bei einer Befragungsstudie auf, dass Kinder, die auf Bauernhöfen lebten, seltener Asthma und Heuschnupfen hatten als andere Kinder.

Hofleben wirkt wie Schutzdeckel

Diese Beobachtung könnte auf der sogenannten Hygiene-Hypothese beruhen: Sie besagt, dass Kinder, deren Immunsystem sich mit vielen nicht krank-machenden Mikroben auseinander gesetzt hat, weniger anfällig für Allergien sind. Von Mutis geht davon aus, dass das Aufwachsen auf einem traditionellen Hof wie eine Art Schutzdeckel wirkt. Die dortigen Umweltfaktoren stärken das Immunsystem. "Wenn wir diesen Schutzdeckel verlieren, gibt es plötzlich viele Risikofaktoren für uns", sagt die Ärztin und meint damit zum Beispiel Luftverschmutzung, Rauchen, bestimmte Nahrungsmittel, Bewegungsmangel oder Stress. Diese Risiken treten vor allem im urbanen Milieu auf. Wer in der Stadt lebt, hat deshalb ein höheres Allergierisiko.

Das deckt sich mit den neuesten Untersuchungen der Wissenschaftler: Demnach haben ungefähr 45 Prozent aller Kinder, die nicht auf einem Bauernhof aufgewachsen sind, einen positiven Allergietest, ihr Immunsystem reagiert also schon über.

Dass es einen Zusammenhang zwischen dem bäuerlichen Umfeld und einer Allergieresistenz gibt, ist mittlerweile durch über 40 Studien belegt. Einige Beobachtungs-Studien zeigen auch, dass dieser positive Effekt bei Nachbarskindern, die mit ihren Freunden vom Bauernhof spielen, ebenso eintritt. Doch was dafür wirklich ursächlich ist, wissen die Forscher bislang nicht. Sind es die Pollen, die Tierhaare oder spezielle Mikroorganismen?

Es könnte an Proteinen oder Fetten liegen

Im kommenden Januar wird Erika von Mutius eine neue Studie starten, denn sie will die Rolle von Milch genauer untersuchen. "Der besondere Allergieschutz von Bauernhofkindern könnte zum Teil durch den Konsum von Rohmilch entstehen. Denn wir haben gesehen, dass Kinder auf Bauernhöfen oft unbehandelte Milch trinken", sagt die Forscherin.

Mit einer niederländischen Molkerei, die eine nur sehr gering behandelte Milch zur Verfügung stellt, haben die Wissenschaftler deshalb eine Kooperation geschlossen. Die Milch sei mikrobiologisch sicher, enthalte also keine krankmachenden Keime, sagt von Mutius. Sie sei aber ansonsten so belassen wie eine Rohmilch. Die Auswirkungen dieser Milch sollen im Vergleich mit einer ultrahocherhitzten, also einer sehr stark behandelten Milch, getestet werden. Dazu sollen Kinder, die gerade abgestillt werden, das Äquivalent von ein bis zwei Gläsern pro Tag trinken. "Wir wollen also das tun, was die Bauernhofkinder tun, und worauf wir den Asthma- und Allergie-schützenden Effekt zurückführen", sagt von Mutius. "Wir glauben, dass Milch ihren Schutzeffekt verliert, wenn sie zu sehr behandelt wird. Welche Substanzen dabei verloren gehen, könne man bislang nicht genau sagen. In Frage kommen zum Beispiel bestimmte Proteine oder Fette.

Erste Ergebnisse erhoffen sich die Forscher in fünf bis sieben Jahren. "Dann hoffen wir, nachweisen zu können, ob der Konsum unterschiedlicher Milch sich auf das Auftreten von Asthma und Allergien auswirkt", sagt von Mutius. "Wenn wir die Wirkung von minimal behandelter Milch in der neuen Interventionsstudie bestätigen, könnten wir deren Verzehr sogar als Schutz gegen Allergien empfehlen."

Ferien auf dem Bauernhof reichen nicht

Doch bis dahin müssen Betroffene noch auf die bisherigen Behandlungs- und Präventionsmöglichkeiten zurückgreifen. Eltern betroffener Kinder sollten deshalb unbedingt einen Kinderarzt mit allergologischer Zusatzausbildung aufsuchen, rät von Mutius. Der empfiehlt in der Regel, eine Nahrungsmittelallergie mit einer speziellen Diät zu behandeln. Gegen Heuschnupfen raten die Allergologen zu lokalen Anti-Histaminika oder eventuell Kortison, unter Umständen auch zu einer Hyposensibilisierung. Gegen Asthma hilft meistens Inhalieren. Mit der Behandlung solle man rechtzeitig beginnen. Erstens lässt sich so das Leiden der Kinder lindern, etwa das Jucken bei Neurodermitis oder die Atemnot bei Asthma. Und zweitens beugt es am besten einer Verschlimmerung bis hin zu einer chronischen Erkrankung vor.

Und wie wäre es einfach mit Ferien auf einem Bauernhof? Von Mutius ist da zurückhaltend. "Ich glaube, dass es eine regelmäßige Exposition braucht, um den Allergieschutz zu erlangen. Ferien auf dem Bauernhof allein reichen da wohl nicht aus." Kinder, die bereits allergisch seien, könnten bei einem Besuch auf dem Hof im Gegenteil sogar eher Gesundheitsprobleme bekommen. "Da sollten Eltern sehr vorsichtig sein", rät sie. "Allergische Reaktionen darf man nicht unterschätzen."

Kurz und knapp: zehn Fakten zu Allergien

Quelle: n-tv.de