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Die in unterirdischen Behältern liegende Wand treibt von alleine nach oben, wenn die Kammern sich mit Wasser füllen.
Die in unterirdischen Behältern liegende Wand treibt von alleine nach oben, wenn die Kammern sich mit Wasser füllen.(Foto: dpa)
Samstag, 11. November 2017

Selbst schließende Flutkehrung: Holland präsentiert neuen Kevlar-Deich

80 Zentimeter hoch und 300 Meter lang. Das sind die Maße des neuen Walls, der das niederländische Fischerdorf Spakenburg in nur 20 Minuten vor drohenden Sturmfluten schützen soll. Das Prinzip ist verblüffend simpel.

Die alten Holzschiffe schaukeln behäbig im Hafen des niederländischen Fischerdorfes Spakenburg. Möwen schreien. Zwei alte Frauen radeln in bunter Kleidertracht und weißen Spitzenmützen an der Kade entlang. Da erhebt sich plötzlich aus dem Kopfsteinpflaster wie von Geisterhand langsam ein schmaler Streifen verrostetes Eisen. Er steigt und steigt, und dann erscheint eine Wand. 300 Meter lang. In nur 20 Minuten ist der Hafen von einem 80 Zentimeter hohen Schutzwall umschlossen. Das idyllische Spakenburg präsentiert Wasserschutztechnologie vom Allerfeinsten: Ein Deich 3.0 sozusagen. Für das Fischerdörfchen am Ijsselmeer ist er die Überlebensgarantie in Zeiten des Klimawandels. Die schmale Wand aus dem Super-Kunststoff Kevlar soll das Dorf vor drohenden Sturmfluten schützen.

"Es ist die längste selbst schließende Flutkehrung der Welt", sagt Deichgräfin Tanja Klip-Martin stolz bei einem Testlauf der Anlage. Das Prinzip ist verblüffend simpel: Die Wand befindet sich normalerweise in unterirdischen Behältern. Sobald diese voll Wasser strömen, treibt sie von selbst nach oben. Der High-Tech-Deich ist ein gutes Beispiel, wie sich die Niederlande auf den Klimawandel vorbereiten. Das so dicht besiedelte Land Europas setzt auf maßgeschneiderte Lösungen. Ein Erdwall oder eine feste Betonmauer waren keine Alternativen, erklärt die Deichgräfin. "Dann hätte man das historische Zentrum abgeriegelt."

Nun aber sieht man im Kopfsteinpflaster nur einen schmalen Eisenstreifen. In ihn wurde die erste Strophe der Spakenburger Hymne graviert: "Am schönen Ijsselmeer, sicher am Deich, liegt das Örtchen Spakenburg, einfach und doch so reich." Der Deich war bittere Notwendigkeit, sagt Henk Ovink, der Wasser-Botschafter der Niederlande. "Nichtstun war keine Option." Ein starker Nordweststurm könnte die Wassermassen des Ijsselmeeres so hoch peitschen, dass sie über die Kademauern strömen und das Dorf überfluten würden. Dann hätte das Wasser sogar freie Bahn bis zur Stadt Amersfoort.

Die Meister des Wassers

1916 hatte Spakenburg zuletzt eine Sturmflut erlebt. Damals stieg das Wasser so hoch, dass die massiven Plattboden-Schiffe, die Botter, die Häuser an der Kade durchbohrten. Um den vernichtenden Sturmfluten ein Ende zu bereiten, hatten die Niederlande damals ein ganzes Meer eingedämmt. Ein 32 Kilometer langer Deich schloss 1932 die Zuiderzee, die Südsee, von der Nordsee ab. Es entstand das heutige Ijsselmeer. Ein Teil des früheren Meeres wurde sogar trockengelegt und bebaut. Erneut hatten sich die Holländer als Meister des Wassers erwiesen. Und die Bewohner der Fischerdörfer waren endlich sicher. Bis jetzt. "Durch den Klimawandel reicht das nicht mehr aus", sagt der Wasser-Gesandte Ovink.

Die Folgen des Klimawandels sind an vielen Stellen im Land zu spüren. Die Nordsee steigt schneller als erwartet und bedroht die Küsten im Norden und Westen. Die Flüsse aus dem Osten schwellen an, und stellen eine Gefahr für das Delta bei Rotterdam dar. Und im Süden gab es 2016 so viele heftige Regenfälle wie Klimaforscher eigentlich erst für etwa 2040 vorhergesagt hatten.

Die Niederlande sind besonders gefährdet. 25 Prozent des Grundgebiets liegt unter dem Meeresspiegel. Zusätzlich ist noch knapp ein Drittel von Überschwemmungen bedroht.
Mit einem ehrgeizigen Deltaprogramm und jährlich rund einer Milliarde Euro bereitet sich das Land optimal auf den Klimawandel vor, um weiterhin mit dem Wasser gut und sicher zu leben. Aber eine Garantie kann der Wasser-Botschafter nicht geben. "Wenn die Welt das Klimaproblem nicht in den Griff bekommt, dann kriegen wir hier mehr als nur nasse Füße."

Quelle: n-tv.de

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