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Wie man sich im Alter fühlt, hängt von mehreren Faktoren ab.
Wie man sich im Alter fühlt, hängt von mehreren Faktoren ab.(Foto: picture alliance / dpa)
Samstag, 17. August 2013

Gibt es das biologische Alter?: Jung bleiben beim Älterwerden

Von Jana Zeh

In Zeitschriften und im Internet sind viele Tests zur Bestimmung des biologischen Alters zu finden. Diese eher oberflächlichen Berechnungen dienen wohl eher der Eitelkeit oder sollen überraschen. Wie eine Berechnung des biologischen Alters für den Einzelnen tatsächlich aussehen könnte, ist immer noch ein Rätsel, denn Forscher haben dafür bisher nur Anhaltspunkte.

Biologisches Alter - was ist das überhaupt?

Es gibt einen Unterschied zwischen dem chronologischen, also dem tatsächlichen, und dem biologischen Alter. Jemand, der 50 Jahre alt ist, sich regelmäßig und ausgiebig bewegt, Stress bewusst abbaut und gesund isst, kann aus biologischer Sicht erst 40 Jahre alt sein. Beeinflusst wird das biologische Alter einerseits vom Lebensstil, andererseits aber auch von genetischen Faktoren. Mit dem biologischen Alter soll dargestellt werden, wie gesund und vital ein Mensch im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt ist. Wer beispielsweise 65 Jahre alt ist und ein biologisches Alter von 55 hat, ist so fit wie 55-Jährige im Durchschnitt. Um das biologische Alter zu bestimmen, gibt es keinen standardisierten Test und auch keine Rechenformel, sondern nur Anhaltspunkte. Dazu gehören Aspekte des Lebensstils wie Ernährung, Bewegung, Sozialkontakte genauso wie körperliche Faktoren, darunter Blutdruck und Körpergewicht. Dazu kommen genetische Faktoren, die in der Erbinformation, der DNA, festgeschrieben sind. Ein Biomarker der Alterung des Erbguts sind die Telomere, also die Schutzenden der Chromosomen. Forscher sind mehreren Indikatoren, die das biologische Alter direkt beeinflussen, auf der Spur.

Alt und knackig: Immer mehr Menschen betätigen sich im Alter sportlich.
Alt und knackig: Immer mehr Menschen betätigen sich im Alter sportlich.(Foto: picture alliance / dpa)

Wenn die Mehrheit der älteren Menschen immer fitter wird, dann verschieben sich ja auch die Durchschnittswerte, oder?

"Richtig", sagt Professor Karl Lenhard Rudolph, Stammzellforscher und Leiter des Leibniz-Instituts für Altersforschung in Jena. "Da die Altersforschung aber eine relativ junge Disziplin ist und es bisher keine einheitliche Berechnung oder Bestimmungsmethode gibt, ist auch die Verschiebung der Durchschnittswerte bisher nur Theorie", so der Experte weiter. Die durchschnittliche Verlängerung der Lebenserwartung in den Industrienationen hält seit circa 200 Jahren ungebrochen an, mit einem Anstieg von 0,3 Jahren pro Jahr – also 3 Jahre in 10 Jahren. Das ist biologisch gesehen einmalig und wirft gleichzeitig für die Wissenschaftler jede Menge Fragen auf. Klar ist jedoch, dass die medizinische Forschung wie keine andere Wissenschaft für die Verlängerung des Lebens der Menschen verantwortlich ist.

Gibt es einen Bluttest, mit dem man das biologische Alter bestimmen kann?

"Ja! Es gibt weltweit bisher zwei Firmen, die für Privatpersonen anbieten, die Länge der Telomeren anhand einer Blutuntersuchung und damit das biologische Alter zu bestimmen", bestätigt Rudolph. Diese Firmen haben ihre Sitze in Spanien und den USA. Eine Messung der Telomerlänge kostet um die 500 Euro. Doch ist unter Experten heftig umstritten, was das Wissen um die Länge der Telomeren einem einzelnen Menschen bringen kann. "Wenn wir die Länge von Telomeren untersuchen, dann sehen wir uns immer hunderte Proben an und können in der Vielzahl Korrelationen zwischen der Länge der Chromosomenkappen und dem erreichten Lebensalter oder dem Auftreten von altersspezifischen Erkrankungen feststellen. Die Vorhersagekraft für ein Individuum ist mit dieser Methode allerdings gering", erklärt der Experte.

Sind die Tests in Zeitschriften und im Internet überhaupt aussagekräftig?

"Nur bedingt", sagt Rudolph, "denn bisher gibt es keine Methode oder Formel, um das biologische Alter exakt bestimmen zu können. Trotzdem sind manche der Tests interessant, weil sie Dinge abfragen, die nachweisbar mit dem Altern im Zusammenhang stehen." Bei den gestellten Fragen geht es immer wieder um Bewegung, Ernährung, Sozialkontakte, Gebrauch von Genussmitteln etc. Das alles sind Aspekte, die mit dem Begriff Lebensstil zusammengefasst werden können. "Zudem werden genetische Veranlagungen in Form von Lebenserwartungen oder lebensbedrohlichen Erkrankungen von nahen Angehörigen abgefragt", erklärt Rudolph weiter. Allerdings sind die meisten dieser Tests eher oberflächlich, denn für wissenschaftlich fundierte Untersuchungen müssten wesentlich mehr und wesentlich gezieltere Fragen gestellt werden.

Bleiben auch altersbedingte Körperfunktionen wie zum Beispiel die Fähigkeit, Kinder zu gebären oder zeugen zu können, mit dem Herabsinken des biologischen Alters tatsächlich länger erhalten?

Zu dieser Fragestellung gibt es bisher keine aussagekräftigen Untersuchungen, da es auch noch keine einheitliche Bestimmung des biologischen Alters gibt. "Die biologische Uhr ist in Bezug auf die Fertilität relativ eng eingestellt und es gibt wohl kaum kurzfristig eine Verlängerung dieser Phase durch erfolgreiches Altern", sagt Rudolph. "Die Alterung, auf die wir vor allem den Blick richten, ist eher auf somatische Körperzellen und nicht auf die Keimbahnen gerichtet." Die Alterung der Keimbahn ist über Jahrtausende alte evolutionäre Programme festgeschrieben und keinen kurzfristigen Änderungen unterworfen.

Kann man mit der Feststellung des biologischen Alters auch Aussagen über die Lebenserwartung machen?

Der Prozess der Alterung ist ein komplexes Phänomen, bei dem zahlreiche Aspekte mitwirken. Aus diesem Grund sagen die Zahlen, die den Menschen nach Fragebogen-Tests, Blut- oder Ultraschalluntersuchungen angegeben werden, nichts über die tatsächliche Lebenserwartung aus, selbst wenn man etwa vorzeitigen Tod durch Unfall ausschließt. Es geht bei allen Tests, die gegenwärtig durchgeführt werden, immer um Wahrscheinlichkeiten und Näherungswerte. Zum Glück, denn wer will schon wirklich genau wissen, wann er stirbt?

Quelle: n-tv.de

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