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Kinder trauern anders als Erwachsene - auf verzweifeltes Weinen kann intensives Spielen folgen.
Kinder trauern anders als Erwachsene - auf verzweifeltes Weinen kann intensives Spielen folgen.(Foto: REUTERS)

Wenn Oma stirbt: Kindern kann man das Trauern zutrauen

von Jana Nikolin

Erkrankt der Onkel, stirbt der Großvater oder gar ein Elternteil, sind Erwachsene oft verunsichert, wie sie sich in Bezug auf ihre Kinder verhalten sollen. Beschäftigt mit ihrer eigenen Trauer, nehmen sie Kinder manchmal gar nicht als aktive Trauernde wahr oder versuchen sie so gut wie möglich abzuschotten. Dabei können Kinder trauern – und ihre Trauererfahrungen in der Kindheit legen den Grundstein dafür, wie sie in Zukunft mit einem Verlust umgehen.

Die Unsicherheit vieler Eltern beginnt bereits mit der lebensbedrohlichen Erkrankung eines Familienangehörigen: Sollte man die Kinder mit dem anstehenden Tod belasten, auch, wenn der Betroffene vielleicht noch ein paar Monate zu leben hat? Mechthild Schroeter-Rupieper vom Lavia Institut für Familientrauerbegleitung in Gelsenkirchen plädiert dafür, möglichst früh Klarheit in die Angelegenheit zu bringen. "Kinder spüren atmosphärisch, wenn etwas nicht stimmt und wenn ihre Eltern etwas vor ihnen verheimlichen". Kinder verfügen über ausreichend Fantasie, um sich zu überlegen, warum die Eltern belastet wirken. "Spricht man mit ihnen hingegen behutsam über die Situation, wissen sie warum die Eltern momentan besorgt sind, haben keine Angst, selbst etwas falsch gemacht zu haben und spekulieren nicht, ob Mama und Papa sich scheiden lassen", so sie Expertin.

Den Tod kindgerecht erklären

Ein Mindestalter gibt es dabei nicht. "Man kann dem Baby im Bauch erzählen, dass der Opa stirbt", sagt die Pädagogin. Viel wichtiger ist es abzuschätzen, was Kinder in welchem Alter verstehen. "Ein drei bis vierjähriges Kind begreift noch nicht, was sterben bedeutet. Kleine Kinder kennen zwar Weggehen und länger Wegbleiben, aber aus ihren Erfahrungen kommen wichtige Menschen immer wieder zurück", erklärt  Schroeter-Rupieper. Die Endgültigkeit des Todes kann man versuchen, Kindern anhand von Beispielen näher zu bringen: "Onkel Udo wird nicht mehr mit dir in den Zoo gehen können", oder "Opa wird dieses Weihnachten nicht mehr mit uns verbringen".  Am besten ist es übrigens, den Tod beim Namen zu nennen. "Erzählen Eltern, dass Opa bald für immer einschlafen wird, bekommen Kinder große Angst, selbst nicht mehr aufzuwachen", warnt die Trauerbegleiterin.

Indem man die Kinder mit ins Krankenhaus nimmt und regelmäßige Besuche bei der sterbenskranken Person ermöglicht, bekommen Kinder Zeit, Abschied zu nehmen. "Die Periode zwischen Krankheit und Eintreten des Todes ermöglicht ihnen zu verstehen, was passiert", sagt Schroeter-Rupieper. Beim Krankenhausbesuch hilft es, die vielen – für Kinder sehr ungewohnten – Geräte nicht zu ignorieren. Eltern sollten den Kindern beispielsweise beschreiben, warum die Kranken die Schläuche benötigen, rät die Pädagogin. "Den Urinschlauch etwa, weil Oma zu schwach ist, selbst auf die Toilette zu gehen". Dadurch werden befremdende Gegenstände mit Neugierde wahrgenommen, statt zu verängstigen. "Auch kann man einen Besuch im Krankenhaus mit einem Stopp an der Eisdiele oder einem Wettrennen auf dem Rückweg verbinden", sagt Schroeter-Rupieper. Kinder akzeptieren das Leiden dadurch als normalen Teil des Lebens. 

Brief an den toten Opa

Trauernde Kinder treffen in speziellen Trauergruppen zusammen - wie hier im Bremer Trauerland.
Trauernde Kinder treffen in speziellen Trauergruppen zusammen - wie hier im Bremer Trauerland.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Stirbt die schwerkranke Person oder kommt ein Familienmitglied überraschend ums Leben, müssen Erwachsene entscheiden, ob sie die Kinder mit zur Aufbahrung nehmen. Schroeter-Rupieper empfiehlt, die Kinder gar nicht erst zu fragen, ob sie "Lust" hätten mitzukommen – dies würde man beim 80. Geburtstag der Oma schließlich auch nicht tun. Sie betrachtet die Aufbahrung als einen notwendigen Zwischenschritt zwischen Tod und Beerdigung. "Die Aufbahrung ist ein wichtiges Ritual, das den Kindern hilft zu begreifen, dass der geliebte Mensch wirklich tot ist und auch in drei Jahren nicht wieder kommt". Auch fällt es den Eltern danach bei der Beerdigung leichter, den Kindern verständlich zu machen, dass der Tote im Sarg oder in der Urne ist.

Wenn Eltern den Kindern anbieten eine Blume, ein Bild oder einen Brief mitzunehmen und die Situation der Aufbahrung zuvor mit ihnen gedanklich durchspielen, wirkt die Aufbahrung längst nicht mehr so bedrohlich. "Das bedeutet ihnen vor Augen zu führen, dass Opa jetzt in einem Sarg liegt und aussieht, als würde er friedlich schlafen, aber in Wirklichkeit tot ist. Dass er womöglich etwas blass ist, weil das Blut bei Toten nicht mehr fließt oder etwas gelb, weil am Schluss die Leber nicht mehr richtig gearbeitet hat", empfiehlt die Trauerbegleiterin zu erklären. Auch erschrecken sich manche Kinder vor den Leichenflecken. Ihnen schon zuvor von möglichen Flecken zu erzählen und diese mit blauen Flecken nach dem Spielen zu vergleichen, dürfte hier helfen, meint die Expertin.

"Der Aufbahrungsort muss auch nicht sofort betreten werden. Zeit nehmen hilft: Die Familie kann erst einmal zur Tür reinschauen und sich an den Anblick gewöhnen – noch einmal fortgehen und nach ein paar Minuten zurückkommen". Somit werden die Kinder nicht überfordert. Auf die Aufbahrung und die darauf folgende Beerdigung können Eltern später verweisen, wenn kleine Kinder zum Beispiel zu Ostern nach Opa fragen.

Lehrer informieren entlastet

Nach dem eingetretenen Todesfall oder bei längerer vorausgehender Krankheit, kann es die Eltern entlasten, Klassenlehrer, Erzieher und Eltern von Klassenkameraden zu informieren. Sie wissen dann, dass sie auf einen Anruf von Lehrern und Erziehern zählen können, falls sich das Kind auffällig verhält. "Auch müssen Lehrer wissen, wenn sich das Leben in einer Familie um eine schwere Krankheit dreht und der Schüler zu Hause vielleicht manchmal zu kurz kommt oder wenn die Familie gerade um einen nahestehenden Menschen trauert", sagt  Schroeter-Rupieper.

In den Wochen und Monaten nach dem Tod dürfen Eltern sich nicht darauf verlassen, dass ihre Kinder irgendwann mit ihren Fragen von selbst auf sie zukommen. "Kindern fehlen in solchen Fällen manchmal die Worte Fragen zu stellen. Sie brauchen aber viel sachliche Information in Bezug auf Krankheit, Therapie und Todesart, damit sie nicht falsche – und teilweise viel schlimmere – Vorstellungen verinnerlichen", sagt die Pädagogin.

Die  eigene Trauer müssen Eltern nicht vor ihren Kindern verstecken. Denn nur, wenn Kinder ihre Eltern trauern sehen, erfahren sie, dass trauern normal ist – auch bei Erwachsenen – und man sich nicht immer zusammenreißen muss. Auch lernen Kinder dadurch, andere Menschen zu trösten, was wiederum sehr wichtig für die Entwicklung ihrer sozialen Kompetenz ist.

Kinder trauern anders

Zu warnen sind Eltern davor, unablässig mit den Kindern über den Todesfall sprechen zu wollen oder von ihnen zu erwarten, durchgehend traurig zu sein. "Kinder wechseln zwischen Momenten der Trauer und Freude – sie können nicht durchgehend traurig sein, dafür sind sie viel zu ablenkbar durch andere Ereignisse", erklärt die Trauerbegleiterin. Dies ist ein großes Talent von Kindern, da sie auch abschalten und sich eine Erholungspause gönnen können, wodurch sie psychisch gesund bleiben. "Eltern sollten sich dieses Verhalten stattdessen zum Beispiel nehmen und auch in Zeiten der Trauer bewusst schöne Momente mit ihren Kindern genießen – ohne unter einem schlechten Gewissen zu leiden", rät Schroeter-Rupieper.  

Um Kinder in ihrer Trauerbewältigung zu begleiten müssen Eltern erkennen, dass Kinder anders trauern als Erwachsene – eher tropfenweise und weniger kontinuierlich. Zwar gebe es bei ihnen auch Trauerphasen, die sie durchliefen, meint Schroeter-Rupieper, aber diese seien konfuser als bei Erwachsenen. Auch können Kinder immer nur so viel trauern, wie sie auch verstehen. Dazu erklärt Schroeter-Rupieper, dass älter werdende Kinder immer wieder in neue Begreifdimensionen hineinwüchsen, vor allem, wenn es um Vater- oder Mutter-Verluste ginge. "Kommt ein achtjähriger Junge mit dem Tod seinen Vaters vielleicht noch relativ gut zurecht, weil die Mutter zu dieser Zeit die Hauptbezugsperson ist, sehnt er sich spätestens mit 12 oder 13 Jahren nach dem fehlenden Ansprechpartner." Oft wird die sich erträumte Beziehung zum verlorenen Elternteil in solchen Phasen verherrlicht.

Hilfe von außen annehmen

Für Jugendliche kommt die Trauer oft "ungelegen" - Eltern dürfen ihre jugendlichen Kinder in ihrer Trauer trotzdem nicht auf sich gestellt lassen.
Für Jugendliche kommt die Trauer oft "ungelegen" - Eltern dürfen ihre jugendlichen Kinder in ihrer Trauer trotzdem nicht auf sich gestellt lassen.(Foto: picture alliance / dpa)

Umso wichtiger ist es, dass Kinder lernen mit der Trauer umzugehen und sie zu bewältigen. "Überkommt Kinder Jahre später eine weitere Trauerphase wissen sie, dass sie diese bewältigen können", erklärt die Pädagogin. Verhindern Eltern den Trauerprozess bei Kindern hingegen mit der guten Absicht, sie nicht zu belasten, hat dies negative Auswirkungen auf ihre Möglichkeiten, im späteren Leben mit Trauer umzugehen.

Manchmal können in Trauerphasen außenstehende Personen die besseren Ansprechpartner für Kinder sein – wobei diese nicht unbedingt Professionelle sein müssen. Enge Freunde der Eltern oder die Paten der Kinder kommen ebenso in Frage. "Haben Kinder einen Elternteil verloren, dann leiden sie fast immer unter großen Verlustängsten und befürchten, den anderen Elternteil auch noch zu verlieren. Manchmal geben sie sich auch selbst die Schuld an dem Tod des geliebten Menschen – etwa, weil sie zuvor mit dem Verstorbenen gestritten haben", sagt die Trauerbegleiterin. In diesen Fällen öffnen sich die Kinder manchmal eher bei neutralen Personen, als bei den eigenen Eltern, beziehungsweise dem übriggebliebenen Elternteil.

Eine gute Möglichkeit ist es auch, Kindern die Teilnahme an einer Trauergruppe zu ermöglichen. Dort treffen sie mit anderen Kindern zusammen, die ebenfalls trauern und fühlen sich in diesem Umfeld besser verstanden. Auch überlastete Eltern müssen sich nach Hilfe umsehen. Nach Ansprechpartnern für eine Familientrauerbegleitung kann in Hospizen, bei Ärzten, bei der Kirche und Erziehungsberatungsstellen nachgefragt werden. "Dadurch lernen Kinder, dass es eine Lösungsstrategie bei Problemen ist, sich Hilfe von anderen zu holen", sagt  Schroeter-Rupieper.

Jugendliche: keine Zeit für Trauer

Vor eine besondere Herausforderung stellt Eltern oft die Traueraufarbeitung mit jugendlichen Kindern. Sind diese in einer "Eltern-sind-doof-Phase", ist es besonders schwer, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. "Jugendliche verschieben ihre Trauer auch manchmal, weil sie die gerade gar nicht gebrauchen können. Sie verlieben sich, überlegen auf welche weiterführende Schule sie gehen möchten und sind mit der Trauer in diesem Moment schlichtweg überfordert", sagt Schroeter-Rupieper. Dennoch müssen Eltern ihrer Pflicht auch bei Jugendlichen nachkommen. "Sie müssen immer wieder auf ihre Kinder zugehen und diese in einem regelmäßigem Abstand auf den Trauerfall ansprechen."

Diese Aufgabe kann auch ein Freund der Familie oder ein Pate übernehmen, falls die Jugendlichen sich diesem gegenüber mehr öffnen. Eltern dürfen nicht darauf bauen, dass die Jugendlichen eines Morgens sagen: "Hey, ich möchte jetzt über meine Trauer sprechen." Wichtig ist es daher, Jugendliche nicht in die Eigenverantwortung zu übergeben, sondern ein Abkommen zu treffen, dass das Thema alle paar Wochen angesprochen wird. "Sonst kann es passieren, dass Jugendliche irgendwann das Gefühl bekommen: 'Keiner sieht  mich mehr, keiner nimmt mich mehr wahr'", warnt die Trauerbegleiterin. 

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Quelle: n-tv.de

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