Samstag, 10. Juli 2010
Kokain-Missbrauch : Körper besitzt Suchtbremse
Das gestellte Foto zeigt, wie mit einem zu einem Röhrchen gerollten Geldschein ein weißes Pulver - ähnlich der Kokain-Konsumierung - in die Nase eingezogen wird.
(Foto: picture-alliance/ ZB)
Der langfristige Missbrauch von Drogen wie Kokain führt in der Regel zur Sucht, die Gier nach dem "Stoff" nimmt zu. Aber scheinbar hat der Körper Mittel, einen vollständigen Kontrollverslust zu verhindern, berichten US-Forscher nach Versuchen mit Ratten. Sie zeigten, dass im Gehirn kleine Schnipsel des Erbmoleküls RNA das Verlangen nach Kokain bremsen. Ihre Erkenntnisse könnten einen völlig neuen Weg zur Entwicklung von Anti-Suchtmitteln aufzeigen, schreiben die Forscher im Journal "Nature" (Bd. 466, S. 197).
Das Team um Jonathan Hollander vom The Scripps Research Institute (Jupiter/US-Staat Florida) machte Ratten zunächst süchtig. Dazu konnten sich die Nager durch das Drücken eines kleinen Hebels jederzeit intravenös eine Dosis Kokain verabreichen. Untersuchungen der Tiere zeigten dann, dass nach langem Kokain-Missbrauch der Gehalt der microRNA-212 (miR-212) im sogenannten Striatum des Gehirns deutlich zunahm.
Erbmolekül als natürliche Bremse
Mikro-RNAs sind kurze Abschnitte des Erbgut-Moleküls RNA, die überall im Körper die Aktivität von Genen beeinflussen. Sie tun dies, indem sie sich an die RNA-Botenmoleküle anlagern, die die Information der Gene in Proteine übertragen sollen. Durch das Anlagern der kleinen RNA-Abschnitte werden die Botenmoleküle abgebaut, die Informationsübertragung ist dann unterbrochen.
Die Wissenschaftler zeigten nun, dass der Kokain-Konsum der Ratten stieg, wenn die Produktion von miR-212 blockiert wurde. Kurbelten Hollander und seine Kollegen andersherum die Bildung von miR-212 an, nahmen die Ratten freiwillig weniger Kokain zu sich. Das Erbmolekül wirke wie eine natürliche Bremse auf den Kokain-Konsum, folgern die Forscher.
Schutz gegen zwanghaftes Suchtverhalten
Weitere Experimente zeigten, dass miR-212 über eine Kette anderer Moleküle die Aktivität des Proteins CREB steigert. Und dieses wiederum begrenzt das Belohnungsgefühl nach der Einnahme von Kokain. Je aktiver CREB, desto weniger stark ist also das positive Gefühl nach dem Kokain-Konsum und je weniger stark das Verlangen nach immer mehr Kokain.
miR-212 schützt davor, dass das Verlangen nach der Droge zwanghaft wird, schreiben die Wissenschaftler. Faktoren, die die Aktivität des kleinen RNA-Moleküls regulieren, könnten demnach eine zentrale Rolle dabei spielen, ob jemand kokainsüchtig wird oder nicht.
Ähnlich wie bei den Ratten, die sich nach eigenem Belieben mit Kokain versorgen können, steigt auch beim Menschen die konsumierte Drogenmenge zunächst an. Allerdings gerät das Verlangen nach der Droge nur bei etwa 15 Prozent der Nutzer völlig außer Kontrolle. Sie brauchen immer mehr "Stoff" und entwickeln das typische zwanghafte Suchtverhalten.
dpa
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