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Ein Junge fiebert für die deutsche Fußballmannschaft vor dem Länderspiel Deutschland - Bosnien-Herzegowina.
Ein Junge fiebert für die deutsche Fußballmannschaft vor dem Länderspiel Deutschland - Bosnien-Herzegowina.(Foto: picture alliance / dpa)

Hilfen außerhalb von Familie notwendig: "Pessimismus wird weitergegeben"

Kinder in Deutschland scheinen insgesamt zufrieden mit ihren Eltern und ihrer Lebenssituation zu sein. Das ist zumindest das Ergebnis der zweiten World Vision Kinderstudie. Es gibt jedoch Ausnahmen. Rund 20 Prozent der befragten Sechs- bis Elfjährigen sehen sich selbst massiv benachteiligt. Warum das so ist, erklärt Professor Klaus Hurrelmann, Sozialforscher an der Hertie School of Governance und einer der Autoren der Studie.

n-tv.de: Sie haben in Ihrer Studie festgestellt, dass viele Kinder aus der sogenannten Unterschicht für sich keine positive Lebensperspektive entwickeln können. Was kann die Gesellschaft tun, damit es diesen Kindern besser geht?

Klaus Hurrelmann: Diese Einstellung wird ganz eindeutig von den Eltern geprägt. Der Pessimismus wird in den Kindern aufgebaut, weil ihre Eltern diesen weitergeben und keine Möglichkeit haben, etwas anderes zu vermitteln, weil sie selbst pessimistisch sind. Die Familie wird es in den meisten Fällen nicht schaffen, aus diesem Teufelskreis herauszukommen. Aus diesem Grund müssen Einrichtungen außerhalb der Familie zum Einsatz kommen. Es ist für die betroffenen Kinder sehr vorteilhaft, wenn sie so viele Impulse wie möglich von außen bekommen, also im Kindergarten, in der Schule, aber auch in Freizeiteinrichtungen, um eine Lebensperspektive aufzubauen. Das bedeutet, dass in den Einrichtungen das Selbstbewusstsein, die Lernbereitschaft sowie Entwicklungspotenziale der Kinder gefördert werden. Zusammengefasst heißt es, dass es in Zukunft mehr kostenfreie und flächendeckende Angebote für diese Kinder geben muss.

Selbstwirksamkeit ist die Summe aus Selbstwertgefühl, Selbstbewusstsein sowie personaler und sozialer Kompetenz. Ist es tatsächlich diese Selbstwirksamkeit, die Kinder fit fürs Leben macht?

Professor Klaus Hurrelmann während der Vorstellung der neuen Studie.
Professor Klaus Hurrelmann während der Vorstellung der neuen Studie.(Foto: picture alliance / dpa)

Das Vertrauen in die eigene Fähigkeiten, diese Bewusstsein, dass man etwas bewirken kann, wenn man etwas tut – nichts anderes bedeutet dieses Kunstwort Selbstwirksamkeit – ist ein Schlüssel für das Leben. Dieses Geflecht entwickelt die Fähigkeit, in Schritten etwas erreichbar zu machen und so das Leben zu meistern. Deshalb haben wir uns in der Untersuchung die Frage gestellt, bei welchen Kindern die Selbstwirksamkeit stark und bei welchen diese schwach ausgeprägt ist und tatsächlich haben Kinder aus den unteren Schichten ganz oft eine weniger stark ausgeprägte Selbstwirksamkeit.

Sie haben herausgefunden, dass Kinder immer mehr über "freibestimmte Zeit" verfügen wollen?

Ein Kind aus der Unterschicht gibt an, viel Zeit zur freien Verfügung zu haben. Diese wird dann ganz oft mit Fernsehen oder Gameboyspielen ausgefüllt. Fragt man jedoch dieses Kind, ob sich seine Eltern genügend um es kümmert, antwortet es mit einem eindeutigen Nein. Es wünscht sich, dass sich die Eltern kümmern. Das Kind merkt in diesem Augenblick, dass diese völlige Freiheit bei der Gestaltung der Freizeit auch ein Desinteresse der Eltern sein kann. Diese Kinder sind dann mit ihrer Lebenssituation unzufrieden.

Ist der Medienkonsum eine Ablenkung von Einsamkeit?

Das ist oftmals möglich. Aus der großen Freiheit, sich passiv in den verschiedenen Medien zu tummeln, hinterlässt bei vielen Kindern einen schalen Beigeschmack. Das, was die Kinder dort tun, bringt sie ja in keiner Weise vorwärts. So ahnen sie, dass sie sich mit diesem Verhalten keinen Gefallen tun.

Auf der anderen Seite gibt es pädagogische Diskussionen von überbehüteten Kindern …

In unserer Untersuchung finden wir keine Hinweise von Kindern, dass sie sich beschweren, zu viel Angebote von ihren Eltern zu bekommen. Kinder artikulieren diesbezüglich keinerlei Probleme. Es scheint so, als würden sie sich auf eine gute Art und Weise mit ihren Eltern einigen können.

Eines ihrer Ergebnisse ist: Kinder, die mehr in der Kinderwelt als in der Erwachsenenwelt leben, sind selbstständiger?

Kinderarmut spielt eine tragende Rolle, um eine negative Lebensperspektive zu bekommen.
Kinderarmut spielt eine tragende Rolle, um eine negative Lebensperspektive zu bekommen.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Das ist prinzipiell richtig, aber erklärungsbedürftig. Kinder, die von ihren Eltern viel Zuwendung in Form einer gut strukturierten und unterstützten Lebenslage haben und gleichzeitig auch genügend Freiheitsgrade besitzen, erobern sich ihre persönlichen Freiräume. Diese Kinder gaben in den Befragungen die größten Freundeskreise an. Mit ihren Freunden knüpfen die Kinder selbstständig Kontakte, Beziehungen werden aufgebaut. So können diese Kinder sozial kompetent und virtuos werden.

Eltern werden immer seltener als "Bestimmer" bezeichnet. Was bedeutet das?

Das ist auch ein pädagogisch-historisch interessanter Aspekt. Es bedeutet, dass die Schlüsselrolle der Eltern für die Bestimmung dessen, was mit den Kindern geschieht, im Laufe der Jahre immer weniger wird. Die Realität ist so, dass Kitas, Grundschulen, Freizeiteinrichtungen, Medien etc. ganz stark in den Alltag der Kinder einrücken und so zu Miterziehern werden. Es bedeutet aber nicht, dass die Rolle der Eltern, als Koordinatoren und als Bestimmer im Hintergrund, quasi als Mentor und Berater, unbedeutender geworden ist.

Mädchen und Jungen aus der Unterschicht reagieren völlig verschieden auf ihre Lebensumwelt? Woran liegt das?

Mädchen scheinen schon sehr früh die Regeln der Leistungsgesellschaft zu verstehen.
Mädchen scheinen schon sehr früh die Regeln der Leistungsgesellschaft zu verstehen.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Genau können wir das nicht sagen. Das Phänomen, dass Mädchen mehr aus ihrer Situation machen, ist allerdings international zu beobachten. Schon in der Grundschule ist erkennbar, dass Mädchen leistungsmäßig an ihren männlichen Mitschülern vorbeiziehen. Es scheint ihnen sehr schnell klar zu sein, was ein guter Schulabschluss für sie bringt. Ich vermute, dass die Mädchen realistischer wahrgenommen haben, dass sie hohe Leistungen bringen müssen, um später in ihrem Leben erfolgreich zu sein. Sie bekommen vor allem von ihren Müttern vorgelebt, wie man sich als Frau behaupten muss, um im Leben zu bestehen. Den Jungen dagegen fehlt diese Motivation.

Quelle: n-tv.de

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