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Kühlschrank als Arche NoahRettung seltener Haustiere

21.08.2007, 11:54 Uhr

Eingefrorene Blutstammzellen sollen das langfristige Überleben seltener deutscher Haustierrassen sichern. Die Tiere können mit dem genetischen Material im Fall der Fälle nachgezüchtet werden.

Eingefrorene Blutstammzellen sollen das langfristige Überleben seltener deutscher Haustierrassen sichern. Die Tiere könnten mit dem genetischen Material im Fall der Fälle nachgezüchtet werden, erläutert Henrik Wagner von der Regionalgruppe Saarland der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH) in Witzenhausen. Die Gesellschaft sorgt sich unter anderem um das Rauhwollige Pommersche Landschaf, den Bentheimer Lanschafbock, das Schwäbisch Hällische Schwein, die Bayerische Landgans oder das Deutsche Reichshuhn. Sie alle stehen auf der Roten Liste der gefährdeten Nutztierrassen.

200 Blutproben gelagert

Gelagert werden bereits mehr als 200 Blutproben beim Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik (IBMT) im saarländischen Sulzbach. Das Institut erhält die Proben der GEH, arbeitet sie auf und isoliert die Stammzellen daraus, berichtet IBMT-Projektleiter Thomas Fixemer. Bezahlt wird die Lagerung vom saarländischen Umweltministerium, das der GEH Platz in den Kältetanks einräumt. Dieses Angebot gilt auch für ähnliche Projekte, teilte das Ministerium mit.

„Reserve für unsere Nachkommen“

Die GEH warnt, dass die biologische Vielfalt weltweit bedroht ist: „Viele Kulturpflanzen und Nutztiere, die früher nur regional verbreitet waren und deren Existenz als domestizierte Lebewesen von menschlicher Pflege abhängt, werden durch technische und wirtschaftliche Entwicklungen aus der landwirtschaftlichen Nutzung verdrängt und drohen deshalb auszusterben.“ Damit gehe möglicherweise ein bedeutendes genetisches Potenzial für die Sicherung einer vielfältigen Ernährung, die Erzeugung biologischer Wirkstoffe, nachwachsender Rohstoffe und erneuerbarer Energieträger unwiederbringlich verloren. Selbst klonen will die GEH nicht, sie sieht die Genbank als Reserve für unsere Nachkommen an. „Diese entscheiden dann aktuell wenn es vonnöten ist“, sagt Wagner.

Tiefgekühlte Arche Noah

Dies will das Projekt verhindern und schafft dafür eine Art tiefgekühlter Arche Noah. Seit dem 1996 geborenen Klonschaf Dolly steht fest, dass sich ein Säugetier prinzipiell aus nur einer Zelle klonen lässt. Inzwischen sind auf diese Weise unter anderem Hunde, Schweine, Rinder, Mäuse oder Pferde vervielfältigt worden, dazu waren allerdings stets zahlreiche Versuche nötig. Die GEH sichert sich mit den Zellen zumindest das Potenzial dieser Methode – geklont hat sie noch nichts. Werden Stammzellen korrekt eingefroren – die Forscher nennen das kryokonservieren - können sie lange Zeiten überdauern, weil ihr Stoffwechsel bei minus 176 Grad in flüssigem Stickstoff vollkommen gestoppt wird, die Zellen aber intakt bleiben. Weltweit gibt es mehrere große Sammlungen mit zehntausenden Zellkulturen, die Pilze, Bakterien, Viren, Algen, andere Pflanzen und vieles biologisches Material mehr einlagern und auf Anfrage verschicken.

Eingefrorener Zoo

Am ehesten erinnert der eingefrorene Zoo („Frozen Zoo“) des Tierparks von San Diego (US-Staat Kalifornien) an das Projekt im saarländischen Sulzbach. In den US-Kältetanks ruhen Proben von 675 Tierarten und - unterarten, darunter solche des extrem seltenen Philippinenkoboldmakis (Tarsius syrichta), des Cayman Island Blue Iguanas (Cyclura lewisi) und des Po'ouli (Melamprosops phaeosoma), einem auf Hawaii heimischer Vogel. Der Frozen Zoo sammelt Hautzellen, Spermien, Eizellen, Embryonen, Blut und Gewebe. Es gibt zahlreiche ähnliche Einrichtungen: Von Ende 2007 an sollen 50 Meter tief in den Permafrostboden der Insel Spitzbergen Samen zehntausender wichtiger Kulturpflanzen eingelagert werden. Darüber halten Kälte, die Abgeschiedenheit und Eisbären mögliche Störenfriede fern. Umgeben ist das Lager von meterdickem Beton, verschlossen von gewaltigen Stahltoren, die selbst schweren Explosionen widerstehen sollen. Bislang liegen die ungewöhnlichen Schätze verteilt in etwa 1.400 verschiedenen Genbanken weltweit. Die Wahl fiel auf die Insel, weil die Temperaturen mit mindestens minus 3,5 Grad Celsius in dem internationalen Saatgut-Tresor auch dann noch für Kühlung sorgen, wenn das Kühlsystem ausfallen sollte.