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Aus dem Film über das Älterwerden: "Und wenn wir alle zusammenziehen?".
Aus dem Film über das Älterwerden: "Und wenn wir alle zusammenziehen?".(Foto: picture alliance / dpa)

"Der Krieg der Generationen fällt aus!": Rosige Zeiten für Grauschöpfe

Die besten Jahre kommen noch. Das Älterwerden wird uns einen Riesenspaß machen, schreibt Margaret Heckel in ihrem Buch "Die Midlife-Boomer: Warum es nie spannender war, älter zu werden!" Im n-tv.de-Interview spricht sie über düstere Bilder, die sich in den Köpfen der Menschen festgesetzt haben, wenn sie an das Alter denken, räumt mit alten Ängsten und Vorurteilen auf und erklärt, warum wir uns damit anfreunden müssen, dass wir alle 50 Jahre arbeiten werden.

n-tv.de: Frau Heckel, es sind rosige Zukunftsbilder, die Sie da in Ihrem neuen Buch über das Älterwerden zeichnen. Ich möchte Ihnen gern glauben, aber darf ich das auch?

Margaret Heckel ist Journalistin und Wissenschaftlerin.
Margaret Heckel ist Journalistin und Wissenschaftlerin.(Foto: David Ausserhofer)

Margaret Heckel: Das dürfen Sie. Es geht den heutigen Älteren besser, und es geht mir vor allen Dingen auch darum, den zukünftigen Älteren Mut zu machen! Denn: Zwei Dinge sind absolut unbestritten: Erstens, wir leben länger, und zweitens, wir werden fitter älter! Die zusätzlichen Jahre sind in der Regel gewonnene Jahre! Erst vor kurzem haben die Wissenschaftler erneut darauf hingewiesen, bis 2050 werden noch einmal drei zusätzliche Jahre an Lebenserwartung dazukommen, zwei davon werden gesunde Jahre sein, so die Prognosen.

Altersarmut,  Alzheimer, Altersheim: Den meisten Menschen jagt die Aussicht auf das Älterwerden einen gehörigen Schrecken ein. Tief sitzt die Vorstellung: Von nun an geht's bergab.

Genau darum geht es. Die Menschen haben Bilder vom Älterwerden im Kopf, die uns täuschen. Wir täuschen uns, weil wir unsere Blicke vor allem auf negative Fälle fokussieren. Wir schauen zu den Menschen, die wir kennen, die älter sind, schauen aber automatisch auf diejenigen, denen es nicht so gut geht, vernachlässigen dabei aber automatisch alle anderen, denen es gutgeht. Ich hab ein kleines Experiment mit meiner eigenen Mutter gemacht: Sie ist jetzt 70 geworden, wohnt in einem kleinen Dorf mit etwa 15.000 Einwohnern. Sie hat dort sehr viele Bekannte und hat mir Folgendes berichtet: Um mich herum sind so viele Kranke, Demente und Menschen, die in Pflegeheime kommen. Ich habe sie aufgefordert, die Menschen mal zusammenzuzählen. Danach sollte sie sich ihre Bekannten vor Augen halten und zusammenzählen, denen es gutgeht im Alter. Wenn Sie dieses kleine Gedankenexperiment selbst machen, werden Sie sehen, dass es viel mehr Menschen gibt, denen es gutgeht, die ihr Alter genießen, an die wir aber nicht denken. Wir schauen immer auf die schlimmen Fälle.

Der eine schwingt mit 70 noch auf dem Barren, der andere ist schon mit 50 müde. Ist Altern nicht eine sehr individuelle Angelegenheit?

Ganz klar. In keinem Abschnitt ihres Lebens sind die Menschen unterschiedlicher als im Alter. Das ist vollkommen richtig. Mir geht es aber darum, die Menschen dazu zu bringen, sich mit bestehenden Vorurteilen auseinanderzusetzen und zu prüfen, was in der Tat Vorurteile sind. Zum anderen möchte ich den Menschen Mut machen, auch was anderes anzufangen. Wenn 60-, 70- oder 80-Jährige anfangen, sich mehr zu bewegen, dann geht es ihnen nicht nur gesundheitlich besser, sondern ihre kognitiven Fähigkeiten nehmen auch zu. Das heißt, sie werden auch wieder schneller im Gehirn. Es sind also keine unabänderlichen Zustände. Manche Leute glauben ja, es ist ein unabänderliches Schicksal, was da auf einen zukommt. Ich sage: Sie haben es selbst in der Hand. Es kann keine Ausrede sein: Ich bin jetzt 55, kann nichts mehr machen, ich bin alt und demnächst geht's dann auch zu Ende mit mir. Das stimmt eben nicht!

"Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!"

Mein absoluter Lieblingsspruch, weil nichts falscher sein könnte, als dieser Satz. Dieser Satz gehört sofort gestrichen. Hans kann ganz genauso lernen wie Hänschen, aber er lernt anders. Dank der Neurowissenschaften können wir heute sehr sicher sagen, dass es unterschiedliche Arten von Intelligenz gibt. Jüngere haben eine sogenannte fluide Intelligenz, das heißt, sie lernen leicht, sie lernen Gedichte auswendig oder Paukstoff. Ältere dagegen haben eine erfahrungsgebundene Intelligenz, die sogenannte kristalline Intelligenz. Die fluide Intelligenz nimmt im Alter immer weiter ab, die Erfahrungsintelligenz nimmt zu. Das bedeutet: Mit zunehmendem Alter arbeitet das Gehirn zwar nicht mehr so schnell, kennt aber die Abkürzungen! Wir gewinnen also im Alter, weil wir uns das Lernen leichter machen.

Goldene Zeiten für ältere Jobsuchende? Meine Mutter würde Sie auslachen! Keine ihrer Dutzenden Bewerbungen hat gefruchtet. Das war vor knapp zehn Jahren, sie war damals knapp über 50.

Die Midlife-Boomer werden die Republik in den nächsten zwei Jahrzehnten mindestens ebenso stark verändern wie die 68er und die Frauen- sowie die Ökobewegung im vergangenen Jahrhundert, glaubt Heckel.
Die Midlife-Boomer werden die Republik in den nächsten zwei Jahrzehnten mindestens ebenso stark verändern wie die 68er und die Frauen- sowie die Ökobewegung im vergangenen Jahrhundert, glaubt Heckel.

Wir hatten bis vor Kurzem eine Lage am Arbeitsmarkt, wo Ältere in der Tat keine Chance hatten. Sie sagten vor zehn Jahren. Das war genau noch in der Frühverrentungsphase, die wir fast zwei Jahrzehnte in Deutschland hatten. Diese Frühverrentungsphase, wo praktisch wirklich in den Betrieben kaum mehr Menschen über 55 gearbeitet haben, diese Phase hat unser Bild vom Alter negativ geprägt. Damals entstand das düstere Bild: Die Alten brauchen wir nicht mehr, sie leisten nichts, sie sind unproduktiv.

Wer will schon einen Azubi mit grauen Haaren, der alles besser weiß?

Wir sind heute demografisch in einer einzigartigen Lage, weil sich die Angebot-Nachfrage-Situation komplett dreht. Wir haben inzwischen in Ostdeutschland und in Süddeutschland viele Regionen, wo einzelne Branchen händeringend nach Azubis suchen. Den Firmen bleibt keine Wahl, sie beginnen Grauschöpfe zu suchen und auszubilden. So gibt es zum Beispiel in Baden eine Bäckerei, die schon im dritten Jahrgang Senior-Azubis hat. Menschen ab 40 oder Ungelernte aus der eigenen Firma, die zu Fachverkäufern, Konditoren, Bäcker etc. ausgebildet werden. In Mönchengladbach gibt es eine Firma, die bildet die gleiche Altersgruppe zu Pflegekräften aus, die älteste Teilnehmerin ist 56 Jahre.

Aber wollen die Älteren das denn überhaupt, oder treibt sie die Angst vor Altersarmut dazu an?

Wir müssen uns damit anfreunden, dass wir alle 50 Jahre arbeiten werden. Die Phasen, wo man sehr viel arbeitet, wird es aber nicht mehr geben, weil die Lebensarbeitszeit insgesamt länger ist. Das hört sich jetzt alles noch vollkommen utopisch an, aber es wird so kommen. Aus meiner Sicht macht es viel mehr Sinn, bis an die 70 hin zu arbeiten, aber gleichzeitig als junger, mittelalter Mensch zu sagen, ich genehmige mir hier und da eine Auszeit.

Aber da spielen die Firmen doch gar nicht mit …

Ich garantiere Ihnen, die Firmen werden umdenken müssen, weil wir diesen Fachkräftemangel haben. Können Sie sich noch erinnern als vor vier, fünf Jahren alle Welt geschrien hat, die Jugendlichen bekommen keine Ausbildung? Damals war für Leute, die demografische Zahlen lesen konnten, schon klar, dass es allenfalls noch zwei, drei Jahre dauert, bis sich der Markt dreht. Der Markt hat sich gedreht. Wir haben seit dem letzten Jahr statistisch gesehen über die ganze Republik deutlich mehr Ausbildungsplätze als Nachfrage. In ein paar Jahren werden die Berge wegfallen von unversorgten Jugendlichen, und dann werden wir Schlagzeile um Schlagzeile haben: Wir brauchen dringend junge Leute, die unsere Arbeitsplätze füllen. Ich weiß, dass dieses Szenario für die meisten völlig absurd klingt, aber glauben Sie mir, ich habe mir die Zahlen sehr, sehr intensiv angesehen. All diese Menschen leben ja schon, es ist ja nicht so, dass da irgendjemand gebacken wird.

Eine Ihrer schönen Zukunftsvisionen heißt "Teilzeit auch bei Männern".

Ich glaube ehrlich gesagt, dass Teilzeit bei Männern mit dem Generationenwandel kommen wird. Ich höre von vielen jüngeren Männern, dass sie keine Lust auf die Vollzeitpräsenz-Kultur und dieses Überstundenschieben haben. Es gibt auch in der jüngeren Generation immer mehr leistungsbereite Menschen mit atypischen Arbeitszeitwünschen. Arbeitgeber, die sich auf ein flexibles Arbeitszeitmodell einlassen, können nicht nur ihr Image dramatisch verbessern, sondern bekommen auch gute Leute.

Was wird aus den Jungen, wenn die Alten alles an sich reißen? Wird es nicht einen Kampf um die wenigen Arbeitsplätze geben?

Nein. Der demografische Wandel verhindert das. Selbst wenn ganz viele Alte viel mehr arbeiten, sind wir doch im demografischen Wandel, der dazu führt, dass wir einfach so viel weniger junge Menschen haben, dass die sich keine Sorgen machen müssen. Ganz im Gegenteil. Die jüngeren der Zukunft werden so sehr gefragt werden, die müssen sich null Gedanken machen um ihre Zukunft. Das ist einfach so dramatisch, wie die Geburtsjahrgänge, die jetzt auf den Arbeitsmarkt treffen, mit jedem weiteren Jahr abnehmen. Die Zahlen sprechen für sich. Das wird wirklich dramatisch. Es wird genügend Arbeitsplätze geben. Der Krieg der Generationen fällt aus!

Gehen andere Länder schon besser mit dem demografischen Wandel um?

Ja, die Dänen zum Beispiel. Eines unserer Probleme ist, dass unsere statistischen Messzahlen ein bisschen in die Irre führen. Momentan rechnen wir mit dem sogenannten Altersquotienten. Da setzten wir die Menschen zwischen 15 und 65 in Relation zu den Menschen über 65. Dieser Altersquotient nimmt immer mehr zu, weil immer mehr Menschen über 65 sind und unten immer weniger nachkommen. Wenn wir aber davon ausgehen, dass die Menschen länger leben, länger gesünder leben, auch länger arbeiten können, macht es keinen Sinn diesen Schnitt bei 65 zu machen. Das ist eine willkürliche Zahl, die noch von Bismarck herrührt. Damals 1873 hat ja kaum jemand die 65 erreicht. Das wäre heute wahrscheinlich 95 oder 85!

Wenn wir also andere Messzahlen nehmen würden, wenn wir sagen würden, alt sind die Menschen bei uns erst, wenn sie nur noch 15 weitere Lebensjahre haben, dann würde sich der Altersquotient dramatisch verschieben und er würde schlagartig ganz, ganz stark abnehmen. Das machen die Dänen. Sie stellen ihr Rentensystem so um, dass künftig die statistische Lebenserwartung minus 14,5 Jahre der Punkt ist, an dem die Renteneintrittsgrenze sein wird. Zudem haben die Dänen, aber auch die Norweger und die Schweden, einen fluideren Arbeitsmarkt als wir. Die Menschen können sich da leichter ein- und ausfädeln, berufliche Veränderungen sind, anders als bei uns, nicht gleich mit existenzieller Verunsicherung verbunden.

Das ist alles?

Außerdem haben die Dänen, Norweger und Schweden in unterschiedlichen Ausprägungen Teilrenten. Ab 60 können die Menschen dort schon einen gewissen Rentenbezug haben, aber gleichzeitig noch weiterarbeiten. Da dreht sich die Motivation um. Bei uns in Deutschland wird jedes zusätzliche Jahr als Schreckensjahr empfunden, jedenfalls bei den meisten Menschen. Bei den Dänen ist das umgekehrt. Die bekommen mit 60 Jahren einen kleinen Betrag, danach kann jeder für sich entscheiden, ob man diesen Betrag mit weiteren Arbeitsjahren aufstocken möchte – das dreht die Motivation. Es geht eben nicht darum, wie bekomme ich das meiste aus dem Staat heraus oder aus dem Rentensystem, so wie es bei uns ist.

Ausbildung, Arbeit, Rente - das klassische Schema hat sich also überholt?

Es geht darum, dass wir als erwachsene Generation an die Generation unserer Kinder denken. Wie sieht ein glückliches hundertjähriges Leben als Regelfall aus? Momentan kennen wir Hundertjährige als Ausnahme, künftig wird das zum Normalfall werden. Die Generation der 40- bis 50-Jährigen trägt auch die Verantwortung, diese Lebensläufe der Kinder, die 100 Jahre alt werden, vorauszudenken. Wie organisieren wir das Leben künftig so, dass man glücklich 100 Jahre alt werden kann? Ich möchte, dass die Menschen ein bisschen träumen. Ich bin jetzt 46 Jahre alt. Wenn ich mir vorstelle, dass ich die gleichen 30 Jahre, die ich als Erwachsene lebe, 30 Jahre, in denen unglaublich viel passiert ist, wie in jedem anderen persönlichem Leben, wenn ich mir also vorstelle, dass ich noch mal 30 Jahre lebe, in denen so viel passieren kann, Schönes und nicht so Schönes - dann finde ich das wunderbar - denn in diesen nächsten 30 Jahren gehe ich ja rein mit der Erfahrung der letzten 30 Jahre, also mit einer viel besseren Ausgangslage, als ich sie als 16-Jährige hatte.

Mit Margaret Heckel sprach Diana Sierpinski

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Quelle: n-tv.de

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