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Die größte Gefahr für Kulturpflanzen ist, nicht mehr angebaut zu werden. Denn dann ist ihr Fortbestand gefährdet.
Die größte Gefahr für Kulturpflanzen ist, nicht mehr angebaut zu werden. Denn dann ist ihr Fortbestand gefährdet.(Foto: REUTERS)

Genbank in Gatersleben: Samen sammeln für die Zukunft

In Gatersleben in Sachsen-Anhalt befindet sich eine der weltweit größten Samenbanken für Kulturpflanzen. Dort sammeln und archivieren Forscher Saatgut, um es für die Zukunft zu erhalten. Alle Pflanzen, die in den gemäßigten Breitengraden vom Menschen in die Kultur genommen wurden - sei es zur Ernährung, Medizin oder Kleidung - werden dort konserviert. Andreas Börner über seine Arbeit, die Bedrohungen für Kulturpflanzen und über die "externe Festplatte" für Samenbanken in Spitzbergen.

n-tv.de: Herr Börner - die Genbank in Gatersleben ist eine der weltweit größten. Wie viele Pflanzensamen haben Sie denn gelagert?

Andreas Börner: Wir haben hier insgesamt 150.000 Pflanzenproben gelagert. Weltweit rangieren wir damit unter den größten zehn von insgesamt rund 1750 Genbanken. Größere gibt es etwa in den USA, China und Indien.

Was ist das Ziel der Genbank?

Unsere Aufgabe ist es, Kulturpflanzen, sowie deren verwandte Wildarten, die in den gemäßigten Klimazonen zzu Hausesind, aufzubewahren. Bananen, Kaffee oder Reisfinden sie bei uns also nicht. Aber Getreide, Gemüse, Hülsenfrüchte, Heil- und Gewürzpflanzen – alles, was der Mensch in Kultur genommen hat, um sich zu ernähren, zu kleiden oder gesund zu halten, erhalten wir hier. 90 Prozent aller Muster kann man als Saatgut lagern. Aber es gibt auch Formen, die keine Saat ausbilden – die müssen dann vegetativ erhalten werden.  Dafür gibt es sogenannte Feld-Genbanken, bei uns heißen sie Dauergärten. In 2400 Parzellen werden solche Arten dann bei uns erhalten. Zum Beispiel die Pfefferminze; da gibt es Proben, die keine Saat bilden.

Rund 150.000 Proben lagern in Gatersleben - tiefgekühlt.
Rund 150.000 Proben lagern in Gatersleben - tiefgekühlt.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Wie entstand die Idee einer Pflanzen-Genbank?

Die Idee, Samen aufzusammeln, ist ja nicht neu. Das geht zurück in die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts. Das war die Zeit, als systematische Pflanzenzüchtung einsetzte. Die Züchter selektierten leistungsfähige Linien aus alten Landsorten heraus, kreuzten sie. Und Forscher aus jener Zeit hatten erkannt: Der Bauer baut nur das an, was ihm den höchsten Ertrag und Gewinn bringt. Man bemerkte, dass diese alten Landsorten verschwinden würden. Unsere Kulturpflanzen als solche können nur überleben, wenn sie der Mensch in Kultur nimmt und sich um sie kümmert.  So hat man begonnen, dieses Material zu sammeln und aufzubewahren. Unser ältestes Material geht auch auf die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts zurück.

Wie kommen die Samen denn zu Ihnen? Machen Sie Forschungs- und Sammelreisen?

Wir werden in diesem Jahr zum Beispiel eine Sammelexpedition nach Jordanien durchführen. Man geht in Regionen, wo man wirklich noch Material findet, was sich dort über Jahrhunderte erhalten hat. Es gibt aber weitere Quellen. Zum einen tauschen wir auch mit anderen Genbanken oder botanischen Gärten, wenn wir an bestimmten Arten interessiert sind, die wir gerne hätten. Und es gibt ein Abkommen mit dem Bundessortenamt, einer Einrichtung, die für alle zugelassenen Sorten in Deutschland verantwortlich ist. Dort werden Muster hinterlegt. Und wann immer eine Sorte  nicht mehr im Anbau ist und vom Markt genommen wird, erhalten wir dieses Rückstellmuster automatisch in unsere Genbank, so dass das Material nicht verloren geht.

Kann man auf den Bestand der Genbank zugreifen?

Das ist im Internet recherchierbar. Dort kann man das gesamte Sortiment ansehen und gezielt das Material auswählen. Rund 50 Prozent unserer Materialausgaben gehen an Forschungseinrichtungen, die damit Untersuchungen anstellen. Auch von Pflanzenzüchtern bekommen wir Anfragen. Vor einiger Zeit hatten wir den Fall, dass in Albanien, wo in den 40er Jahren intensiv gesammelt wurde, die Genbank durch den Krieg zerstört wurde. Wir haben Teilproben des Materials, das dort herstammte, dann zurückgeführt.

Vakuumiert und in Aluminium verpackt: So reisen die Samen nach Spitzbergen.
Vakuumiert und in Aluminium verpackt: So reisen die Samen nach Spitzbergen.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Unter welchen Bedingungen lagern Sie die Samen?

Wir lagern alle Samen bei minus 18 Grad Celsius. Die Lebensfähigkeit ist sehr unterschiedlich, das macht die Sache sehr schwierig. Es gibt Arten, wie zum Beispiel die Erbse - die kann man 15 Jahre lang bei Raumtemperatur lagern und sie keimt dann immer noch. Andere, wie zum Beispiel Salat oder Zwiebel, verlieren schon nach einem Jahr bei Raumtemperatur die Keimfähigkeit. Wir können das ziemlich lange ausdehnen, wenn wir sie tiefkühlen.

Also konserviert für die Ewigkeit?

Nein. Man kann die Samen vielleicht höchstens einige Jahrzehnte bis 100 Jahre aufbewahren, danach keimen sie nicht mehr. Die Mär, man könnte das tiefgekühlt ewig aufbewahren, stimmt nicht. Zumindest nicht für unsere Kulturpflanzen. Wenn wir wissen, dass eine Probe ihre Keimfähigkeit verliert, müssen wir sie regenerieren. Das heißt ganz simpel: Das Material wird ausgesät und frische Samen werden erzeugt. Die wandern dann wieder ins Kühlhaus.

Gibt es ausgestorbene Pflanzen, die sie in Ihrer Genbank noch lagern?

Wir haben Formen von Arten, die es heute sicherlich nicht mehr gibt. Die wurden beispielsweise 1956 in China gesammelt. Aber es ist kein Artensterben wie bei den Tieren oder Wildpflanzen,sondern ein Sterben innerhalb der Arten, weil die innerartliche Vielfalt verloren geht.

Dr. Andreas Börner ist zuständig für die Erhaltung und Charakterisierung des Sortiments der Genbank in Gatersleben.
Dr. Andreas Börner ist zuständig für die Erhaltung und Charakterisierung des Sortiments der Genbank in Gatersleben.

Man munkelt, es gebe so etwas wie "Blaue Kartoffeln" oder  "weiße Erdbeeren "  – haben Sie das bei sich?

Ja, auch solche ungewöhnlichen Formen haben wir da. Erdbeeren sind in einer anderen Einrichtung gelagert – aber blaue Kartoffeln und dunkelviolette oder gelbe Möhren bewahren wir hier in der Bank auf.

Was sind die größten Gefahren dafür, dass eine Kulturpflanze ausstirbt?

Die größte Gefahr ist, dass sie nicht mehr genutzt werden. Denn: Die Züchtung geht rasant voran. Ein Landwirt ist zugleich ein Ökonom. Er muss Gewinn erzielen und wird immer das anbauen, was ihm am meisten einbringt. Auch die Urbanisierung ist in vielen Teilen der Erde ein Problem für Nutzpflanzen. Wenn sie nach Indien oder so schauen, dann werden dort großflächig moderne Sorten angebaut. Und die vielen Landsorten, die die Bauern angebaut haben, lohnen sich nicht mehr und gehen dann verloren.

In Spitzbergen steht seit 2008 eine internationale Pflanzensamenbank. Was ist der Unterschied zwischen Spitzbergen und Gatersleben?

Ich beschreibe es häufig als "externe Festplatte". Wir schicken dort Teilproben hin - das sind in der Regel zwischen 300 und 500 Samen, die doppelte Aussaatmenge für eine Regeneration. Die werden in Aluminiumtüten verpackt, vakuumverschweißt und verschickt.

Und Sie haben dort jederzeit Zugriff darauf.

Natürlich. Das Material bleibt unser Eigentum - wann immer wir es benötigen, können wir es zurückfordern. Und auch in Spitzbergen ist die Lagerung nicht für die Ewigkeit.  Wir müssen auch dort die Proben austauschen, bevor sie ihre Keimfähigkeit verlieren. Spitzbergen ist ein Sicherheitsdepot – die gängigen Genbanken wird es nicht ersetzen.

Kritisiert wird unter anderem, dass sich in Spitzbergen an der Finanzierung Sponsoren beteiligen, die ein direktes Interesse haben – allen voran Monsanto oder Syngenta. Ist das nicht kritisch?

Das würde ich so nicht sehen. Denn es ist eine internationale Einrichtung. Jeder, der das möchte, kann dort einlagern. Und das Material bleibt ja, wie gesagt, unser Eigentum. Es gibt aber Länder, wie zum Beispiel Indien, die sich nicht an der Genbank in Spitzbergen beteiligen. Die behalten ihre Ressourcen bei sich – wer weiß, vielleicht aus den Gründen, die sie anführen. Ich persönlich aber sehe darin kein Problem.

Mit Andreas Börner sprach Fabian Maysenhölder.

Quelle: n-tv.de

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