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Fehlschläge gibt es in allen Bereichen und auf jedem Niveau.
Fehlschläge gibt es in allen Bereichen und auf jedem Niveau.(Foto: picture alliance / dpa)

Eher die Regel als die Ausnahme: Scheitern ist das Wesen der Wissenschaft

Wissenschaft und Forschung sind nicht immer von Erfolg geprägt, auch wenn es manchmal so scheint. Fehlschläge sind an der Tagesordnung, sie sind frustrierend – und vor allem: Sie kratzen am Ego der Wissenschaftler. Ein neues Wissenschafts-Fachmagazin, das "Journal of Unsolved Questions" (kurz: JUnQ), will das Bewusstsein für den Stellenwert des Scheiterns stärken. Erfolgsmeldungen haben dort keinen Platz: Nur wer scheitert, darf publizieren. n-tv.de sprach mit dem Mitinitiator und -herausgeber des JUnQ, Thomas Jagau, über seine Ideen, ungelöste Fragen und die Bedeutung von Fehlschlägen in der Wissenschaft.

n-tv.de: Herr Jagau, Sie haben gemeinsam mit vier Kommilitonen  das "Journal of Unsolved Questions" initiiert. Eine Ausgabe ist bereits erschienen, die zweite soll im Juli veröffentlicht werden. Wie sind Sie auf die Idee zu diesem Journal gekommen?

Thomas Jagau: Die Idee zu dem Journal ist bei einem Workshop der Graduiertenschule Materials Science in Mainz entstanden. Die Treibkraft, ein solches Format zu initiieren, war die Tatsache, dass Wissenschaft sehr oft entweder scheitert oder die Ergebnisse schwer zu interpretieren sind. Das wird in der öffentlichen Wahrnehmung häufig nicht so sehr gewürdigt.

Offiziell richtet sich das Journal an alle Fachrichtungen. Wie hat man sich das in den Geisteswissenschaften vorzustellen? Dort gibt es ja eher selten gescheiterte Versuche.

Da muss man differenzieren. Für Sozialwissenschaften wie Psychologie oder Soziologie lässt sich das Konzept relativ gut anwenden. Dort werden ja viele Erkenntnisse durch statistische Analysen gewonnen - und die Versuchung ist natürlich immer groß, die Ergebnisse so aufzuhübschen, dass sie interessanter wirken, als sie in Wahrheit sind. Und insofern ist da unser Konzept anwendbar. Bei den Geisteswissenschaften im engeren Sinne, wie zum Beispiel Germanistik oder Anglistik, ist das vielleicht nicht ohne Modifikationen übertragbar, aber wir hoffen da auch auf entsprechenden Input und sind da auch gerne bereit, uns anzupassen.

Robert Koch: Tausende Tuberkulose-Kranke setzten ihre Hoffnung in den von ihm entwickelten Impfstoff. Die Enttäuschung war groß. Dennoch war Tuberkulin kein völliger Fehlschlag. Es heilt nicht, aber es dient heute der Diagnose.
Robert Koch: Tausende Tuberkulose-Kranke setzten ihre Hoffnung in den von ihm entwickelten Impfstoff. Die Enttäuschung war groß. Dennoch war Tuberkulin kein völliger Fehlschlag. Es heilt nicht, aber es dient heute der Diagnose.

Wie viele "unsolved questions" gibt es denn in der Wissenschaft?

Jede Menge! Und das Besondere ist vor allem, dass man außerhalb der Naturwissenschaften gewöhnlich denkt: Alle Fragen, die in der Physik oder Chemie ungelöst sind, beziehen sich entweder auf riesige Dimensionen, sprich Weltall, oder auf ganz kleine Dinge auf atomarer Ebene.

Dem ist nicht so?

Nein. Wir veröffentlichen in unserem Journal ja nicht nur die Ergebnisse gescheiterter Versuche, sondern stellen auch in Essays Fragen vor, die der Wissenschaft bislang ein Rätsel sind. Ein Beispiel sind etwa die "Navier-Stokes-Gleichungen", die die Strömung von Flüssigkeiten beschreiben – es ist bis heute nicht klar, ob sie sich überhaupt lösen lassen. Durch die Veröffentlichung solcher Fragen wollen wir klarmachen, wie groß eigentlich in manchen Bereichen unser Unwissen ist –selbst was etwa das Verhalten von Flüssigkeiten auf der Erde angeht.

Wie entscheiden Sie, welche fehlgeschlagenen Versuche es in Ihr Journal schaffen und welche nicht?

Die Essays über die ungelösten Fragen werden intern im Herausgebergremium auf Plausibilität überprüft. Falls wir das selbst nicht beurteilen können, ziehen wir natürlich entsprechende Experten heran. Bei den Artikeln, die gescheiterte Versuche vorstellen, ist das Auswahlverfahren aufwendiger, denn hier verfahren wir wie andere, etablierte Fachzeitschriften auch:  Wir wenden das so genannte "Peer-to-Peer Review" an.

Das müssen Sie erklären.

Die Gründer des "Journal of unsolved Questions": Leonie Mück und Thomas Jagau. Beide promovieren in Theoretischer Chemie an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz.
Die Gründer des "Journal of unsolved Questions": Leonie Mück und Thomas Jagau. Beide promovieren in Theoretischer Chemie an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz.(Foto: Privat)

Das läuft so:Wir senden das Manuskript an Experten aus diesem Fachgebiet, meistens zwei verschiedene Fachleute, und bitten um Kommentare. Wenn diese positiv sind, dann wird veröffentlicht, oder entsprechende Kritikpunkte werden aufgegriffen und mit der Bitte um Verbesserung an die Autoren zurückgeschickt. Und wenn es die Standards überhaupt nicht erfüllt, wird es auch abgelehnt – das ist schon vorgekommen.

Wozu braucht es eine solche fachliche Prüfung durch Experten überhaupt? Die Versuche sind ja sowieso in die Hose gegangen.

Das stimmt. Dennoch: Formale Kriterien und die Plausibilität des Versuches müssen geprüft werden, damit er für andere von Nutzen sein kann. Etwa, ob die Daten vollständig vorhanden sind. Plausibilität, Reproduzierbarkeit, Vollständigkeit – das muss gewährleistet sein, denn der Versuch muss trotz des Misserfolgs gute wissenschaftliche Praxis erfüllen.

Welchen Stellenwert haben "fehlgeschlagene" Versuche für die Wissenschaft?

Es gibt eine schöne Aussage des Philosophen Bertrand Russell, der sagt, dass das Wesen der Wissenschaft im Scheitern besteht.  Das heißt: Man formuliert eine Aussage, die wahr sein könnte. Dann schaut man nach, ob das der Fall ist. Und im Allgemeinen, so Russel, ist es nicht der Fall. Bis heute ist es schwierig, jemanden davon zu überzeugen, dass es nicht seine persönliche Ehre verletzt, wenn man einen Versuch durchführt und der gescheitert ist. Wir versuchen, dies zu ändern und die Leute davon zu überzeugen, dass das, was sie selbst für gescheitert halten, für einen anderen durchaus fruchtbar sein könnte. Denn aus vermeintlichen Fehlschlägen, das hat die Geschichte gezeigt, ergeben sich manchmal bahnbrechende Erkenntnisse. Aber das ist nicht planbar. Man wird nie vorhersagen können, wo der nächste Durchbruch geschieht.

Mit Thomas Jagau sprach Fabian Maysenhölder.

Quelle: n-tv.de

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