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Zwei-Grad-Grenze im KlimaschutzSicherheit nur vorgetäuscht

04.11.2009, 09:50 Uhr
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Forschungsergebnissen zufolge könnte die Arktis in zehn Jahren im Sommer fast eisfrei sein. (Foto: picture-alliance/ dpa)

Deutsche Wissenschaftler warnen davor, sich im Ringen um den Klimaschutz zu sehr auf die Zwei-Grad-Grenze als Schutz gegen unkalkulierbare Folgen der menschengemachten Erwärmung zu verlassen.

"Die Fokussierung auf die Zwei-Grad-Grenze kann eine falsche Sicherheit vorgaukeln, denn tatsächlich mögen bereits niedrigere Temperaturen oder Tipping-Points (Wende- oder Kipp-Punkte) wichtiger sein", argumentieren Forscher auf der Konferenz "The Changing Earth - Klima im System Erde" in Berlin. Sie wiesen auch darauf hin, dass die Erwärmung der Arktis viel schneller erfolgt als bislang erwartet.

Gefährliches Methan

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Auch in Kuhmägen entsteht Methan, welches die Tiere durch Rülpsen freisetzen. (Foto: picture-alliance/ dpa)

Die Tagung in Berlin mit dem Titel "The Changing Earth" wurde im Vorfeld der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen vom Alfred-Wegener-Institut (AWI), dem Geoforschungszentrum Potsdam (GFZ) sowie von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung (SGN) organisiert. Als einen Risikofaktor mit Blick auf das Zwei-Grad-Ziel nannten die Forscher Karin Lochte (AWI), Reinhard Hüttl (GFZ) und Volker Mosbrugger (SGN) die vermehrte Freisetzung von Methan aus auftauenden, bisherigen Permafrostböden. Mit Verweis auf Forschungen im Norden Russlands und Kanadas wies auch der AWI-Wissenschaftler Hans-Wolfgang Hubberten auf dieses Risiko hin. Methan wirkt als Treibhausgas 20 bis 30 mal stärker als Kohlendioxid (CO2).

Auf der Tagung stellte die AWI-Forscherin Ursula Schauer aktuelle Forschungsergebnisse vor, wonach der Rückgang des arktischen Meereises "viel schneller voranschreitet als durch Klimamodelle vorhergesagt". Dies ergaben Messungen im Nordpolarmeer, unter anderem in der Umgebung von Spitzbergen. Schauer und weitere Wissenschaftler werteten dies als Beleg dafür, dass die derzeitigen Modelle noch nicht alle Triebkräfte des Klimawandels hinreichend erfassen.

Kipp-Punkte erschweren Progonosen

Besonders plötzliche Änderungen beim Erreichen bestimmter Temperaturwerte, die Forscher sprechen hier von "Kipp-Punkten", machen Prognosen von Folgen des Klimawandels schwierig. Der GFZ-Wissenschaftler Achim Brauer verwies in Berlin auf einen rasanten Temperaturabfall vor etwa 12.700 Jahren. Sedimentproben aus dem Meerfelder Maar in der Eifel zeigen, dass damals die Wintertemperaturen innerhalb von weniger Jahre um vier bis fünf Grad absanken. Auslöser war offenbar eine Störung der Meeresströme im Nordatlantik, die sich zwar über rund hundert Jahre entwickelte, zu einem bestimmten Zeitpunkt aber zu dem raschen Temperatursturz führte.

Ein ähnlicher Effekt war nach den Worten des AWI-Forschers Ralf Tiedemann im in der erdgeschichtlichen Zeit des Pliozän vor drei bis fünf Millionen Jahren zu beobachten. Damals wurde eine lange andauernde Warmzeit durch ein regional begrenztes Ereignis, nämlich die Verflachung des bis dahin noch offenen Seeweges zwischen Nord- und Südamerika in Höhe des heutigen Panamas, relativ abrupt beendet. Die Veränderung der Meeresströmungen bewirkte damals wie ein Kippschalter eine grundlegende globale Temperaturänderung.

Zukunft wie im Pliozän?

Das Pliozän ist der bislang letzte Zeitraum, in dem es auf der Erde um gut drei Grad wärmer war als heute - so wie es Klimaforscher als Ergebnis der menschengemachten Erderwärmung befürchten. Daher ist diese Zeit für wissenschaftliche Vergleiche besonders interessant. Damals gab es keinen Eispanzer auf Grönland und der Meeresspiegel lag um etwa 25 Meter höher als heute. "Das ist ein Klimaszenario mit Zukunftsperspektive", sagte Tiedemann.

Quelle: AFP