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Die Gründe für eine Selbsttötung sind individuell verschieden.
Die Gründe für eine Selbsttötung sind individuell verschieden.(Foto: picture alliance / dpa)

Sterben durch die eigene Hand: Suizid bleibt ein totgeschwiegenes Tabu

Aus welchen Gründen sich Menschen entscheiden, aus dem Leben zu gehen, warum Suizid bis heute ein Tabuthema in der Gesellschaft ist und wie man helfen kann, erklärt Frau Professor Barbara Schneider, stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention in einem Gespräch mit n-tv.de.

Was ist so dramatisch am Freitod? Könnte die Gesellschaft das nicht auch als eine bewusst getroffene Entscheidung einer Person akzeptieren?

Zuerst einmal sprechen Fachleute, die sich mit Suizid und  Suizidprävention  befassen, nicht vom Freitod, da der Freitod etwas suggeriert, was nicht stimmt, nämlich, dass die betreffende Person aus freien Stücken gehandelt hat. Menschen, die einen Suizidversuch überlebt haben, berichten davon, dass sie sich zu diesem Zeitpunkt nicht frei gefühlt haben, Entscheidungen zu treffen. Auch der Begriff Selbstmord ist nicht passend. Der juristische Begriff Mord beinhaltet eine Planung und einen Vorsatz. Das ist in der Regel beim Suizid nicht der Fall.

Dennoch erschüttert jeder Suizid die Mitmenschen von Grund auf und ist bis heute ein gesellschaftliches Tabu.

Eine Selbsttötung ist gesellschaftlich verpönt.
Eine Selbsttötung ist gesellschaftlich verpönt.(Foto: picture alliance / dpa)

Richtig. Das Leben ist das höchste Gut, das wir haben. Suizidenten stellen sich gegen dieses höchste Gut. Zudem sind durch einen Suizid im Durchschnitt 6, nach neueren Forschungen sogar 10 bis 15 Angehörige, betroffen, die dadurch oftmals selbst in große seelische Not geraten und von quälenden Schuldgefühlen geplagt werden. Im Mittelalter beispielsweise war die Selbsttötung so verpönt, dass Familienangehörige von Suizidenten enteignet und aus der Gemeinschaft verbannt wurden. Auch heute noch wird in vielen Ländern suizidales Verhalten bestraft. Viele Philosophen - schon in altgriechischer Zeit und auch Theologen gehen quasi von der "Selbsterhaltung als Grundprinzip des Lebens" aus. Eine Selbsttötung ist die totale Umkehrung dieses Prinzips und ist zudem unumkehrbar. Menschen, die sich selbst töten, überschreiten damit eine bestimmte Grenze. Sie brechen durch ihre Handlung ein Tabu. Für Gläubige und für die Gesellschaft ist Suizid damit eine Sünde oder Schande und muss daher tunlichst verschwiegen werden. So wird die Selbsttötung und Suizidalität selbst zum Tabuthema in der Gesellschaft. Dieses Tabu und die Stigmatisierung psychisch Kranker, Suizidgefährdeter und der Angehörigen und Hinterbliebenen müssen überwunden werden. Diese Tabuisierung stellt in großes Hindernis für die Suizidprävention dar.

Kündigen Menschen, die Suizidgedanken haben, ihre Entscheidung überhaupt an oder gibt es eindeutige Signale, die man als nahestehender Mensch ausmachen kann?

Das Wichtigste für Außenstehende ist, zu wissen, dass sich Menschen, die über Selbsttötung nachdenken oder sogar darüber reden, sich selbst als völlig eingeengt in ihrer Situation erleben. Das aktive Beenden ihres Lebens erscheint ihnen als einzige und letzte Möglichkeit in diesem Moment, um ihre Probleme zu lösen. Es gibt in dem Augenblick für diese Menschen keine Alternative zur Selbsttötung. Für die Menschen in der Umgebung eines suizidalen Menschen geht es vor allem darum, genau hinzuhören oder hinzusehen. Ich habe mit einer Frau gesprochen, deren Mann drei Tage lang eine Metallschlinge in seiner Aktentasche mit sich getragen hat und keiner hat ihn darauf angesprochen. Der Mann hat sich schließlich mit dieser Schlinge erhängt. Es geht also darum, Suizid in der Gesellschaft zu enttabuisieren und auf Anspielungen, geäußerte Suizidgedanken oder –signale angemessen zu reagieren. Es gibt jedoch auch Suizidenten, bei denen im Vorfeld gar nichts zu erkennen ist. Diese fühlen sich "wie befreit", sobald sie ihre Entscheidung getroffen haben und ziehen den Suizid geplant, bedacht und für ihre Mitmenschen somit völlig ohne Vorankündigung durch. Für die Menschen in ihrer Umgebung ist die Tat in diesem Fall nicht vorhersehbar und die Mitmenschen sind völlig fassungslos angesichts des erfolgten Suizids.

Was kann man als Außenstehender denn tun, um jemandem mit Suizidgedanken tatsächlich zu helfen?

Für Betroffene ist es am wichtigsten, dass jemand für Sie da ist.
Für Betroffene ist es am wichtigsten, dass jemand für Sie da ist.(Foto: picture alliance / dpa)

Das Allerwichtigste ist zuzuhören, wenn sich jemand öffnet und von seinen Suizidgedanken spricht. Es geht nicht darum, das Thema runterzuspielen, Lösungen anzubieten oder die betreffende Person sogar zu ihrem Schritt zu ermutigen. Es geht eher um Verständnis und Zugewandtheit. So kann man in einem Gespräch durchaus erfragen, ob es schon einen konkreten Plan mit Ort, Zeit und Art für den Suizid gibt. Ratschläge, Beschwichtigungen, aber auch Schockreaktionen sollten in dieser Situation möglichst vermieden werden. Begleitung und Beistand wirken in solchen Situationen manchmal Wunder. Aber nicht jeder Mensch mit Suizidgedanken kann sich in einer so lebensbedrohlichen Situation öffnen und reden. Manche Menschen signalisieren ihrer Umwelt auf andere Art und Weise ihre Ausweglosigkeit. Sie ziehen sich beispielsweise aus ihrem sozialen Umfeld zurück oder sind in kurzer Zeit völlig verändert. Manche werden lust- und freudlos. Angehörige, Freunde oder Bekannte, die in einer solchen Situation gar nicht weiterwissen, können genauso wie Betroffene selbst im akuten Fall den Rettungsdienst unter 112 oder auch die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 anrufen. Dort sitzen Profis, die wissen, was zu tun ist.

Sind Menschen, die sich selbst töten, immer psychisch krank?

Nein. Auch wenn die Vielzahl der Suizidenten in Deutschland und den anderen westlichen Ländern unter psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Schizophrenie oder Suchterkrankungen leiden, gibt es auch einen gewissen Anteil, der nicht unter einer psychischen Erkrankung leidet. Diese Menschen befinden sich allerdings in einer akuten ausweg- und hoffnungslosen Situation, die oftmals von einem einschneidenden Erlebnis wie Arbeitslosigkeit, Trennung oder Tod eingeläutet wird. Die völlige Verzweiflung ist tonangebend. Es gibt für Betroffene auch nur noch einen einzigen Ausweg - die Selbsttötung. Aus diesem Gedanken- und Gefühlskonstrukt können sich Menschen mit Suizidabsichten meistens nicht mehr selbst befreien. Professionelle Hilfe ist dringend nötig.

Gibt es eine bevorzugte Methode für eine Selbsttötung?

Frauen bevorzugen sanfte Suizidmethoden, wie die Übermedikamentisierung.
Frauen bevorzugen sanfte Suizidmethoden, wie die Übermedikamentisierung.(Foto: picture alliance / dpa)

Ja. In Deutschland werden die meisten Suizide durch Erhängen registriert. Diese Art, aus dem Leben zu gehen, gehört zu den sogenannten harten Suizidmethoden. In anderen Ländern werden andere Methoden bevorzugt. In den USA zum Beispiel gibt es die meisten Suizide durch Schusswaffen. Es ist außerdem belegt, dass Frauen eher auf die sogenannten weichen Suizidmethoden wie Vergiftung setzen. Aus diesem Grund "gelingt" ihnen der Suizid auch wesentlich seltener als Männern. 

Muss jeder, der Suizid begeht, auch obduziert werden?

Nein. Wenn eindeutig geklärt ist, dass der Tod selbst und ohne Fremdverschulden herbeigeführt worden ist, muss die Leiche nicht obduziert werden. Manchmal allerdings können Angehörige die Tat nicht nachvollziehen und wollen Gewissheit über die Todesursache haben, so dass sie eine Obduktion beantragen und durchführen lassen.

Weshalb hinterlassen Suizidenten Abschiedsbriefe?

Vielen Menschen, die Suizid begehen, ist bewusst, dass sie mit ihrer Tat Unglück über ihre nächsten Angehörigen bringen. Aus diesem Grund geht es den meisten darum, sich "ordentlich" zu verabschieden und ihre letzte, schwerwiegende Entscheidung zu erklären. Abschiedsbriefe können in ganz verschiedenen Formen hinterlassen werden. Auch die Absichten variieren. Manche können nur noch kurze Nachrichten an die Allgemeinheit hinterlassen, andere schreiben einen mehrseitigen, gut strukturierten Brief, der an eine bestimmte Person gerichtet ist. Viele bitten so um Verständnis und Entschuldigung. In einigen Fällen sind die Abschiedsbriefe aber auch schriftliche Abrechnungen oder eindeutige Schuldzuweisungen. Es scheint für manche Betroffene ein großes Bedürfnis zu sein, sich noch einmal mitzuteilen. Es gibt heute sogar Abschieds-E-Mails und -Videos.

Was raten Sie Hinterbliebenen?

Die Professorin Barbara Schneider ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie.
Die Professorin Barbara Schneider ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie.(Foto: Barbara Schneider)

Im akuten Fall sollten Hinterbliebene nicht allein bleiben, denn einen nahestehenden Angehörigen durch Suizid zu verlieren, ist ein Schicksalsschlag, auf den sich kein Mensch vorbereiten kann und der das ganze Leben abrupt verändert. Der Tod eines Angehörigen stellt bereits eine Ausnahmesituation für die meisten Menschen dar. Der Tod durch Suizid bringt zusätzliche Schwierigkeiten und Fragen mit sich. Hinterbliebene benötigen oft direkt nach dem Suizid vor allem Hilfe bei den alltäglichen Dingen im Leben wie Einkauf, Kinderbetreuung und Organisation der Beerdigung. Andere Familienangehörige, aber auch Freunde oder Bekannte können hilfreich zur Seite stehen. Oft ist es auch nur wichtig, dass einfach jemand für einen Hinterbliebenen nur da ist. Auf keinen Fall sollte man den Suizid in seinem Umkreis verschweigen. Liegt die Selbsttötung schon etwas länger zurück, ist das Wichtigste für Hinterbliebene der Kontakt zu Menschen, die das gleiche Schicksal teilen. Es gibt beispielsweise den Verein "Angehörige um Suizid" (AGUS e.V.), der Betroffene beispielsweise an Selbsthilfegruppen in vielen Teilen Deutschlands vermitteln kann. Aber auch andere Selbsthilfegruppen sind über das Internet leicht zu finden. Professionelle Hilfe oder Therapien sind pauschal nicht für jeden Hinterbliebenen notwendig und ratsam. Viele Hinterbliebene erleben die Hilfe aus ihrem sozialen Umfeld und von anderen Betroffenen oft als sehr wirksam und ausreichend.

Hat ein Jugendlicher, der sich das Leben nimmt, die gleichen Beweggründe wie ein Mensch im fortgeschrittenen Alter?

Nein. Bei Jugendlichen hat man zudem weitaus seltener eine psychische Erkrankungen als Ursache ausmachen können als bei älteren Menschen. Junge Menschen unternehmen wesentlich häufiger Suizidversuche als ältere. Auch die Beweggründe sind unterschiedlich in den verschiedenen Altersklassen. In jungen Jahren spielen Dinge wie Traumatisierungen, zerrüttetes Elternhaus, Drogenkonsum, Trennungen, Liebeskummer oder andere Schwierigkeiten im Freundeskreis oder in der Schule eine entscheidende Rolle. Bei den hochaltrigen Menschen dagegen stellen Dinge wie körperliche Erkrankungen, Schmerzen, körperliche Einschränkungen oder das Verlieren der Sinnesleistungen ganz wichtige Risikofaktoren dar.

Wie sieht denn die Entwicklung von Selbsttötungen in den letzten Jahren aus?

Auch wenn es eine gewisse Dunkelziffer von Suiziden durch beispielsweise fingierte Unfälle oder Drogenmissbrauch gibt, können wir davon ausgehen, dass die Zahl der Menschen, die sich das Leben nehmen, in den letzten Jahren wieder ansteigt. In Deutschland steigen die Suizidraten mit zunehmendem Alter sowohl bei Männern als auch bei Frauen an. Obwohl die Suizidraten älterer Männer sehr viel höher sind als die älterer Frauen, muss doch darauf hingewiesen werden, dass jeder zweite Suizid einer Frau ein Suizid einer über 60-Jährigen. Die absoluten Suizidzahlen sind allerdings bei Menschen im mittleren Alter am höchsten. Die Gesamtzahl der Suizide ist von 2007 mit 9402 Fällen bis 2011 auf 10.144 Fälle stetig gestiegen. Über Ursachen dafür kann nur spekuliert werden.

Was können Kampagnen, wie der Welt-Suizid-Präventionstag ausrichten?

In erster Linie geht es darum, das Thema Suizidalität in der Gesellschaft zu enttabuisieren. Je mehr Informationen die Menschen darüber haben, umso besser können sie in Situationen mit Selbsttötungsgedanken reagieren. Es geht auch darum, klar zu sagen, dass, egal wie aussichtslos die Situation erscheinen mag, Hilfe möglich ist. Es gibt Anlaufstellen mit Experten für Menschen mit Selbsttötungsgedanken, die rund um die Uhr erreichbar sind und die wissen, wie Hilfe aussehen kann.

Mit Frau Professor Barbara Schneider sprach Jana Zeh.

Quelle: n-tv.de

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