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Der Eingang zum Global Seed Vault auf Spitzbergen.
Der Eingang zum Global Seed Vault auf Spitzbergen.(Foto: Global Crop Diversity Trust)

Global Seed Vault angefragt: Tresor für den Weltuntergang wird geöffnet

Von Benjamin Konietzny

Im ewigen Eis, irgendwo zwischen Norwegen und dem Nordpol, lagert eine der größten Saatgut-Sammlungen der Welt. Sie soll die Welternährung auch im schlimmsten Katastrophenfall sichern. Nun gibt es die erste Anfrage.

Etwa 800 Kilometer vom nördlichsten Punkt Europas entfernt liegt ein Schatz im ewigen Eis vergraben: Tief im Inneren eines Berges auf dem polaren Inselarchipel Spitzbergen, auf halbem Weg zwischen Norwegen und dem Nordpol, liegt die Sicherungskopie der weltweiten Ernährung. Samen aus fast allen Staaten der Erde lagern hier - weit weg von Kriegen und Zerstörung in der ewigen Kälte des Permafrostbodens. Rund 860.000 Samenproben lagern hier inzwischen - 4,5 Millionen sollen es einmal werden.

120 Meter tief im Berg liegt die Sammlung in einem alten Bergbaustollen.
120 Meter tief im Berg liegt die Sammlung in einem alten Bergbaustollen.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Selbst ohne Strom könnten die Samen in der Svalbard Global Seed Vault über 200 Jahre überstehen. Mit Stromversorgung ist kein Limit geplant. In der Anlage sollen sie 120 Meter tief im Berg auch vor Atomkriegen oder ähnlichen Katastrophen geschützt werden. Die Svalbard Global Seed Vault lässt sich auch als Vorsorge für die Apokalypse verstehen. Um die Anlage mit den Worten der UN zu beschreiben: "Die ultimative Versicherungspolice für die Nahrungsversorgung der Welt". Im Englischen spricht man auch vom Doomsday Seed Vault, dem "Weltuntergangs-Saat-Tresor".

Syrienkrieg macht Arbeit unmöglich

Erstmalig wurde der Tresor nun geöffnet. Die Welternährung braucht Unterstützung aus Spitzbergen. Der Krieg in Syrien zerstört nicht nur Menschenleben und Kulturgüter, sondern auch die Samenbank Aleppos, in denen die Vielfalt der hitzeresistenten Saaten des Nahen Ostens aufbewahrt werden.

Das ICARDA in Aleppo.
Das ICARDA in Aleppo.(Foto: Global Crop Diversity Trust)

Das Institut, einer von vielen kleineren Saatgut-"Tresoren" weltweit, an sich habe den Krieg bisher weitgehend unbeschadet überstanden, doch die Forscher könnten das Saatgut nicht mehr gefahrlos an Züchter und Wissenschaftler weitergeben - das Internationale Zentrum für Agrarforschung in trockenen Regionen (ICARDA) habe seine Funktion als Verteilknoten verloren, erklärt der Sprecher des UN Crop Trust, die die Anlage unterhält. Es fordert 130 von 325 Kisten mit insgesamt 116.000 Proben, die es nach Spitzbergen geschickt hat, zurück - um fernab des Krieges neue Institute in Beirut und in Marokko aufzubauen.

Der brutale Krieg in Syrien sei eine der Katastrophen, für die die Anlage auf Spitzbergen aufgebaut worden sei, sagt Colin Khoury, Wissenschaftler am International Center for Tropical Agriculture. "Die wirklichen Gefahren für Saatgut-Vielfalt sind die alltäglichen Katastrophen", so Khoury. Es muss also nicht immer der allesvernichtende Atomkrieg sein. "Stromausfälle, finanzielle Engpässe und so weiter, solche Dinge passieren tagtäglich auf der Welt und machen die Anlage in Spitzbergen so wichtig."

Durch Abfrage entsteht Lücke in Spitzbergen

Nun würden Sicherheitsvorkehrungen getroffen, um die Proben - hauptsächlich Weizen, Gerste und Kichererbsen - aus dem Berg zu holen. Die Saaten würden dann in den Libanon und nach Marokko weitergeschickt. Dort sollen neue Verteilzentren, als Ersatz für die Einrichtung in Aleppo, entstehen.

Im Gegensatz zu der Anlage auf Spitzbergen sind diese regionalen Verteilzentren sehr gefragt. Sie dienen nicht bloß der Aufbewahrung und Sicherung des Saatgutes, sondern sorgen auch für die Weitergabe. Sieben solcher Verteilzentren existieren weltweit, in den vergangenen 25 Jahren haben sie rund eine Million Proben an Forscher, Züchter und Bauern weitergegeben. Der Verlust des ICARDA in Syrien ist daher ein großer Verlust für den Crop Trust.

Durch den Zugriff auf die Svalbard Global Seed Vault entsteht zunächst eine Lücke in der Sammlung. Doch die Forscher, die nun ihre Proben zurückfordern, sind dafür zuständig, diese nun zu vervielfältigen. Lainoff schätzt, dass die Sammlung auf Spitzbergen in rund zehn Jahren wieder komplett ist. Dass der Svalbard Global Seed Vault abgefragt wird, zeigt für ihn, wie viel Sinn die Sammlung hat.

Quelle: n-tv.de

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