Europas größtes Schulwandbild-Archiv: "Unmoderner Kram" in Würzburg
Overhead-Projektor, Beamer, White-Boards - moderne Technik hat die alten Schulwandbilder aus den Klassenzimmern vertrieben. Die meisten landeten im Mülleimer. Einige jedoch wurden Teil von Europas größtem Archiv für Schulwandbilder in Würzburg.
Der Aufbau einer Pflanze,das Periodensystem, die Tiere der Region - Schaubilder an den Wänden der Klassenzimmerwaren in einer Zeit ohne Computer, Beamer und ähnlicher Technik enorm wichtig. Mitder Bildungsreform in den 1970er Jahren jedoch wurde der "unmoderne Kram"aus den deutschen Klassenzimmern verbannt.
Als "Todesstoß fürdie Schulwandbilder" bezeichnet Ina Katharina Uphoff die Reform, die stattauf Frontalunterricht auf neue Unterrichtsformen setzte. Die Diplom-Pädagogin istdie Leiterin der Forschungsstelle für Historische Bildmedien an der UniversitätWürzburg und gleichzeitig die Chefin von Europas größtem Archiv von Schulwandbildern.Etwa 20.000 Bilder sind der Teil der Sammlung.
Die Plakate hängen aufgerollteng hintereinander oder stapeln sich platt übereinander auf großen Tischen in eineralten Halle auf einem ehemaligen US-Kasernengelände. Auf einer Fläche von rund 400Quadratmetern lagert das Schulwissen aus eineinhalb Jahrhunderten. Die Uni-Sammlungdokumentiere fast vollständig die Geschichte der Schulwandbilder im deutschsprachigenRaum von 1840 bis 1990, sagt Uphoff. Nur die Bilder aus der DDR fehlten.
Gedruckte Zeitzeugen
"Die Darstellungenstammen aus allen Wissensbereichen, von der Religion bis zur Tierkunde, von derGeschichte bis zur Himmelskunde - nur Geografie ist nicht dabei", sagt Uphoff.Die Bilder allein seien schon eindrucksvoll, doch auch darüber hinaus erzählen diegedruckten Zeitzeugen viel.
"Man kann die Entwicklungder Drucktechnik und der Pädagogik anhand der Sammlung gut verfolgen." Deutlichterkannbar sei beispielsweise, dass der Unterricht im Laufe der Jahrhunderte ganzheitlicherwurde. "Tiere, Pflanzen, Menschen - sie wurden nicht mehr bloß auf hellem Hintergrunddargestellt, sondern in ihre natürliche Umgebung eingeordnet."
Die Schulwandbilder ließenaber auch Raum für eine Ideologisierung der Kinder, sagt Uphoff. Mit den Plakatenkonnte ihnen der jeweilige Zeitgeist leicht eingeimpft werden. So seien in bestimmtenZeiten etwa Rassismus und Vorurteile bewusst gestreut worden.
Vorurteile vom rückständigenAfrikaner
Mit Bildern von afrikanischenBananenplantagen in deutschen Kolonien seien beispielsweise die Vorurteile vom rückständigenAfrikaner und der deutschen Vorherrschaft zementiert worden, erklärt die Expertin."Das, was Kinder damals von der Welt kannten, hatten sie von den Schulwandbildern.Die Plakate waren deshalb sehr prägend."
Beim Durchstöbern der Roll-und Flachkarten stoßen Wissenschaftler immer wieder auf neue Forschungsmöglichkeiten.Kulturgeschichte, Kunstwissenschaft, Medienpädagogik, Didaktik - "hier kannman sich fachübergreifend austoben und in die Erforschung einer Nische stürzen",sagt Uphoff. Damit das künftig leichter wird, soll die Sammlung komplett inventarisiertund digitalisiert werden. Die Schulwandbilder sollen zudem vermehrt an Museen oderregionale Ausstellungen verliehen werden.
Produziert wird noch
Obwohl Schulwandbilder längstnicht mehr zu den modernen Unterrichtsmitteln gehören, werden sie in Deutschlandnoch immer hergestellt. "Wir produzieren vor allem für Osteuropa, Australienund die USA. In Übersee werden sie jedoch vor allem als Homedesign genutzt",sagt Christian Machalet, Geschäftsführer des Hagemann-Verlages mit Sitz in Düsseldorf.Die Firma ist eine der wenigen in Deutschland, die noch botanische und zoologischeLehrtafeln fertigt. Einst waren die größten Schulwandbild-Verlage in Leipzig undDresden angesiedelt. "Die klassische Lehrtafel ist längst ein Museumsstückgeworden", sagt Machalet.
Komplett konnten Beamer,Fernseher und Co. die Schulwand allerdings nicht aus den Klassenzimmern vertreiben.Landkarten und Schulwandbilder für die Chemie sind dort noch immer zu finden. Machalet:"Das Periodensystem wird eben nicht auf White-Boards übertragen, sondern weiterhinan die Wand gehängt."
Quelle: n-tv.de

