Wissen
Die Computergrafik zeigt, wie die Steine damals aufgestellt gewesen sein könnten.
Die Computergrafik zeigt, wie die Steine damals aufgestellt gewesen sein könnten.(Foto: dpa)
Dienstag, 08. September 2015

Siedler stießen Steine um: Ur-Stonehenge wurde "begraben"

Um die Bedeutung der aufgestellten Stonehenge-Steine in England gibt es viele Theorien und noch mehr offene Fragen. Um diese zu beantworten, untersuchen Forscher des Stonehenge Hidden Landscapes Project seit 2010 Meter für Meter das Gebiet um Stonehenge - und werden fündig. Was die neuesten Entdeckungen aussagen, erklärt Professor Wolfgang Neubauer, Leiter des Ludwig Boltzmann Instituts, in einem Gespräch mit n-tv.de.

n-tv.de: Prof. Neubauer, Sie fanden Steine, die bereits als "Ur-Stonehenge" bezeichnet werden, unter einem aufgeschütteten Wall. Wurden die Steine von Siedlern vergraben?

Video

Prof. Neubauer: Wir haben bei unseren Messungen unter der Wallaufschüttung die Steine gefunden, die ursprünglich in einer Reihe aufgestellt waren. Einige davon liegen, einige davon fehlen, aufrecht steht aber kein Stein mehr. Die Geschichte mit der Wallaufschüttung durch Siedler ist insofern richtig, weil wir dort ursprünglich eine c-förmige, natürliche Formation in einem alten Flussmäander entdeckt haben, wo sich das Kreidegestein mehr oder weniger weiß scheinend abgezeichnet und in der Landschaft deutlich hervorgehoben hat. Das Ganze erschien wie eine natürliche Arena. Gleichzeitig gab es dort Feuersteinbänke - ein Grund mehr, warum sich damals Menschen dort ansiedelten.

Um 2600 vor Christus hat man dann begonnen, das, was wie eine natürliche Arena erschien, umzubauen. Es entstand ein mächtiger Graben, der 16 Meter breit und 6 Meter tief ist. Die Erde des Grabens schüttete man auf die Klippe der c-förmigen Formation. Wir gehen davon aus, dass spätestens zu dieser Zeit die Steine, die heute liegen, umgestoßen worden sind. So wurde das, was wir heute als Super-Stonehenge bezeichnen, aus der Landschaft gelöscht. Zur gleichen Zeit muss Stonehenge, das rund drei Kilometer entfernt liegt, entstanden sein.

Sie haben mit verschiedenen modernen Techniken wie Bodenradar oder Magnetometer große Gebiete untersucht. Warum wurde nicht gegraben?

Bilderserie

Wir haben zwölf Quadratkilometer Land rund um Stonehenge untersucht. Es ist absolut unmöglich, so große Gebiete mit der Schaufel archäologisch zu beackern. Mit unseren Untersuchungstechniken haben wir 200.000 interessante Dinge im Boden gefunden. Wenn man sich nun vorstellt, dass man für jedes Teil, das man ausgräbt, ungefähr einen Monat benötigt, dann wären 200.000 Monate nötig, um alle Dinge zu bergen. Dazu kommt: Wenn man diese Dinge ausgräbt, dann sind sie zerstört. Besser ist es, auf eine Technologie in der Zukunft zu warten, die noch mehr sichtbar machen kann.

Welche anderen spektakulären Funde außer Ur-Stonehenge konnten sie denn machen?

Wir haben bereits im letzten Jahr verschiedene Steinformationen präsentiert, darunter einen "Long Barrow". Das Gemeinschaftsgrab, das sich ungefähr 300 Meter von der neuen Entdeckung entfernt befindet, zeigt uns, dass bereits in der Zeit zwischen 3900 bis 3700 vor Christus in dem Gebiet Menschen gelebt haben.

Gehören die Steine zu den sogenannten "Durrington Walls" oder sind sie aus einer anderen Zeit?

Die Steine, die wir gesehen haben, liegen tatsächlich unter dem Superhenge "Durrington Walls", zu dem die Wallaufschichtung und der bereits beschriebene massive Graben gehören. Das, was wir gefunden haben, ist ein älteres Monument an derselben Stelle, die von der Wallaufschüttung verdeckt wurden und deshalb hat bisher auch niemand dieses Monument gefunden. Die neuen Entdeckungen lassen die Vermutung zu, dass "Durrington Walls", zu dem alle Entdeckungen rund drei Kilometer südöstlich von Stonehenge entfernt gehören, schon viel, viel länger eine wesentliche Bedeutung gehabt haben als Stonehenge selbst.

Eine große Anzahl der Steine ist verschwunden und man kann nur noch die Gruben sehen. Wo sind die fehlenden Steine?

Genau das ist die Frage. Wir wissen, dass sie nicht mehr da sind und haben uns natürlich auf die Suche gemacht. Es gibt die Verbindung zu wenigen Orten, wo solche Steine auftreten, auch in einem Steinkreis in Stonehenge. Es ist durchaus denkbar, dass die Steine dafür verwendet worden sind. Wenn alles gut läuft, dann findet man dort 75 der fehlenden Steine. Wir haben insgesamt 200 Steinlöcher gefunden, 40 Steine sind noch da. Also fehlen 160, davon könnten noch einige unentdeckt unter der Erde sein und es könnten einige auch beim Transport nach Stonehenge kaputt gegangen sein. Die Hälfte des Weges dorthin führt bergab. Dass diese Steine zum Bau von Stonehenge tatsächlich gebraucht worden sind, muss aber erst noch wissenschaftlich bewiesen werden.

Was passiert als nächstes mit den Funden? Wird es Ausgrabungen geben?

Wir planen noch weitere Messmethoden zum Einsatz zu bringen, um unsere Entdeckungen noch zu vertiefen. Wie es dann weitergeht, liegt nicht in unserem Ermessen, denn wir forschen an einem Weltkulturerbe. Da kann man Untersuchungen, egal welcher Art, nicht einfach so durchführen.

Mit Professor Wolfgang Neubauer sprach Jana Zeh

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen