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Ritual oder Pragmatismus: Warum hat der Neandertaler seine Angehörigen bestattet?
Ritual oder Pragmatismus: Warum hat der Neandertaler seine Angehörigen bestattet?(Foto: picture alliance / dpa)
Freitag, 17. Januar 2014

Ausgeklügelte Neandertaler-Kultur?: Urzeit-Gräber werfen Rätsel auf

Lange Zeit galten sie als kulturlose Keulenschwinger. Jüngere Entdeckungen stellen die Neandertaler in neuem Licht dar. Eine Studie bestätigt, dass sie ihre verstorbenen Angehörigen bestatteten. Doch warum? Die spärlichen Funde lassen Raum für Spekulationen.

Am 3. August 1908 machten die drei Brüder Amedée, Jean und Paul Bouyssonie in Südwestfrankreich einen aufsehenerregenden Fund: In einer Höhle nahe La Chapelle-aux-Saints in der Region Limousin entdeckten sie Knochen eines Neandertalers. Das rund 50.000 Jahre alte Skelett war nahezu unversehrt. Der Fund war eine wissenschaftliche Sensation. Aus den - teilweise deformierten - Knochen des in der Fachwelt LCS1 genannten Mannes zogen Forscher weitreichende Schlüsse über das Leben der Neandertaler.

Der französische Paläontologe Marcellin Boule prägte die Vorstellung von eher affenartigen Wesen, die nur wenig mit dem modernen Menschen gemein haben. "Darauf basierte lange Zeit das Bild vom Neandertaler als keulenschwingendem Höhlenbewohner", sagt Prof. Thorsten Uthmeier von der Universität Erlangen.

Grube bewusst angelegt

Ausgerechnet dieser Fund lieferte aber auch den ersten klaren Beleg dafür, dass unsere vor etwa 34.000 Jahren ausgestorbenen Verwandten wohl Tote bestatteten - lange bevor der moderne Mensch vor etwa 44.000 Jahren nach Europa kam. "Vor allem die Grube und der gute Zustand des Skeletts deuteten darauf hin, dass es sich um ein Grab handelte", sagt Professor Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Nur eine schnelle Bestattung, so die Annahme, habe den Toten vor aasfressenden Tieren bewahrt.

Schädel eines jüngeren Vertreters der Neandertaler, des Saint-Césaire, aus der französischen Region Charante-Maritime.
Schädel eines jüngeren Vertreters der Neandertaler, des Saint-Césaire, aus der französischen Region Charante-Maritime.(Foto: picture alliance / dpa)

In den folgenden Jahren entdeckten Forscher weitere mögliche Gräber von Neandertalern. Manche Experten sprechen inzwischen von insgesamt 40 gut belegten Bestattungen, Hublin bewertet etwa ein Dutzend Funde als überzeugend. Sie liegen vor allem in Frankreich und im Nahen Osten, etwa Kebara in Israel oder Shanidar im Nordirak. "Irgendwann nahm man Bestattungen als gesichert an", sagt Hublin. "Doch daran gab es Kritik."

Gräber überprüft

Skeptiker monierten, das bloße Vorhandensein unversehrter Skelette sei kein Beweis für ein absichtlich angelegtes Grab. Körper könnten auch durch Steinschlag oder Erdrutsche verschüttet und vor Tieren geschützt werden. Und die Senken, in denen man die Toten fand, könnten natürlichen Ursprungs sein oder von Tieren gegraben. "Das Problem war, dass man nicht einfach zurückgehen und die Gräber prüfen konnte", sagt Hublin. "Sie waren ja schon vor Jahrzehnten ausgegraben worden."

Schließlich tat eine internationale Forschergruppe dennoch genau das: Mehr als 100 Jahre nach der Entdeckung in La Chapelle-aux-Saints nahmen die Wissenschaftler um William Rendu vom Pariser Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS) die Ausgrabungsstätte erneut minuziös unter die Lupe - und wurden überraschend fündig, wie sie in den "Proceedings" der US-Akademie der Wissenschaften ("PNAS") berichten. In verschiedenen Schichten fanden sie Steinwerkzeuge zum Ritzen und Schaben, zusammen mit Resten von Rentieren, Bisons, Wölfen und Dachsen.

13 Relikte von Neandertalern

Doch vor allem stießen sie auf 13 Relikte von Neandertalern. Vier davon stammten von dem ursprünglich entdeckten Skelett LSC1: die Wurzel eines Backenzahns, ein Splitter vom Schulterblatt, ein Teil des Ellenknochens und ein Fingerglied. Die übrigen Stücke - durchweg Zähne - ordnete die Gruppe zwei Kindern und einem Erwachsenen zu.

Rekonstruktion einer Gruppe Neandertaler im Neandertaler Museum in Krapina, Kroatien.
Rekonstruktion einer Gruppe Neandertaler im Neandertaler Museum in Krapina, Kroatien.(Foto: picture alliance / dpa)

Am Fundort sei die Vertiefung im Mergelgestein - 39 Zentimeter tief, 140 Zentimeter lang und 85 Zentimeter breit - höchstwahrscheinlich nicht natürlichen Ursprungs und auch nicht von einem Bären für den Winterschlaf gegraben worden, betonen die Forscher nach der Analyse. Man müsse davon ausgehen, dass die Grube bewusst angelegt worden sei.

Hauptargument für ein Grab aber ist der Zustand des Skeletts, der sich fundamental von den gefundenen Tierknochen unterscheidet. Während diese verwittert und angenagt waren, wies LSC1 keine solchen Spuren auf. Dies zeige, ebenso wie die weitgehende Vollständigkeit des Skeletts, dass der Körper rasch mit Erde bedeckt worden sei. "Es gibt keinen Grund, die Interpretation von LCS1 als Bestattung anzuzweifeln", folgern die Forscher und betrachten die Frage als geklärt. Hublin hält die Argumentation für "ziemlich überzeugend".

Schutz für die Toten

Doch er warnt davor, dies mit heutigen Beerdigungen gleichzusetzen. "Minimalkonsens ist: Die Bestattungen waren dazu gedacht, die Toten zu schützen, etwa vor Aasfressern wie Hyänen", sagt auch Uthmeier. Alles Weitere sei Spekulation. Daraus auf Rituale oder gar Jenseitsvorstellungen zu schließen, gehe viel zu weit, zumal in den meisten Grabgruben Objekte fehlten. "Ohne Grabbeigaben sind Jenseitsvorstellungen kaum plausibel zu machen", sagt er.

Wie tückisch Interpretationen sein können, zeigt der Fall der Shanidar-Höhle im Nordirak. Aus gefundenen Pflanzenresten schloss der US-Prähistoriker Ralph Solecki, dass Neandertaler Gräber mit Blumen versahen. Im Titel eines 1971 erschienenen Buch porträtierte er die Neandertaler sogar als erstes Blumenvolk, "The First Flower People". "Nachuntersuchungen zeigten, dass die Fundschicht stark von Tiergängen durchzogen war", erzählt Uthmeier. "Die Blumenreste waren wohl von Kleintieren eingetragen."

Hublin sieht einen deutlichen Unterschied zwischen den Gräbern der Neandertaler und jenen des Homo sapiens. "Neandertaler-Gräber zielen darauf ab, den Körper zu schützen", sagt er. "Im Gegensatz zu Neandertalern kann man bei modernen Menschen viele Objekte finden." Die frühesten Gräber des Homo sapiens im heutigen Israel sind mehr als 100.000 Jahre alt. In Europa werden die frühesten Belege laut Uthmeier auf ein Alter von rund 30.000 Jahren datiert - also etwa zu jener Zeit, als die Neandertaler ausstarben.

Hinweise auf moderne Praktiken

"Manche Forscher haben Bestattungspraktiken verwendet, um moderne Menschen von Neandertalern zu unterscheiden", sagt Riel-Salvatore. "Wir zweifeln die orthodoxe Meinung an, dass alle modernen Gräber komplexer waren als die der Neandertaler. Mit fortschreitender Forschung finden wir Hinweise, dass die Neandertaler Praktiken anwandten, die generell als typisch für die modernen Menschen gelten."

Wie auch immer man Neandertaler sehen mag. Das extrem wechselhafte Bild spiegelte immer auch den Zeitgeist der jeweiligen Epoche wieder. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts galten die Cousins des Menschen als affenartige Primitivlinge. Erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts folgte die Rehabilitierung, der Fokus richtete sich auf die Gemeinsamkeiten mit dem Menschen.

Seit den 1990er Jahren gebe es eine differenziertere Sichtweise, sagt Uthmeier. "Es gibt viele Unterschiede zwischen Mensch und Neandertaler, aber sie müssen nicht zwangsläufig auf physischen Unterschieden beruhen. Sie können auch soziale oder kulturelle Gründe haben."

Quelle: n-tv.de

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