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Immer häufiger ruft die Messstelle vor Santa Maria della Salute "Acqua alta" aus.
Immer häufiger ruft die Messstelle vor Santa Maria della Salute "Acqua alta" aus.(Foto: REUTERS)

Die "Perle der Adria" versinkt: Venedig lebt mit dem Untergang

Von Diana Sierpinski

Brücken, Kanäle, Gondeln: Venedig ist lebendige Geschichte und kämpft dabei mit ganz modernen Problemen. Das Land, auf dem die Palazzi stehen, senkt sich ab, das Meer steigt durch den Klimawandel unerbittlich. Im 20. Jahrhundert kam die Stadt ihrem Untergang 25 Zentimeter näher. Und immer häufiger ertönen die Hochwasser-Sirenen.

Die meisten Venezianer bleiben gelassen, wenn die Sirenen ertönen.
Die meisten Venezianer bleiben gelassen, wenn die Sirenen ertönen.(Foto: REUTERS)

Venedig ist einzigartig, eine Stadt gebaut im Wasser, im Sumpf. Inmitten einer Lagune wurde die "Perle der Adria" auf über 100 Inseln erbaut. Mehr als 175 Kanäle mit einer Gesamtlänge von 38 Kilometern dienen als Straßen, der gesamte Verkehr findet auf dem Wasser statt. Zwar gibt es auch Straßen in Venedig, genau genommen sind es Gassen, doch diese können nur zu Fuß benutzt werden. Autos sind verboten. Früher waren Gondeln das traditionelle Fortbewegungsmittel in Venedig. Heute fahren damit allerdings hauptsächlich Touristen. Die Venezianer nutzen überwiegend Motorboote.

Viele Jahrhunderte war die Lage im Meer ein strategischer Vorteil, doch mittlerweile steht dem einzigartigen Weltkulturerbe das Wasser bis zum Hals. Mehrmals im Jahr sucht "Acqua Alta", wie das Hochwasser hier genannt wird, die Lagunenstadt heim - historische Plätze werden zu kleinen Seen, die Gassen unpassierbar, Keller und untere Stockwerke laufen voll. Das Leben wird mühsam in Venedig.

Viel häufiger Hochwasser

Zwar kam es im Laufe der Geschichte immer wieder mal zu Überschwemmungen und Hochwasser - doch lange nicht so häufig wie heute. In den vergangenen 40 Jahren hat sich die Anzahl der Hochwasser verdoppelt. 2010 gab es 18-mal Alarm. Dieser traurige Rekord dürfte längst nicht das Ende markieren. Klimaforscher rechnen mit zunehmend häufigeren und schlimmeren Hochwassern. Nach ihren Berechnungen könnte Venedig in 50 Jahren an jedem dritten Tag unter Wasser stehen.

Gab es in den 50er Jahren 18-mal Hochwasser, so bekam Venedig im vergangenen Jahrzehnt 65-mal nasse Füße.
Gab es in den 50er Jahren 18-mal Hochwasser, so bekam Venedig im vergangenen Jahrzehnt 65-mal nasse Füße.(Foto: REUTERS)

Vor allem im Herbst und im Winter steigen die Pegel in der Lagunenstadt. "Acqua Alta" entsteht, wenn bei besonders starker Flut und niedrigem Luftdruck der Scirocco-Wind das Wasser landeinwärts bis in die Kanäle von Venedig drückt. Wird am historischen Messpunkt Punta Salute mehr als 1,10 Meter über der Nullmarke erwartet, ertönen die Sirenen. Die meisten Venezianer bleiben gelassen, lassen das Wasser einfach in ihre Häuser hinein. Andere setzen Schotten in die Eingangstüren und werfen die Pumpen an.

Das Wasser steigt, der Lagunenboden sinkt

Doch warum kommt es immer häufiger zu "Acqua Alta"? Drei Hauptfaktoren kommen zusammen. Die globale Klimaerwärmung und die damit steigenden Meeresspiegel gelten als Hauptursache dafür, dass Venedig so oft und immer höher das Wasser bis zum Halse steht.

Zweitens sinkt die Stadt langsam ab. Venedig liegt ca. 25 Zentimeter tiefer im Wasser als noch vor hundert Jahren. Und der Prozess geht weiter. Nach einer Studie des Instituts für Meereswissenschaften von 2009 wird sich das Absinken Venedigs im 21. Jahrhundert auf bis zu 53 Zentimeter beschleunigen. Das liegt zum einen am Gewicht der Stadt selbst, zum anderen liegt es aber auch an der Grundwasserentnahme der Industrie. In den 1960er Jahren siedelten sich auf dem Festland in den Stadtteilen Mestre und Marghera Betriebe an. Da die Industrie einen enormen Bedarf an Süßwasser hatte, begann man, Grundwasser aus dem Boden unter der Lagune abzupumpen. Das führte dazu, dass die Stadt mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 14 Millimetern im Jahr in der Lagune versank. Erst Ende der 1960er Jahre erkannte man das Problem und begrenzte die Grundwasserentnahme. So konnte der Prozess verlangsamt werden.

Sie haben gelernt, mit dem Hochwasser zu leben.
Sie haben gelernt, mit dem Hochwasser zu leben.(Foto: REUTERS)

Der dritte entscheidende Faktor für das häufige Hochwasser ist die Erweiterung und künstliche Vertiefung der Hafeneinfahrten. Für die Industrietransporte wurden die Fahrrinnen in der Lagune auf bis zu 18 Meter vertieft und die Durchlässe zur Adria auf bis zu 900 Meter erweitert. Teile der Lagune wurden trockengelegt, andere durch Straßenbauten abgeschnitten. Das blieb nicht folgenlos. Eine Million Kubikmeter Sand und Geröll werden seitdem jährlich aus der Lagune ins Meer geschwemmt. Die tieferen und breiteren Fahrrinnen sowie der immer intensivere Schiffs- und Bootsverkehr sorgen für eine kräftige Strömung, die immer weniger vom Pflanzenbewuchs auf dem Lagunengrund gebremst wird. Diese Vegetation ist größtenteils längst der Wasserverschmutzung zum Opfer gefallen. In 50 Jahren, sagen Wissenschaftler, werde die Lagune allein dadurch um 15 Zentimeter absinken.

"Mose" soll Venedig retten

Das bisher schlimmste Hochwasser erlebte Venedig im Jahr 1966. Damals stiegen die Pegel auf 1,94 Meter über Normalnull. Dennoch dauerte es drei Jahrzehnte, bis die Venezianer ernsthafte Konsequenzen zogen. Zahlreiche Gremien wurden gegründet, Rettungspläne diskutiert, die Unesco eingeschaltet und große Summen für den Erhalt von Baudenkmälern und historische Stätten gestiftet. 2001 beschloss die italienische Regierung schließlich das größte und wahrscheinlich teuerste Anti-Flut-Vorhaben aller Zeiten: das Projekt "Modulo Sperimentale Elettromeccanico", abgekürzt "Mose": An den drei Eingängen zur Lagune sollen riesige Stahlkästen die Fluten der Adria fernhalten. Fünf Meter dick, 20 Meter breit und bis zu 30 Meter hoch sollen die Kästen sein, die in Betonfundamenten verankert werden. Bei normalen Wasserständen liegen die Stahlkolosse am Meeresgrund verborgen. Wenn Hochwasser droht, wird Luft in die Stahlkästen gepumpt, die sich dadurch aufrichten und eine Flutmauer bilden. Venedig wird so vom offenen Meer abgeriegelt. Insgesamt sollen für "Mose" 79 dieser gigantischen Fluttore auf einer Gesamtlänge von anderthalb Kilometern installiert werden.

Venedigs Kreuz mit den Kreuzfahrtschiffen.
Venedigs Kreuz mit den Kreuzfahrtschiffen.(Foto: picture alliance / dpa)

Eigentlich sollte "Mose" längst fertig sein, jetzt hofft man, dass es 2014 in Betrieb gehen kann, obwohl die Kommune Venedig mehrmals Einspruch erhoben und Dutzende Alternativvorschläge unterbreitet hat. Kritikpunkte an "Mose" sind vor allem die hohen Kosten, die ökologischen Auswirkungen und die umstrittene Wirksamkeit der Anlage. Besonders Umweltschützer sind skeptisch. Sie befürchten schlimme Auswirkungen für das Ökosystem der Lagune. In Venedig gibt es keine künstliche Abwasserentsorgung. Würden die Tore über einen längeren Zeitraum geschlossen, könnten die Abwässer nicht mehr von der Lagune ins offene Meer abfließen. Da die Industrie auch chemische Abwässer in die Lagune leitet, könnte diese in kurzer Zeit verseucht werden. Die Planer von "Mose" argumentieren mit der relativ kurzen Dauer des Hochwassers, das selten länger als einige Tage dauert. Ihrer Ansicht nach müssten für einen dauerhaften Schaden in der Lagune die Fluttore mehrere Wochen geschlossen werden.

Tod von Venedig

Die Venezianer haben gelernt, mit den Wassermassen zu leben. Bei "Acqua alta" schützen Blechbarrieren die Eingänge und Gummistiefel die Füße der Einheimischen und Touristen. Davon gibt es viele in der Lagunenstadt. Sie kommen in Massen, um den berühmten Markusplatz zu sehen, die Rialtobrücke und den Dogenpalast. Sie kommen in Zügen, Bussen, Flugzeugen und seit einigen Jahren auch in gigantischen Kreuzfahrtschiffen, die aussehen wie umgelegte Wolkenkratzer. Doch wie viele Besucher verträgt eine Stadt, die nicht einmal 60.000 Einwohner hat? Rund 30 Millionen Besucher muss Venedig jährlich verkraften. Die Stadt leidet unter dem gewaltigen Ansturm, für Einheimische ist das Leben längst nicht mehr, wie es war. Weil die Mieten immer weiter steigen und Geschäfte nur noch auf Touristen ausgelegt sind, fliehen viele Venezianer aus der Altstadt. 1961 lebten noch 137.500 Menschen in der Lagunenstadt. In den letzten 50 Jahren hat sich Venedigs Bevölkerung also mehr als halbiert.

Vor 100 Jahren schrieb Thomas Mann seine berühmte Novelle "Tod in Venedig", in der der Schriftsteller Gustav von Aschenbach in Venedig zuerst seine Würde und dann sein Leben verliert. Heute verdient der Abgesang einen neuen Titel: Tod von Venedig.

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Quelle: n-tv.de

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