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Das Modell zeigt einen Querschnitt durch den Bauchraum mit Hautkrebs-Metastasen.
Das Modell zeigt einen Querschnitt durch den Bauchraum mit Hautkrebs-Metastasen.(Foto: imago/McPHOTO)
Dienstag, 16. August 2016

Fast nie am Herzen : Warum trifft Krebs manche Organe häufiger?

Lungen-, Haut- und Darmkrebs kommt am häufigsten vor, Hirn-, Bauchspeicheldrüsenkrebs oder ein Tumor am Herzen dagegen nur sehr selten. Wieso Krebszellen manche Organe bevorzugen, diskutieren Forscher und entwickeln eine neue Theorie.

Bösartige Tumoren wuchern in einigen Organen viel häufiger als in anderen - warum? Wahrscheinlich sei das auch eine Folge natürlicher Selektion, erklären Forscher. Der Mensch könne Krebs in großen oder paarweise angelegten Organen zumindest für gewisse Zeit besser verkraften als in kleinen Organen oder solchen mit entscheidender Funktion wie dem Herzen. Daher hätten sich in den größeren Organen im Laufe der Evolution weniger Mechanismen zur Bekämpfung von Krebszellen entwickelt, so die im Fachjournal "Trends in Cancer" vorgestellte Hypothese der Wissenschaftler.

Die Wahrscheinlichkeit für eine Krebserkrankung steigt mit dem Alter - deshalb ist die Zahl der Betroffenen in den vergangenen Jahrzehnten parallel zur steigenden Lebenserwartung bei vielen Krebsarten gestiegen. In Deutschland erliegen inzwischen mehr als 220.000 Menschen jährlich einem Krebsleiden. Eine aktuelle Analyse der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) zeigt, dass in zwölf westeuropäischen Ländern inzwischen mehr Menschen an Krebs sterben als an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, der bisherigen Haupttodesursache. Deutschland gehört nicht dazu.

Ein menschliches Herz.
Ein menschliches Herz.(Foto: imago/Science Photo Library)

Von je 100.000 Menschen bekommen dem Beitrag in "Trends in Cancer" zufolge etwa 57 Lungen-, 24 Haut- und 41 Darmkrebs, aber nur 6 Hirn-, 12 Bauchspeicheldrüsenkrebs und nur ganz vereinzelt einmal jemand einen bösartigen Tumor am Herzen. Große Unterschiede gebe es auch bei den paarig angelegten Organen: So erkrankten im Mittel gut 16 von je 100.000 Menschen im Lebensverlauf an Nierenkrebs - aber nur knapp 3 von 100.000 Männern an Hodenkrebs und 6 von 100.000 Frauen an Eierstockkrebs.

Evolution als Grund ist umstritten

"Die Organe, die am wichtigsten dafür sind, dich am Leben und fortpflanzungsfähig zu halten, wie Herz, Gehirn und Gebärmutter, könnten besseren Schutz vor Krebs genießen", vermutet der Evolutionsbiologe Frédéric Thomas vom französischen Krebsforschungszentrum CREEC in Montpellier, einer der Autoren. Der Hauptfaktor für die unterschiedliche Anfälligkeit für bösartige Tumoren sei das sicher nicht, wohl aber ein durchaus bedeutsamer.

Hellmut Augustin vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg sieht das kritisch. "Evolution interessiert sich nie für das Überleben von Individuen, sondern nur für das der gesamten Population", betont er. "Tumoren sind zumeist Erkrankungen des fortgeschrittenen Alters jenseits der Fortpflanzungsphase. Für das Fortkommen der Spezies haben sie deshalb gar keine Bedeutung." Zudem sei Krebs verglichen mit den vielen anderen möglichen Fehlern in Zellabläufen ein sehr seltenes Ereignis. "Als Treiber für die evolutionäre Selektion ist er damit kaum geeignet."

Kritisch sieht Augustin auch die von den Forschern vorgenommene Einteilung in wichtigere und unwichtigere Organe. "Es hängt nicht allein von seiner Größe ab, wie gut ein Organ Tumoren im Gewebe zu tolerieren vermag", ergänzt er. Es sei aber gut und wichtig, den Zusammenhang von Regenerationsfähigkeit und Krebsanfälligkeit von Organen zu hinterfragen, betont Augustin. "Das sind sehr kluge Überlegungen, die da gemacht wurden." Die Theorie scheine aber letztlich auf die Gegebenheiten aufgepfropft. "Ich bin von der neuen Hypothese nicht wirklich beeindruckt."

Äußere und innere Einflüsse

Derzeit werden von Krebsforschern vor allem äußere Einflüsse wie Zigarettenrauch oder UV-Strahlung sowie innere Faktoren wie eine hohe Teilungsrate bei den Zellen eines Gewebes als Ursachen für das unterschiedliche Krebsrisiko verschiedener Organe angenommen. Die evolutionäre Basis könne das Gesamtbild vervollständigen, sind die Forscher um Thomas überzeugt. Anders als bei den größeren und als Paar vorhandenen Nieren zum Beispiel könnten bei der Bauchspeicheldrüse schon einige wenige Tumoren die Funktion immens beeinträchtigen, erklären sie. Daher sei es sinnvoll, dass der Körper in eine stärkere Krebsabwehr dieses Organs investiere.

Warum ist die Abwehr nicht einfach generell und überall im Körper maximiert, so dass es in allen Geweben nur selten zu bösartigen Wucherungen kommt? Ursache sei, dass eine besonders aktive Abwehr auch Nachteile habe, erläutern die Forscher: Die Prozesse, die Mutationen verhindern oder veränderte Zellen rasch absterben lassen, können andere wichtige Abläufe wie Wundheilung, Immunabwehr und die Zellvermehrung bei bestimmten Entwicklungsschritten beeinträchtigen. Zudem verschlinge die Abwehr Ressourcen, die dann nicht für anderes zur Verfügung stehen.

Krebserkrankung ein Zufall?

Von welchen Faktoren das Krebsrisiko eines Menschen in welchem Maße abhängt, wird von Experten seit Jahren intensiv diskutiert. Forscher der Johns Hopkins University in Baltimore (US-Staat Maryland) hatten mit einer umstrittenen Studie für Aufsehen gesorgt, der zufolge das Risiko wesentlich stärker vom Zufall als von Erbgut oder Umwelt bestimmt wird. Die Mehrheit der bösartigen Tumore entstehe schlichtweg durch Pech und die Zahl der Stammzell-Teilungen in einem Gewebetyp sei weit wichtiger als Erb- und Umweltfaktoren, schrieb das Team im Fachjournal "Science".

Bei jeder Teilung einer Zelle können sich beim Kopieren des Erbguts Genveränderungen einschleichen. Diese Mutationen werden zwar oft repariert, aber nicht immer, und können sich mit der Zeit anhäufen. Eine Mutation in einer Stammzelle ist besonders fatal, denn diese gibt ihre Mutationen lebenslang an alle Tochterzellen weiter, mitunter Milliarden davon, und legt damit die Saat für eine mögliche Krebserkrankung.

Jeder Krebs hat andere Auslöser

Den Forschern um den Biostatistiker Cristian Tomasetti und den Onkologen Bert Vogelstein zufolge sind etwa 65 Prozent der Unterschiede im Krebsrisiko verschiedener Gewebetypen durch die darin auftretenden Stammzell-Teilungen bedingt. Allerdings räumen sie ein, dass Umwelt- und Erbfaktoren bei manchen Krebstypen eine größere Rolle spielen als bei anderen. So ordnen sie 9 der 31 untersuchten Krebsarten – darunter Lungenkrebs und Hautkrebs – den durch äußere Bedingungen mitentstehenden Tumoren zu.

Die Unterschiede bei der Rate an Stammzell-Teilungen in einzelnen Geweben und Organen könnte ebenfalls auf evolutionäre Prozesse zurückgehen und genau darum in Herz und Gehirn so gering sein, mutmaßen die Wissenschaftler um Frédéric Thomas. Anhand von Langfrist-Untersuchungen an Mäusen will das Team versuchen, seine Theorie mit konkreten Fakten zu untermauern. "Es ist eine neue Hypothese, die es verdient, näher untersucht zu werden", ist Thomas überzeugt.

"Es wird schwer sein, das zu belegen", sagt Christoph Röcken, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Onkologische Pathologie in der Deutschen Krebsgesellschaft. Er halte die Hypothese für interessant und nachvollziehbar. "Es ist lohnenswert, darüber nachzudenken." Der Direktor des Instituts für Pathologie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein Campus Kiel gibt aber auch zu bedenken: "Das kann durchaus auch Zufall sein."

Varianzen in der Natur

Augustin hält andere Forschungsansätze für erfolgversprechender. Generell aber sei es sinnvoll, die Krebsbiologie beim Menschen detailliert zu hinterfragen. "Wir nehmen es oft als gegeben hin, dass Tumoren nun einmal typisch bei hohem Alter sind", sagt er. "Das sollten wir nicht." In der Natur gebe es immense Varianzen: "Eine Riesenschildkröte bekommt nach 100 Jahren keinen Krebs, eine Maus schon nach zwei Jahren." Viele Haustiere litten im Alter häufig an Krebs, eine Kuh hingegen könne wie andere Wiederkäuer sehr alt werden, ohne Tumoren zu entwickeln.

Langfristiges Ziel müsse es darum sein, die zugrundeliegenden Mechanismen zu finden und für den Menschen nutzbar zu machen. "Die Frage ist doch: Wie können wir Tumorerkrankungen effektiver vermeiden, früher erkennen und besser heilen, um das natürliche Langlebigkeitspotenzial des Menschen besser und gesünder auszuschöpfen?"

Quelle: n-tv.de

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