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Ein Assam-Makaken-Mädchen.
Ein Assam-Makaken-Mädchen.(Foto: Andrea Berghänel)
Samstag, 15. August 2015

Affen-Studie überrascht: Wer viel spielt, wächst langsamer

Das weiß doch jeder: Spielen fördert die Entwicklung. Dass sich durch wilde Tollerei allerdings das Wachstum verlangsamt, ist neu. Entdeckt wurde der Zusammenhang bei Beobachtungen von Assam-Makaken.

Wer viel spielt, wächst langsamer – das gilt zumindest für Affenbabys. Intensiv herumtollende Junge seien motorisch geschickter und bei Flucht oder Kampf im Vorteil, berichten Göttinger Forscher im Fachmagazin "Science Advances". Sie riskierten aber, deutlich später als gemütlichere Altersgenossen geschlechtsreif zu werden und darum im Lebensverlauf insgesamt weniger Nachwuchs zu bekommen.

"Auf den Menschen übertragen ist meine Empfehlung an alle Eltern: Schicken Sie die Kinder zum Spielen vor die Tür, aber gönnen Sie ihnen danach ein reichhaltiges Abendessen, wenn sie clever, groß und stark werden sollen", so Mitautorin Julia Ostner von der Universität Göttingen. Ihr Ergebnis stütze Beobachtungen beim Menschen, schreiben die Forscher. Demnach beeinflusst extreme Aktivität in der Kindheit – etwa bei jungen Athleten – das Wachstum und die sexuelle Reifung.

Spielverhalten als Wachstumsfaktor

Affen tollen herum.
Affen tollen herum.(Foto: imago stock&people)

Evolutionsbiologen waren bisher davon ausgegangen, dass Tiere nur dann wild spielen, wenn dafür überschüssige Energie vorhanden ist, die nicht zum Wachsen benötigt wird – oder das Spiel überlebenswichtige Vorteile bringt. Das Spielverhalten sei darum als Faktor bei Studien zu Wachstumsunterschieden meist gar nicht erst berücksichtigt worden, erklärt das Forschertrio.

Julia Ostner, Oliver Schülke und Andreas Berghänel von der Universität Göttingen hatten 17 junge Assam-Makaken (Macaca assamensis) im thailändischen Reservat Phu Khieo beobachtet. Sie erfassten, wie oft und wie wild die Männchen und Weibchen spielten und wie schnell sie sich neue motorische Fähigkeiten aneigneten. Parallel dazu wurde das jeweilige Nahrungsangebot registriert und mit Hilfe von gut 1700 Fotos und speziellen Analyseprogrammen auf die Wachstumsrate der einzelnen Tiere geschlossen.

Affenjungen verausgaben sich beim Spiel

Schon bei etwas eingeschränktem Nahrungsangebot bestimme das jeweilige Spielverhalten bis zu 50 Prozent der Wachstumsunterschiede bei den Äffchen, schreiben die Forscher. Das bedeute, dass die bisherige Theorie – Energie zum Spiel nur bei keinem Bedarf fürs Wachstum – nicht stimme. "Die ungehinderte Entwicklung scheint nicht wichtiger zu sein als das Spielen, die kleinen Affen verausgaben sich dabei so sehr, dass sie mit dem Wachsen nicht hinterherkommen", erklärt Julia Ostner, die auch am Deutschen Primatenzentrum in Göttingen eine Forschungsgruppe leitet.

Vor allem die Männchen toben demnach so viel herum, dass ihnen Energie zum Wachsen fehlt – nicht, weil sie weniger fressen, sondern weil sie seltener ruhen. Sie bleiben darum in ihren ersten Lebensjahren oft kleiner als ihre Artgenossinnen und faulere Männchen. Dass die Evolution Spiel über Wachstum stellt, überrascht: Schließlich hat ein größeres Tier meist weit bessere Chancen bei der Abwehr von Feinden und Rivalen. Offenbar wiege die bessere Motorik der "Viel-Spieler" den Nachteil verzögerten Wachstums wieder auf, erläutern die Forscher. Auch Faktoren wie die im Spiel erworbene Sozialkompetenz oder die Fähigkeit, mit unerwarteten Situationen umzugehen, spielten möglicherweise eine Rolle.

Affenmädchen wollen schnell wachsen

Assammakakenkinder mit ihrer Mutter
Assammakakenkinder mit ihrer Mutter(Foto: Andreas Berghaenel)

Es verwundere nicht, dass Weibchen eher Wert auf Wachstum und frühe Reife legen: Ihr biologischer Lebenserfolg werde durch die Zeitspanne bestimmt, in der sie Junge gebären können. Und diese sei umso länger, je eher das Weibchen fortpflanzungsfähig werde. Für die Männchen gebe es diese Einschränkung nicht. Die Zahl ihrer Nachkommen hänge eher vom Rang in der Gruppe und der Fähigkeit ab, Angriffe möglichst unverletzt zu überstehen. Weibliche Assam-Makaken werden mit fünf bis sechs Jahren geschlechtsreif, Männchen sind erst mit neun bis zehn Jahren ausgewachsen.

"Spiel" wird von Wissenschaftlern unter anderem darüber definiert, dass es keinem unmittelbaren Zweck dient. Es bringt keinen direkten Gewinn – kostet aber Energie. Spaß zu haben, scheint weit weniger lebensnotwendig zu sein als Nahrung oder Schlaf. Warum die Evolution dennoch etlichen Tieren die Fähigkeit verlieh, sich prächtig zu amüsieren, hat Forscher lange rätseln lassen. Spaß und Spiel ermöglichen es Tieren, Fähigkeiten in relativer Sicherheit zu erwerben und zu verbessern.

Für junge Steinböcke etwa ist es zwar riskant, aus Jux über steile Berghänge zu toben – für die spätere Flucht vor Räubern aber ist dies eine gute Schule. Und dieser Vorteil überwiegt offensichtlich. Auch für das soziale Miteinander ist das Spielen wichtig: Pavian-Jungs zum Beispiel raufen gern mit ihresgleichen und trainieren so für den Kampf um sozialen Status in der Gruppe. Pavian-Mädchen hingegen spielen lieber mit dem Nachwuchs hochrangiger Weibchen, der zum idealen – weil ebenfalls hochrangigen – Verbündeten heranwächst.

Spielspaß wurde zudem lange nur intelligenten Säugetieren wie Affe, Hund, Elefant, Otter oder Bär zugestanden, zudem einigen Vögeln wie Papagei und Krähe. Doch auch einfachere Tiere sind dazu in der Lage: Fische wurden – wenn auch äußerst selten – zum Beispiel beim Überspringen von Hindernissen beobachtet. Eine Froschart, der sozial lebende Goldbaumsteiger, liefert sich zweckfrei kurze Ringkämpfe. Und Komodowarane können beim Spiel mit alten Schuhen oder Bällen wie Hunde wirken.

Quelle: n-tv.de

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